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Othering, Paternalismus und Normalität in der Debatte um Deutschrap im Unterricht

Veröffentlicht am 24. Juni 2026

Von Max Tretter

Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsserie zu der Debatte um die Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“. Ausgangspunkt der Serie auf Philosophie InDebate war ein Artikel des Autor:innenkollektivs Religionsbezogene Kontroversen.

In der Regel taucht Deutschrap in der deutschen Debattenlandschaft eher am Rand auf. Und wenn, dann häufig aus den falschen Gründen – weil irgendwo ein Skandal hochkocht, da Rapper:innen durch ihr Verhalten oder ihre Texte negativ aufgefallen sind. Im vergangenen Oktober war das anders. Ausgelöst durch die Veröffentlichung der Haftbefehl-Doku Babo – Die Heftbefehl-Story und die Forderung von verschiedenen Schüler:innenvertretungen, diese doch im Unterricht zu behandeln, rückte Deutschrap plötzlich in den Mittelpunkt einer intensiven und überraschend produktiven gesellschaftlichen Debatte. An der Diskussion darüber, ob und wenn ja wie Deutschrap Platz im Schulunterricht finden sollte, beteiligten sich dabei nicht nur „die üblichen Verdächtigen“ – also jene, die sich ohnehin schon länger für Deutschrap interessieren oder ihn neuerdings akademisch für sich entdeckt haben. Stattdessen meldete sich eine Vielfalt unterschiedlicher Akteur:innen aus Politik, Medien und Bildungswesen zu Wort, was zu einer entsprechend vielstimmigen und kontroversen Debatte führte.

Inzwischen haben die gesellschaftlichen Debatten über Deutschrap wieder merklich an Intensität verloren. Genau der richtige Moment, um einen Schritt zurückzutreten und den Diskurs zu resümieren. Nicht, um die üblichen Pro- und Contra-Positionen noch einmal durchzudeklinieren und mich nachträglich (noch einmal) zu positionieren. Stattdessen soll der Diskurs rückblickend daraufhin analysiert werden, welche Denkmuster ihn insgesamt geprägt haben – um daraus einige weiterführende Überlegungen für zukünftige Deutschrapdiskussionen zu entwickeln. Aus meiner (Meta-)Perspektive als deutschrapaffiner Theologe, Ethiker und engagierter Hip-Hop-Scholar sind mir dabei vor allem zwei Muster aufgefallen.

Otheringtendenzen in der Rede von Deutschrap

Ein erstes Muster, das sich unabhängig von den jeweils vertretenen Positionen durch viele Debattenbeiträge zieht, besteht darin, dass Deutschrap und die Welt, von der er erzählt, einem Othering unterzogen werden. Sie werden als eine Art Gegenüber inszeniert, als etwas anderes, das vermeintlich außerhalb gesellschaftlicher Normalität verortet wird.

Die einen führen diese Gegenüberstellung strategisch ins Feld, um sie gegen einen stärkeren Einbezug von Deutschrap in den Schulunterricht zu verargumentieren. Deutschrap, so der argumentative Ausgangspunkt, erzähle von einer Lebenswelt, deren Strukturen und Wertvorstellungen von grundlegenden gesellschaftlichen Idealen und Standards abweichen, ihnen zum Teil diametral entgegenstehen. Zum Beleg wird regelmäßig auf Darstellungen von Gewalt und Drogenkonsum oder auf sexistische Vorstellungen im Deutschrap verwiesen. Derlei Realitäten sollten, so das Argument weiter, nicht auch noch im Unterricht verhandelt werden – es reiche schon, wenn sie im Freizeitkontext konsumiert würden –, um keinen zusätzlichen Raum zu schaffen, in dem sie glorifiziert, von Schüler:innen internalisiert und dadurch perpetuiert werden können. Entsprechend erscheint es aus dieser Perspektive nicht nur vertretbar, sondern ausdrücklich geboten, Deutschrap aus dem schulischen Kontext herauszuhalten.

