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Es ist kompliziert! Zur möglichen Wahlverwandtschaft zwischen Politik und Wissenschaften

Veröffentlicht am 4. Juni 2020

„Ein Wissenschaftler ist kein Politiker, der wurde nicht gewählt und der muss nicht zurücktreten. Kein Wissenschaftler will überhaupt so Dinge sagen wie: Diese politische Entscheidung, die war richtig. Oder diese politische Entscheidung, die war falsch. Oder diese politische Entscheidung, die muss jetzt als Nächstes getroffen werden. Sie hören das von keinem seriösen Wissenschaftler. […] Die Wissenschaft bekommt damit langsam wirklich ein Problem mit dieser doppelten Aussage, die sowohl von der Politik, wie auch von der Wissenschaft kommt. Beide Seiten sagen, die Politik trifft die Entscheidungen und nicht die Wissenschaft. Das sagt sowohl die Politik, wie auch die Wissenschaft. Dennoch wird weiterhin immer weiter dieses Bild des entscheidungstreffenden Wissenschaftlers in den Medien produziert. Wir sind hier langsam an einem Punkt, wo dann demnächst auch die Wissenschaft in geordneter Weise den Rückzug antreten muss, wenn das nicht aufhört.“
– Christian Drosten, NDR Info: Coronavirus-Update. Folge 24, 30.03.2020.

Die Corona-Krise zeigt, wie viel Unsicherheit in der Verhältnisbestimmung von Politik und Wissenschaft besteht. Politische Entscheidungsträger*innen – so scheint es – waren noch nie so sehr auf wissenschaftliche Expertise angewiesen, aber auch in der Gesellschaft selbst findet sich ein Verlangen nach eindeutigen wissenschaftlichen Erklärungen und Empfehlungen. Zugleich finden sich Wissenschaftler*innen wie nie zuvor in der medialen Öffentlichkeit präsentiert und damit zugleich in Debatten, für die sie nicht immer gerüstet sind.[1] Trotz eines Grundvertrauens gegenüber Wissenschaftler*innen[2] führt deren Sichtbarkeit zu der Frage: Wie sehr können und müssen sich Wissenschaftler*innen in die Politik einmischen? Und wie stark können und müssen Politiker*innen wissenschaftliche Ergebnisse als Grundlage ihrer Entscheidungen gewichten?

Eine klassische Position beharrt hier auf einer strikten Arbeitsteilung der beiden Sphären. Wissenschaftler*innen seien für die Fakten zuständig. Politiker*innen dagegen für die wissenschaftlich informierte politische Gestaltung.[3] Auf den ersten Blick scheint diese Unterscheidung durchaus plausibel zu sein. Politik besteht gerade in dem Abwägen verschiedener Interessen, bei denen es nicht eine eindeutige Antwort geben kann, sondern eine Vielzahl von Optionen im Raum stehen. Mehr noch, wir sprechen von einer ausgewogenen politischen Entscheidung, je konträrer die Standpunkte sind, die sie in einem Kompromiss zu integrieren vermag. Oft stehen Entscheidungsträger*innen dabei – wie auch angesichts des pandemischen Ausbruchs von SARS-CoV-2 – unter massivem Zeitdruck. Sie können nicht auf einen Grad an Sicherheit warten, wie er innerhalb der Wissenschaften als Maßstab gesetzt ist. Und selbst ein nüchterner Blick auf Politik könnte zu dem Schluss kommen, dass es in ihr weniger um so etwas wie Wahrheit oder Tatsachen geht, sondern um Macht und das Durchsetzen von Interessen. Mehr noch, die eigentliche Problematik, die unter dem Namen Politik verhandelt wird, kann gar nicht mittels der technischen oder wissenschaftlichen Logik gelöst werden.

