Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors
Filter by Categories
InDebate
InDepth

Philosophie am Kröpcke: Macht Macht korrupt? (Teil 1)

Veröffentlicht am 10. Juni 2013

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die im Institut erforscht werden, hält und weiß. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph Journal führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die uns über den Weg laufen, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie.

Dieses Mal wollten wir wissen: „Macht Macht korrupt?“ Waren wir sonst meist um die Mittagszeit unterwegs, so erreichten wir den Kröpcke dieses Mal erst gegen 17 Uhr – offenbar keine gute Zeit fürs öffentliche Philosophieren: Grimmige Gesichter und allgemeines Gehaste bei Menschen, die offenbar gerade von der Arbeit kamen, noch irgendetwas kaufen mussten und zu fürchten schienen, wir könnten sie davon abhalten bzw. ihnen irgendetwas andrehen wollen. Fast wären wir verzweifelt, aber einige Hannoveraner/innen haben uns dann doch Rede und Antwort gestanden. Auszüge aus den profunden Antworten lesen Sie hier …

fiph: Macht Macht korrupt?
Thomas: Natürlich! Wer Macht hat, der will die behalten, will noch mehr.
fiph: Ist das ein Naturgesetz?
Thomas: Natürlich! Man will ja immer mehr erreichen – gibt ja nur Stillstand sonst.
fiph: Ist es etwas Negatives, dass Macht korrumpiert?
Thomas: Für die Anderen wahrscheinlich ja, aber für denjenigen, der Macht hat, ist das wahrscheinlich etwas Gutes.
fiph: Sollte man versuchen, Macht zu begrenzen?
Thomas: Oh. Ähm. Die einzige Idee dazu, würde ja vom Kommunismus aus herkommen, dass jeder gleich wäre. Aber das ist ja überhaupt nicht umzusetzen. Das ist das Problem. Also wird es wahrscheinlich nie möglich sein, Macht gerecht zu verteilen.
fiph: Sollte man dann lieber die Finger von der Politik lassen?
Thomas: Nein. Man braucht ja irgendwie ‘ne Führung. Es gibt ja genug Menschen, die sagen: Ich will mich jetzt nicht um mein Leben kümmern, und die fremdbestimmt sind.
fiph: Könnten Sie sich selbst vorstellen, in die Politik zu gehen? Oder würden Sie Ihren Charakter lieber unkorrumpiert lassen?
Thomas: Natürlich. Politik, wieso nicht?

fiph: Macht Macht korrupt?
Martin: Zu viel Macht verdirbt den Menschen zu viel, weniger eben weniger. Es mag Ausnahmen geben, aber in der Regel ist es so, dass Macht den Charakter verdirbt.
fiph: Kann man da was gegen machen?
Martin: Man kann die Macht teilen, mit jemandem, der einen starken und guten Charakter hat. Weil zu viel Macht alleine ist nicht gut. Man müsste die Macht, die die Politiker haben, aufs Volk aufteilen.
fiph: Wie sollte das gehen?
Martin: Indem jeder sein Mitspracherecht nutzt, wenn angenommen wird, was die Leute wollen.

fiph: Macht Macht korrupt?
Hermine: Was?
fiph: Verdirbt Macht den Charakter?
Hermine: Ja. Ja.
fiph: Und kann man da irgendwas gegen tun?
Hermine: An sich nicht – man muss locker bleiben! Und vor allem lachen können.

fiph: Macht Macht korrupt?
Kevin: Kann passieren!
fiph: Wem passiert das, und wem passiert das nicht?
Kevin: Die halt mehr so geldgierig sind, denen dann halt.
fiph: Kann man da was gegen tun?
Kevin: Nö.

fiph: Verdirbt Macht den Charakter?
Silvia: Ja. Macht verdirbt den Charakter. Weil Leute, die mächtig werden, sind plötzlich auf einer ganz anderen Ebene, heben ab. Es kann sein, dass sie arrogant werden, also Macht und Geld vor allem kann den Charakter sehr verderben.
fiph: Kann man dem irgendwie entgegenwirken?
Silvia: Man kann sich ein gutes Umfeld im Voraus schaffen, das einen vielleicht wieder zurück auf die Erde holt. Wenn man die falschen Leute um sich herum hat, dann hat man verloren.
fiph: Ist es die Aufgabe des Einzelnen, sich um seinen Charakter zu sorgen?
Silvia: Ja. Man muss eigentlich schon aufpassen, dass man nicht abhebt, aber ich finde, wenn man enge Leute um sich rum hat, ist es auch deren Aufgabe, vielleicht mit aufzupassen.
fiph: Was halten Sie davon, der Korruption mit institutionellen Maßnahmen entgegenzuwirken, mit Antikorruptionsprogrammen oder durch Gewaltenteilung?
Silvia: Ich glaube, bei ganz vielen Leuten ist der Zug schon abgefahren. Wenn man dieses Level erreicht hat, mächtig zu sein, dann kann einem so etwas nicht so helfen wie die Meinung von jemandem, der einem nahe steht. Weil das sonst gar nicht mehr ankommt.

(Die Namen der Befragten wurden von der Redaktion geändert.)

Interviews: Eike Bohlken und Volker Drell

Print Friendly, PDF & Email

0 Kommentare

Beitragsthemen: Macht | Ökonomie | Politik

Auch interessant:

Demokratisierung der Demokratie. Kein Luxus-, sondern ein Lebensproblem

Angesichts der katastrophalen Entwicklungen des Erdklimas und der Biodiversität und gerade angesichts der Erosion liberaler...

Between Ostentation and Concealment: The Law on the Veil

France passed a law on 15 March 2004 prohibiting students from wearing „conspicuous” religious symbols or clothing („signes...

Uneingestanden politisch? Eine rettende Kritik der Transformativen Wissenschaft

Spätestens mit dem Aufstieg der Klimaprotestbewegungen ab 2019 und deren wiederkehrende Bezugnahme auf die Klima- und...

Epistemic extortion, between epistemic obligation and political duty

I draw on Nora Berenstain’s concept of “epistemic exploitation” and present a series of precisions to consider the...

„Get a haircut and get a real job“ Über den Diskurs zur „Zukunft der Arbeit“

Im Februar dieses Jahres veröffentlichte das New York Times Magazine einen Artikel zur Arbeitssituation in den USA seit Beginn...

Das Böse – und die Polizei. Kritische Anfragen aus philosophischer Perspektive

I. Angesichts des radikal Bösen[1] Häufig verdrängen wir die Frage nach dem Bösen, spüren wir doch intuitiv die Irritationen,...