Diejenigen, die sich hingegen für einen stärkeren Einbezug von Deutschrap in den Schulunterricht aussprechen, wenden dieses Argument in gewisser Weise gegen sich selbst. Deutschrap, so die zugrunde liegende Annahme, mache eine Lebensrealität sichtbar, die in einigen gesellschaftlichen Bereichen längst existiere und die nicht einfach dadurch verschwinde, dass man sie wegignoriere. Für viele Schüler:innen seien gerade die im Deutschrap verhandelten Themen Teil ihrer eigenen Lebenswelt. Gerade deshalb brauche es Räume, in denen diese spezifische Realität mitsamt ihrer Normen, Spannungen und Widersprüche kritisch reflektiert werden könne. Deutschrap erscheint in dieser Perspektive nicht als Problem, das aus dem schulischen Kontext fernzuhalten wäre, sondern als Zeuge einer gesellschaftlichen Wirklichkeit und zugleich als möglicher Zugang zu einer kritischen Auseinandersetzung mit ihr.

Betrachtet man beide Argumentationslinien zusammen, fällt ein gemeinsames Muster auf: Egal ob für oder gegen einen stärkeren Einbezug von Deutschrap in schulische Kontexte argumentiert wird, erscheint dieser immer wieder als Gegenüber. Implizit wird eine Differenz aufgemacht zwischen der „normalen“ gesellschaftlichen Realität, zu der auch die Schule zählt, und einer angeblich davon abgegrenzten Lebenswelt, die mit Deutschrap assoziiert wird. Selbst dort, wo Deutschrap ausdrücklich verteidigt wird, wird er häufig als Fenster in eine spezifische gesellschaftliche Erfahrungswelt präsentiert, die erklärt und pädagogisch vermittelt werden müsse. So unterschiedlich die jeweiligen Absichten und Mechanismen auch sind, lässt sich in beiden Positionen die Tendenz beobachten, die im Deutschrap artikulierte Wirklichkeit aus der Gesellschaft auszulagern und sie – mal abgrenzend, mal pädagogisierend – zu etwas „Anderem“ zu stilisieren, über das sich aus einer scheinbar sicheren Distanz sprechen und verfügen lässt. Das zeitigt zwei folgenreiche Effekte: Zum einen entsteht das Zerrbild, diese Lebenswelt gehöre nicht zur Gesellschaft – zum anderen wird eine implizite Hierarchie zwischen dem vermeintlich Normalen und dem Abweichenden stabilisiert. Beides ist heikel: in epistemischer Hinsicht, weil so Verzerrungen und blinde Flecken entstehen – in ethischer Hinsicht, weil auf diese Weise diskriminierende Wahrnehmungs- und Deutungsmuster fortgeschrieben werden. Selbst gut gemeinte Argumentationen können solche Otheringprozesse verstärken, verdecken, dass Deutschrap längst Teil genau jener gesellschaftlichen Realität ist, von der er vermeintlich unterschieden wird, und damit Trennungen stabilisieren und Hierarchien einziehen.

Paternalistische Untertöne in der Kritik am Deutschrap

Ein zweites Muster lässt sich dort erkennen, wo Kritik am Deutschrap formuliert wird. Die Inhalte dieser Kritik sind dabei weitestgehend unstrittig: misogyne und sexistische Passagen, gewaltverherrlichende Inhalte, die kritiklose Glorifizierung von Drogenkonsum oder kriminellen Lifestyles, bis hin zur Verbreitung antisemitischer Motive. Dass all das gar nicht geht, steht für beide Seiten außer Frage. Unterschiede zeigen sich jedoch darin, wie diese Kritik argumentativ in Stellung gebracht wird. Gegner:innen eines Einbezugs von Deutschrap in schulische Kontexte führen derlei Inhalte als Argument dafür an, weshalb Deutschrap keinesfalls im Unterricht behandelt werden sollte. Dessen Inhalte – oftmals lässt sich bei den Anhänger:innen dieser Position eine recht einseitige Fokussierung auf die negativen Inhalte von Deutschrap feststellen – hätten an Schulen einfach nichts verloren. Würde man Deutschrap in den Unterricht integrieren, erhöhe sich das Risiko, dass problematische Inhalte normalisiert und von Schüler:innen verinnerlicht werden. Befürworter:innen des Einbezugs von Deutschrap in schulische Kontexte kontern diese Argumentationsweise mit dem Hinweis, dass es gerade nicht um eine unkritische Präsentation von Deutschrap gehe. Die Auseinandersetzung finde vielmehr in einem kuratierten und pädagogisch begleiteten Rahmen statt, der explizit darauf ziele, problematische Inhalte sichtbar zu machen, die Sensibilität von Schüler:innen für deren Problematik zu fördern, kritische Reflexionsprozesse anzustoßen und dadurch der möglichen Normalisierung oder Verinnerlichungen gezielt entgegenzuwirken.