Ohne an dieser Stelle im Detail zu definieren, was „Wissenschaft“ oder „Politik“ auszeichnet, wäre vor diesem Hintergrund jede Verwischung zwischen beiden eine unrechtmäße Vermengung, in der Kompetenzen überschritten werden.[4] Eine Kritik an genau dieser Vermengung findet sich auch angesichts der Corona-Krise. Gemäß der einen Seite würden wir gegenwärtig Zeug*innen einer skandalösen Instrumentalisierung der Wissenschaft werden. Die Berufung auf eine vermeintlich eindeutige Faktenlage entpolitisiere den Willensbildungsprozess und die öffentliche Debatte und entkerne damit das demokratische Grundprinzip der Pluralität. Insofern die Notwendigkeit politischer Maßnahmen direkt aus wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeleitet werden würde, würden diese Maßnahmen jeder Debatte enthoben werden, da jede Gegenstimme sich als unwissenschaftlich und irrational disqualifiziere. Besondere Brisanz enthält eine Variante dieser Diagnose, die mit einer generellen Skepsis gegenüber dem Wissenschaftsbetrieb verbunden ist. In ihrer Lesart sind es nämlich nur „scheinbar“ unumstößliche wissenschaftliche Erkenntnisse, die gezielt von Politiker*innen instrumentalisiert werden, um ihre politische Agenda durchzusetzen. An dieses Motiv schließt auch die Rede des „Ausnahmezustandes“ an, durch den im Namen von naturwissenschaftlichen Gesetzen massive Beschränkungen von Grundrechten legitimiert werden. Nicht weniger beunruhigend scheint die andere Befürchtung, nach der Politik als solche überflüssig werde und die Wissenschaftler*innen selbst die Lenkung der Gesellschaft übernehmen. Politiker*innen schrumpfen in dieser technokratischen Vision zusammen auf bloße Vollzugsorgane eines bürokratischen Apparats, mit der Funktion, naturwissenschaftlich-technologische Erkenntnisse möglichst reibungslos in gesellschaftliche Verwaltung zu übertragen.

Beide Varianten warnen vor einer scheinbar unrechtmäßigen Vermischung gesellschaftlicher Sphären. In der ersten Version stoßen wir auf eine Politik, die sich als Wissenschaft geriert und damit letztlich zur Ideologie wird. In der zweiten Version ist es eine Wissenschaft, die als Technokratie die Politik ablöst. Die Reaktion, die darauf erfolgt, ist es, sowohl Politik als auch Wissenschaft wieder ihren angeblich bestimmten Domänen zuzuweisen. Wissenschaftler*innen bleiben bitte im Labor, die Politik trete bitte auf die Agora. Was zwischen diesen beiden Sphären geschieht, bleibt dann aber genauso nebulös und ungeklärt wie zuvor.

So sinnvoll diese Unterscheidung auf analytischer Ebene sein mag, stellt sich doch die Frage, ob ihre Überbetonung uns in der aktuellen Situation nicht in eine begriffliche Sackgasse führt und damit letztlich unser Selbst- und Weltverhältnis zweiteilt.[5] Exemplarisch zeigt sich dies an Wendungen von Wissenschaftler*innen, die in öffentlichen Debatten umschalten und sagen, sie sprechen jetzt „nur“ als „Bürger*in“ und nicht mehr „als Wissenschaftler*in“. Oder in der generellen Selbstbeschränkung des Urteils, wenn sie strikt darauf beharren, überhaupt nur für die wissenschaftliche Perspektive zuständig zu sein, da ihnen jedes demokratische Mandat für Entscheidungen fehlt. Damit haben sie zugleich Recht und manövrieren sich doch in eine unmögliche Position. Wissenschaftler*innen begehen in dieser Selbstdeutung einen permanenten performativen Widerspruch, denn in der Tat kommentieren, kritisieren und bewerten sie unentwegt die politische Gestaltung von Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie durchgesetzt wurden. Sie präsentieren nie einfach nur „Tatsachen“, sondern verknüpfen sie dabei unentwegt mit Gesellschaft. Sie „politisieren“ sie gewissermaßen. Und ab diesem Punkt sind Wissenschaftler*innen unweigerlich, mal bewusst mal unbewusst, Teil gesellschaftlicher Gestaltungs- und Selbstklärungsprozesse. Nicht weil sie „auch“ Bürger*in sind, sondern weil ihre wissenschaftliche Praxis selber eingebettet ist in gesellschaftliche Werte und Ideale. Es ist daher müßig, Wissenschaftler*innen den Vorwurf des Politisierens zu machen, die in der jetzigen Situation versuchen, Erkenntnisse zu produzieren und öffentlich zu vermitteln, die uns helfen können, in einer Situation maximaler Unsicherheit umsichtige Entscheidungen zu treffen und nachzuvollziehen. Es ist gerade die Forderung der politischen Enthaltsamkeit der Wissenschaften, die es ihnen begrifflich verunmöglicht, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, ohne in ein undemokratisches Extrem zu kippen.

Ein geordneter Rückzug der Wissenschaften scheint hier das letzte zu sein, was wir brauchen. Im Gegenteil: Die Forderung müsste gleichermaßen sein, die Wissenschaft zu politisieren und die Politik zu verwissenschaftlichen. Damit diese skandalöse Forderung aber nicht zur ideologischen oder technokratischen Dystopie verkommt, braucht es einen spezifischen Begriff von Politik und Wissenschaft, der in dessen Verflechtung nicht bloß einen fatalen Kurzschluss sieht, sondern eine immer schon bestehende Beziehung, die es so demokratisch wie möglich zu gestalten gilt.