Trotz aller Unterschiede in den jeweiligen Zielsetzungen lässt sich im kritischen Diskurs eine bemerkenswerte Einigkeit darüber feststellen, was am Deutschrap kritisiert wird. Eine zweite Gemeinsamkeit zeigt sich, wenn man stärker darauf blickt, von wem diese Kritik vorgebracht wird. Hier zeigt sich, dass der überwiegende Teil der Beiträge aus Kontexten stammt, die von weißen, mitteleuropäischen, häufig akademisch und bürgerlich geprägten Sichtweisen bestimmt sind. Verbindet man dies mit der Tatsache, dass Deutschrap – wie oben bereits festgehalten – oftmals eng mit Lebensrealitäten verbunden ist, die von sozialer, ökonomischer und rassistischer Ausgrenzung geprägt sind, dann stellt sich ein gewisses Unbehagen ein.

Nun lässt sich darüber streiten, wie stark hierarchische Differenzen zwischen Kritiker:innen und Kritisierten die vorgebrachte Kritik und ihre Legitimität beeinflussen. Im Zuge postkolonialer Debatten, der Debatten rund um Standpunkttheorien sowie zum Verhältnis von Universalismus und Partikularismus sind derlei Diskussionen zuhauf geführt worden.[1] Doch egal wie man sich in diesen Fragestellungen letztendlich positioniert – wahrscheinlich dürften auch die härtesten Verfechter:innen einer Position, die ausschließlich das vermeintlich bessere Argument, nicht jedoch die gesellschaftlichen Positionen der Sprechenden und Angesprochenen zählen lassen möchte, anerkennen, dass Kritik eine ambivalente Färbung erhält, sobald sie einseitig aus privilegierten Positionen heraus gegenüber marginalisierten Ausdrucksformen formuliert wird. Angesichts der mit den verschiedenen Positionen verbundenen Machtasymmetrien bekommt die am Deutschrap geübte Kritik – selbst dort, wo die vorgebrachten Einwände inhaltlich überzeugen – einen paternalistischen, teils sogar kolonialen oder klassistischen Beiklang, der sich nicht ohne Weiteres ausblenden lässt.

Weiterführende Reflexionen für die Deutschrapdiskussion

Die kritische Analyse des Deutschrap-im-Unterricht-Diskurses hat zwei Muster sichtbar gemacht, die sich quer durch die Debatten ziehen. Zum einen wurde deutlich, dass viele Beiträge von einem gewissen Othering-Gestus geprägt sind, der Deutschrap zum „Anderen“ einer vermeintlichen Normalgesellschaft deklariert – zum anderen hat sich gezeigt, dass Kritik am Deutschrap häufig in einem Setting stattfindet, das von sozialen Hierarchiestrukturen geprägt ist. Beide Muster erweisen sich auf ihre je eigene Weise als problematisch, greifen dabei jedoch eng ineinander. So schafft einerseits die Konstruktion eines „Anderen“ diejenigen Statusgefälle, aufgrund derer Kritik dann paternalistisch, kolonial und klassistisch rüberkommt. Andererseits reproduziert eine solche Kritik – selbst dort, wo sie gut gemeint ist – bestehende soziale Hierarchien und leistet damit dem Othering des Deutschraps und seiner Lebenswelt weiteren Vorschub.

Seien wir ehrlich: Solch kritische Beobachtungen zu formulieren und mit erhobenem Zeigefinger auf problematische Muster hinzuweisen, ist vergleichsweise einfach. Deutlich schwieriger ist es hingegen, daraus auch praktische Konsequenzen zu ziehen oder Alternativvorschläge zu entwickeln, wie man es in Zukunft besser machen könnte. Um es mir an dieser Stelle nicht allzu einfach zu machen und tatsächlich noch einen produktiven Impuls zu setzen, der über das Aufzeigen vermeintlicher Fehlentwicklungen hinausgeht, möchte ich am Schluss einige weiterführende Überlegungen skizzieren, wie sich die Diskussionen rund um Deutschrap künftig differenzierter und reflektierter gestalten ließen.

Deutschrap aus der mentalen Peripherie holen

Mit Blick auf die im Diskurs beobachteten Otheringdynamiken scheint der Weg – zumindest aus einer theoretischen Perspektive – relativ klar: Um diese zu vermeiden, müssen mentale Landkarten umgeschrieben und Deutschrap aus der gedanklichen Peripherie zurück in die Mitte der Gesellschaft geholt werden. Ein solcher Wechsel ist anspruchsvoll und aufwendig: Er erfordert, bestehende Gesellschaftsvorstellungen zu überprüfen, sie teilweise grundlegend neu zu justieren und Gesellschaft selbst als hochplurales Gebilde zu denken. Durch eine solche Abkehr von homogenen hin zu pluralen Vorstellungen von Gesellschaft wird Diversität in ihr Inneres eingeholt und nicht länger an deren Rand gedrängt oder gar aus ihr verbannt. Ausgehend davon wird es dann möglich, auch Deutschrap und die von ihm artikulierten Lebenswelten als integralen Bestandteil von Gesellschaft zu begreifen.

So straightforward dieses Vorgehen aus einer theoretischen Perspektive erscheint, so langwierig und anspruchsvoll kann sich der Umbau vertrauter Begrifflichkeiten und Denkordnungen in der Praxis erweisen. Doch trotz all dieser Schwierigkeiten und der Widerwillen, die eine solche Verschiebung vertrauter Denkordnungen hervorrufen mag, kann sie sich am Ende in mehrfacher Hinsicht lohnen: Erstens entzieht eine derart umstrukturierte Vorstellung von Gesellschaft laufenden wie künftigen Otheringdynamiken den konzeptionellen Boden und stärkt eine inklusive Perspektive auf gesellschaftliche Vielfalt – und Vielfalt ist, anders als aus dem Familienministerium verlautbart wird, ein erstrebenswertes Ziel. Zweitens ermöglicht ein solcher Umbau einen vertieften, entideologisierenden Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse.

Gerade der zweite Punkt verdient an dieser Stelle nochmals eine genauere Betrachtung. Gesellschaftliche Verhältnisse erscheinen in kollektiven Selbstwahrnehmungen häufig als geordnet und gerecht – was durchaus ein byproduct homogener Gesellschaftsvorstellungen ist. Soziale Realitäten wie Sexismus, Rassismus, Armut und Kriminalität – also gerade jene, die im Deutschrap aufgegriffen werden – finden in solchen Imaginationen keinen Platz. Sie stören die schönen bzw. geschönten Selbstvorstellungen. Daher werden Phänomene wie diese notorisch verdrängt oder einem „Anderen“ zugeschrieben und dadurch externalisiert. Um ideale Gesellschafts- und Selbstbilder aufrechterhalten zu können, wird demnach gezielt ein partiell blinder Standpunkt eingenommen – und damit eine ideologische Perspektive gepflegt.

Eine solche ideologische Externalisierungsstrategie verliert jedoch an Plausibilität, wenn Deutschrap und dessen Lebenswelt konsequent als Teil der Gesellschaft verstanden werden. Denn dort, wo die Möglichkeit entfällt, unliebsame Phänomene an ein gesellschaftliches Außen auszulagern, geraten idealisierte Selbstbeschreibungen zunehmend unter Druck. Realitäten wie Sexismus, Rassismus, Armut oder Kriminalität – also gerade jene Phänomene, die im Deutschrap immer wieder thematisiert werden – erscheinen dann nicht länger als Probleme „der Anderen“, sondern als Teil der eigenen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Gerade dieser Konfrontation wohnt ein ideologiekritisches wie gesellschaftsanalytisches Potenzial inne: Sie kann etablierte Selbstbeschreibungen irritieren, einen unverstellteren Blick auf soziale Realitäten ermöglichen und dadurch wiederum produktive Prozesse der Selbstkritik und Veränderung initiieren. Deutschrap kann solche Prozesse als eine Art Katalysator vorantreiben, indem er Spannungen zwischen sozialer Imagination und gesellschaftlicher Realität künstlerisch sichtbar macht und dadurch zusätzliche Entideologisierungsdynamiken anstößt.[2]