Um diese Beziehung neu zu denken, müssen wir uns von der monolithischen Vorstellung der Wissenschaft lösen und ihre Vielstimmigkeit in den Blick nehmen. Konsequenterweise müsste daher von den Wissenschaften im Plural gesprochen werden.[6] Nicht nur, um auf die Vielzahl der Disziplinen zu verweisen, sondern auch um an die Debatten und Spannungen innerhalb einer Disziplin zu erinnern. Die Stärke der Wissenschaften liegt nicht darin, vereinheitliche Erklärungen zu entwickeln, sondern sich aus sich selbst immer wieder zu dezentrieren; durch neue Daten, abweichende Interpretationen oder eingestandene Fehler. Die Wissenschaften institutionalisieren den Zweifel, aber nicht in Form eines destruktiven Misstrauens, sondern als produktive Kritik. Dann aber ist klar, dass eine Änderung des Standpunkts kein opportunistisches Verhalten, sondern einer wissenschaftlichen Haltung selbst immanent ist. Sie scheitert vorwärts.[7]

Fast ließe sich sagen, dass über Fakten genauso gestritten werden kann wie über Werte. Damit ist nicht gesagt, dass die Wirklichkeit einfach verschwindet, wenn wir uns alle darauf einigen. Wir können berechtigterweise von der Wirklichkeit widerlegt werden, wir können uns über sie irren, und wer hiernach immer noch auf einer falschen Position beharrt, ist ignorant oder lügt mit voller Absicht. Doch was wir gemeinhin als Fakten annehmen, sind oftmals nur vorläufige Resultate spezifischer wissenschaftlicher Praktiken. Genauso wie es politische Debatten gibt, gibt es Konflikte in den Wissenschaften, was gar nicht zu dem Bild passt, was mitunter von „der“ Wissenschaft gezeichnet wird. Aber diese Konflikte, in denen immer auch verschiedene Interessen präsent sind, stellen keinen Mangel dar. Es ist kein Abfall von der wissenschaftlichen Reinheit, wenn auf ihre soziale Bedingtheit verwiesen wird, sondern ein Sichtbarwerden von Bezügen. Dass Wissenschaft bis in ihre Arbeit hinein in gesellschaftliche Interessen und Werte eingebunden ist, ist per se kein Makel, sondern kann Zeichen ihrer Qualität sein. Das heißt auch, dass die Politik nicht erst auf den Plan tritt, wenn die Fakten „fertig“ sind. Wie etwas faktisch werden kann und damit als Teil unserer Welt unser Handeln orientieren soll, ist selber immer wieder Gegenstand von Diskussion, sowohl politischer als auch wissenschaftlicher. Die Antwort scheint also ein Mehr an Transparenz dieser Bezüge zu sein und nicht die Abspaltung wissenschaftlichen Praxis von jeder politischen Auseinandersetzung.

Und genau in diesem Sinne erleben wir in der aktuellen Corona-Krise, wie die Arbeit von Wissenschaftler*innen, mit all den Gremien, Institutionen, Publikationen, Konflikten, ihren Vor- und Rückschritten plötzlich auf die gesellschaftliche Bühne gehoben wird. Diese Aufmerksamkeit gilt es für eine umfassenden Wissenschaftskommunikation zu nutzen, statt sie journalistisch zu skandalisieren, Nicht nur um der Öffentlichkeit Ergebnisse zu präsentieren, sondern um die oftmals verschlungenen und für Außenstehende unverständlichen Wege dorthin aufzuzeigen. Nur so kann im Sinne einer scientific literacy eine wissenschafts-mündige Öffentlichkeit entstehen, die im Stande ist, gute von schlechter wissenschaftlicher Praxis zu unterscheiden, Pseudowissenschaften als solche zu erkennen und kritisch die Legitimität wissenschaftlicher Politikberatung zu prüfen. Ebenso geht es dabei darum, ein Ethos der Wissenschaften selbst sichtbar werden zu lassen und so der Gesellschaft zu ermöglichen, die Fälle zu kritisieren, in denen dieses Ethos verraten wird. Teil dieses Ethos ist es, die Grenzen der eigenen Kompetenz zu benennen, das heißt auch, anzuerkennen, dass es selten eine eindeutige Übersetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in politische Entscheidungen gibt. Zudem müssen die Vorläufigkeit und damit die Unsicherheit von Ergebnissen offen kommuniziert werden. Das bedeutet auch, widersprechende Einschätzungen anderer Wissenschaftler*innen nicht zu verschweigen, sondern sie – wo berechtigt – als Teil einer scientific community zu verstehen.  Geschieht dies nicht, bleibt nur der Eindruck fragwürdiger Seilschaften sich widersprechender Expert*innen mit je nach Interesse beliebig austauschbaren Standpunkten.