Kritik immanent gestalten

Das Vermeiden der paternalistischen, teils kolonialen und klassistischen Untertöne, die der Kritik am Deutschrap aufgrund hierarchischer Differenzen häufig eingeschrieben sind, benötigt ein diffiziles Austarieren. Denn auf der einen Seite ist es ein mehr als berechtigtes Anliegen, einen solchen Gestus „von oben herab“ zu vermeiden. Umgekehrt darf dies jedoch nicht dazu führen, dass auf Kritik gänzlich verzichtet wird und problematische Deutschrapinhalte unkommentiert stehengelassen werden. Was es demnach bräuchte, ist ein Modus der Kritik, der beides vermeidet, ohne dabei sein Profil zu verlieren.  

Als besonders vielversprechend erscheint hierfür ein Ansatz immanenter Kritik, der an die normativen Ressourcen anknüpft, die im Deutschrap selbst verankert sind.[3] Als Kultur der Straße steht Deutschrap von Beginn an in großer Nähe zu sozialen Protesten, bewegt sich in einer Tradition der Kritik an Ungleichheit und Unterdrückung und ist selbst von emanzipativen Aufbrüchen durchzogen. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Deutschrap von Anfang an marginalisierten Stimmen – darunter queeren Personen, weiblichen Rapperinnen und Künstler:innen mit Migrationsgeschichte – die Chance eröffnet hat, sich künstlerisch auszuleben, dadurch Anerkennung zu erlangen und sich Gehör zu verschaffen. Weiterhin wird dies dort sichtbar, wo gesellschaftliche Zu- und Missstände im Deutschrap – mal implizit, mal explizit – thematisiert und kritisiert werden sowie in der wiederkehrenden Präsenz von Deutschrap in Protestkontexten.

Genau an diesen Punkten ließe sich anknüpfen, indem die im Deutschrap selbst formulierten Ansprüche ernst genommen werden: etwa, Menschen nicht aufgrund von Herkunft, sozioökonomischem Status, Geschlecht oder sexueller Orientierung zu diskriminieren und sich gegen ausbeuterische Strukturen zur Wehr zu setzen. Diese normativen Ressourcen gilt es freizulegen – was besser funktioniert, wenn man sich etwas abseits des gegenwärtigen musikalischen Mainstreams bewegt – und zu systematisieren. In dieser aufbereiteten Form können sie dann als kritischer Maßstab an Deutschrap angelegt werden, um zu zeigen, wo dieser seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird – etwa indem er homophobe, trans-, queer- oder frauenfeindliche Inhalte (re-)produziert oder antisemitische Motive verbreitet – und ihm dadurch auf „seinen“ Weg zurückzuweisen. Quasi mit Deutschrap gegen Deutschrap – präziser: mit seinem übergreifenden emanzipatorischen spirit gegen einzelne Ausprägungen, die diesen unterlaufen.

In dieser immanenten Form verliert Kritik am Deutschrap den Charakter eines Eingriffs von außen oder einer Ansage von oben. Zwar ist sie immer noch Kritik und kann auch immer noch so scharf, wenn nicht gar schärfer sein als zuvor – aber sie stammt aus den eigenen Reihen, aus der eigenen community und culture. Damit verschiebt sich ihr Ton und hoffentlich auch ihre Wirkung. Sie tritt weniger paternalistisch auf, weniger kolonial oder klassistisch. Stärker auf Augenhöhe und mit erkennbarem Respekt für den Deutschrap selbst. Das ist zwar deutlich aufwendiger als eine externe Kritik, insofern es eine intensive Auseinandersetzung mit dem Deutschrap, seinen Normen und Werten erfordert – aber dafür kann sie mit umso offeneren Ohren rechnen und auf eine deutlich größere Wirksamkeit hoffen.