Schließlich ist – wie in der Politik – auch für die Wissenschaft der Streit kein Selbstzweck. Er taucht immer dann auf, wenn bestimmte Phänomene noch nicht berücksichtigt wurden. Eine gute wissenschaftliche Praxis teilt mit Politik ein demokratisches Streben nach einem Mehr an Wirklichkeit, das heißt einem Mehr an Perspektiven, die berücksichtigt werden müssen und die eingeklagt werden müssen, wenn sie übergangen werden. Es sind sowohl Politik als auch Wissenschaften, die uns in der Corona-Krise auf ihre Weise helfen können, ein Sensorium für dieses Mehr auszubilden.

Neben dem produktiven Streit, den Wissenschaften mit der politischen Auseinandersetzung teilen, findet sich aber weiterhin ihre Fähigkeit, Verbindlichkeiten und damit Orientierungspunkte zu etablieren. Auch hier zeigt sich vielmehr eine Verwandtschaft zwischen Politik und Wissenschaften. Institutionen wie Gerichte und Verfassungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine Stabilität etablieren können, auf die wir uns nicht weniger verlassen als auf naturwissenschaftliche Gesetze. Der Unterschied zwischen den Wissenschaften und der Politik wäre daher nicht essentialistisch, sondern vor allem institutionell zu verstehen.[8] Es geht weniger um eine strikte Arbeitsteilung, die zu Ansprüchen führt, an denen jede Seite auf ihre Weise scheitert muss, sondern um die Einsicht, dass sowohl Wissenschaften als auch Politik immer zwei Momente enthalten: die Stiftung von Ordnungen und der offene Streit, in dem diese Ordnungen herausgefordert werden können.[9] Sie tun dies zweifelsohne auf sehr unterschiedliche Weise und doch teilen sie in einem fundamentalen Sinne die gesellschaftliche Funktion, eine gemeinsame Welt zusammenzusetzen. Eine Welt, in der wir uns aus Gründen auf verschiedenste Dinge – seien es andere Menschen, Rechtsinstitutionen oder wissenschaftliche Einschätzung – verlassen können. Umso gefährlicher ist es, wenn sie diese Funktion missbrauchen und damit ein Kernelement der Demokratie unterminieren: Vertrauen.

Eine Politisierung der Wissenschaft bedeutet nicht, „die“ Wissenschaft ins Politische aufzulösen oder ihre Arbeit einer spezifischen politischen Agenda zu unterstellen, sondern sie an ihre gesellschaftliche Aufgabe zu erinnern, die sich nicht in Auftragsarbeiten erschöpft. Wer das Zusammenspiel von Wissenschaften und Politik allein unter ideologiekritischer Perspektive sieht, läuft Gefahr, in eine anti-wissenschaftliche Haltung zu kippen, da keine Momente denkbar sind, in denen Wissenschaftler*innen zu Recht in die Politik intervenieren.[10] Eine Verwissenschaftlichung der Politik im positiven Sinne erlaubt es dagegen, wissenschaftliche Expertise nicht mehr allein als kaltes instrumentelles Herrschaftswissen gegen eine demokratische Debatte auszuspielen. Vielmehr ermöglicht sie es, wissenschaftliche Argumente als legitimen Bestandteil politischer Debatten anzusehen, die gerade nicht die Diskussion vorzeitig abbrechen, sondern sie erneut aufflammen lassen. In dieser Perspektive vermögen gerade die Wissenschaften zum Korrektiv einer „post-faktischen“ Politik zu werden, deren Entscheidungen als alternativlos deklariert werden. Es ist diese Politisierung, die die Wissenschaften vor einer Instrumentalisierung durch Politik bewahrt, der sie sonst nichts entgegenhalten könnte, ohne ihre angeblichen Kompetenzen zu überschreiten. Erst durch einen politisierten Wissenschaftsbegriff, der ihre innere Spannung mitdenkt, kann verhindert werden, dass eine opportunistische Politik wissenschaftliche Fakten mal als Legitimierung, mal als Entlastung von politischer Verantwortlichkeit missbraucht und wissenschaftliche Institutionen letztlich zum „Blitzableiter“ macht.[11]