Ausblick

Vor dem Hintergrund der bisherigen Überlegungen stellt sich abschließend die Frage, was die Diskussion über Deutschrap denn nun weiterbringen könnte. Ich würde sagen: erstens eine Neujustierung mentaler Landkarten, die Deutschrap und die von ihm artikulierten Lebenswelten nicht länger an die gesellschaftliche Peripherie verdrängt, sondern als Teil derselben sozialen Realität begreift. Auf diese Weise ließe sich Otheringdynamiken bereits auf struktureller Ebene entgegenwirken und zugleich ein schärferer, weniger ideologisch verzerrter Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse gewinnen. Zweitens eine Form von Kritik, die stärker immanent verfährt und ihre normativen Maßstäbe konsequenter aus dem Deutschrap selbst heraus entwickelt. Dadurch ließe sich Kritikfähigkeit bewahren, ohne dabei in paternalistische Gesten oder koloniale und klassistische Untertöne abzudriften. Mit diesen beiden Adjustierungen ließe sich der Diskurs über Deutschrap im Unterricht ebenso wie die breiteren gesellschaftlichen Debatten über ihn neu ausrichten – auf eine Weise, die von größerer Differenzsensibilität, stärkerer Reflexivität und größerem Respekt gegenüber Deutschrap und seinen Akteur:innen zeugt. Das lohnt sich. Denn wie wir diese Diskussion führen, sagt nicht nur etwas über Deutschrap aus, sondern vielleicht noch viel mehr über uns selbst.

© Max Tretter


[1] Im Hintergrund der genannten Debatten steht die inzwischen breit geteilte Einsicht, dass Diskurse stets auch von gesellschaftlichen Machtverhältnissen geprägt sind. Autor:innen wie Edward Said, Gayatri Chakravorty Spivak, Donna Haraway oder Miranda Fricker haben auf unterschiedliche Weise plausibilisiert, dass die Frage, wer spricht und aus welcher Position heraus gesprochen wird, maßgeblichen Einfluss darauf hat, wer überhaupt Gehör findet, wessen Zeugnissen Glaubwürdigkeit und wessen Argumentationen Autorität zugeschrieben wird. Doch so unstrittig inzwischen die Einsicht ist, dass derartige Asymmetrien existieren und Diskurse strukturieren, so umstritten bleibt die Frage, wie mit ihnen umzugehen ist. Während stärker positional argumentierende Autor:innen wie Judith Butler oder Dipesh Chakrabarty dafür plädieren, bestehende Ungleichgewichte aktiv auszugleichen – etwa durch eine stärkere Berücksichtigung marginalisierter Stimmen oder eine kritische Relativierung dominanter Perspektiven –, warnen andere just davor. So sprechen sich etwa Omri Boehm oder Susan Neiman dafür aus, teils mit mehr Pathos als argumentativer Überzeugungskraft, derlei als „identitätspolitisch“ gebrandmarkte Ansätze zurückzufahren und sich stattdessen wieder stärker an universalistischen Leitideen der Aufklärung zu orientieren.
[2] Für weiterführende Überlegungen dazu, wie sich das Potenzial des Deutschraps, auf bestehende Dissonanzen aufmerksam zu machen, für die theologische Ethik fruchtbar machen lässt, vgl. Max Tretter: Kulturelle Ausdrucksformen als kritisches Korrektiv. Hip Hop und die Weitung theologischer Ethik, in: Zeitschrift für Evangelische Ethik (2026). https://doi.org/doi:10.1515/zee-2026-2003.
[3] Das Vorgehen der immanenten Kritik orientiert sich stark an den Überlegungen von Rahel Jaeggi; vgl. dies.: Kritik von Lebensformen, Berlin 22014. Erste Überlegungen, wie sich dieser Ansatz auf Hip-Hop anwenden lässt, habe ich in meiner Dissertation entwickelt: Max Tretter: Hip-Hop bei Black Lives Matter-Protesten. Eine theologisch-ethische Auseinandersetzung mit ästhetischen Artikulationsformen in der Öffentlichkeit, Tübingen 2025, 40–43, 177–276.

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