Schließlich eröffnet dieser Blick Potentiale, insofern der demokratische Anspruch einer Gesellschaft sich auch in seinen wissenschaftlichen Institutionen widerspiegeln muss. Neben der bereits erwähnten Forderung einer transparenten und verständlichen Wissenschaftskommunikation mit dem Ziel einer breiten scientific literacy müssen die Wissenschaften die eigene Demokratisierung vorantreiben. Das heißt anzuerkennen, wie gesellschaftliche Ungleichheiten systemische Asymmetrien, Vereinseitigungen und Exklusionen in der Wissensproduktion und -aneignung bedingen und damit gesellschaftlich reproduzieren. Um bis dato ungehörte aber berechtigte Zweifel artikulierbar werden zu lassen, ist es daher notwendig, auf die Überwindung dieser Ungleichheiten hin zu arbeiten. Damit ist nicht gesagt, dass im Medium der Wissenschaften alle politischen Konflikte entschärft und rationalisiert werden können. Im Gegenteil bleiben wahrscheinlich die entscheidenden Konfliktzonen bestehen – und dabei sogar im doppelten Sinne, insofern gleichermaßen gegen wissenschaftlich geformte Herrschaftsdiskurse als auch gegen politische Unterdrückung gekämpft werden muss. Doch an die Wahlverwandtschaften zwischen Wissenschaft und Politik zu erinnern, erlaubt es uns vielleicht, die Schnitte, entlang derer wir das Ringen um eine gemeinsame Welt verhandeln, anders zu setzen.

© Marvin Dreiwes


[1] Vgl. für die jüngste Auseinandersetzung zwischen BILD und Christian Drosten: Kühn, Alexander: „Ich will nicht Teil einer Kampagne sein“. „Bild“-Artikel über den Virologen Drosten, Interview mit Jörg Stoye, SPIEGEL Online, 26.05.2020. https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/bild-artikel-ueber-den-virologen-drosten-ich-will-nicht-teil-einer-kampagne-sein-a-a849dfa2-9222-43c7-9321-0a8bdee3bb4a. (zuletzt abgerufen am 26.05.2020).
[2] Vgl. die repräsentative Umfrage vom 15./16. April 2020: Wissenschaftsbarometer Corona Spezial von Wissenschaft im Dialog, die für Deutschland steigende Vertrauenswerte gegenüber den Wissenschaften in der Corona-Krise verzeichnet (www.wissenschaft-im-dialog.de/projekte/wissenschaftsbarometer/wissenschaftsbarometer-corona-spezial/).
[3] Vgl. zur Problematisierung dieser Unterscheidung Habermas’ nach wie vor grundlegenden Aufsatz „Verwissenschaftliche Politik und öffentliche Meinung“ in ders.: Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘, Frankfurt am Main 21969, S. 120–145.
[4] Im Folgenden schließe ich damit an Bruno Latours Versuch einer Dekonstruktion der Natur/Politik-Unterscheidung in Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Berlin 1995, S. 50–61, an.
[5] Prominent zeigt sich diese Spaltung am Begriff der Natur, wie sie bei Whitehead bereits als Bifurkation der Natur beschrieben wird, vgl. ferner Michael Hampe: Tunguska oder das Ende der Natur, München 2011, S. 226, 237.
[6] Vgl. Bruno Latour: Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt a.M. 42018, S. 21f., bezogen auf die Corona-Krise Markwardt, Nils: Was wissen schafft, Republik, 07.05.2020, https://www.republik.ch/2020/05/07/was-wissen-schafft (zuletzt abgerufen am 01.06.2020).
[7] Um an dieser Stelle nicht einfach einem simplen Fortschrittsglauben durch eine Wissensakkumulation aufzusitzen, sollten hier durchaus die Worte Becketts aus Wortword Ho mitklingen: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“
[8] Vgl. Brown, Mark B.: Science in Democracy. Expertise, Institutions, and Representation, Cambridge/London 2009, S. 193f.
[9] Auf dieses Motiv macht Latour aufmerksam in: ders.: Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt a.M. 42018, S. 131–168.
[10] Genau auf die Gefahr einer „Kritik“, die sich durch ein verdecktes Changieren zwischen Naturalismus und Sozialkonstruktivismus letztlich selbst immunisiert, verweist Bruno Latour in Elend der Kritik, Zürich/Berlin 2007.
[11] So nannte es jüngst Gerald Haug von der Leopoldina im Gespräch mit Anne Hähnig, Leopold wer?,ZEIT Online27.05.2020, https://www.zeit.de/2020/23/corona-studie-leopoldina-pandemie-akademie-wissenschaft (zuletzt abgerufen am 01.06.2020).

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