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Plädoyer für mehr Verkrampftheit

Veröffentlicht am 25. März 2013

Es scheint, dass viele Menschen in der Öffentlichkeit geradezu distanzlos miteinander umgehen. Dies zeigt sich etwa beim aggressiven Drängen und Drängeln in Straßenbahnen und Zügen. Hinter solchen Verhaltensweisen, so behaupte ich, steckt nicht eine Egomanie, oder ein boshafter Egoismus. Vielmehr scheinen die Menschen Rücksichtnahme im öffentlichen Raum zu verlernen. Es wirkt, was das individuelle Verhalten angeht, so, als ob die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Umfeld zunehmend verschwinden würden. Diese Entwicklung rührt daher, dass die Menschen immer seltener Haltungen ausbilden, die ihnen die Bewältigung des Alltags unter Berücksichtigung der anderen und der eigenen Person erlauben. Dies wiederum liegt, so meine These, nicht primär an Spaßgesellschaft und Individualisierung, sondern an Entwicklungen in der Arbeitswelt, die sich auf alle Lebensbereiche auswirken. Die Grundlagen der skizzierten Entwicklung lassen sich nicht erst in den Neuerungen der New Economy finden, sie reichen weiter in die Vergangenheit zurück.

Heute ist der Abbau von Distanz schlicht weiter fortgeschritten und wird vorangetrieben von einem in der Krise härter gewordenen Kampf um den Erhalt der Position oder dem beruflichen Ein- und Aufstieg. Höflichkeit, deren Kern noch die Achtung der anderen ist, wird verdrängt durch die verzweckten Soft-Skills. Deren Ein- und Ausübung ersetzt die Kollegialität und lässt sich auch mit Mobbing durchaus vereinbaren. Zugleich bedeutet voller Einsatz für das Unternehmen, sich auch in der Freizeit fit zu halten. So sehr nun die Arbeit in die Sphäre der Freizeit sich fortsetzt, so sehr dringt das scheinbar lockere Verhalten, das man aus dem privaten Umfeld gewohnt ist, in die Arbeitswelt ein. Es führt zu einem nur scheinbar lockeren Habitus, der die Anforderungen verschiedener sozialer Situationen kaum mehr berücksichtigt, weil er in einem Kontext entstanden ist, in dem die Grenzen zwischen diesen Situationen eingerissen sind.

In der verkrampft wirkenden Haltung des stereotypen Anzug- und Krawattenträgers scheint noch ein Wissen auf von der Macht, welche die Arbeitswelt auf das Individuum ausübt. Auch in den vorgeblich lockeren Umgangsformen der modernen Büromenschen ist dieses Wissen um hierarchische Strukturen vorhanden. Jedoch dominieren Affirmation und Identifikation mit dem großen Ganzen, das der Wirtschaftsbetrieb wie die Universität gleichermaßen sein kann. Wo Individualität gezeigt wird, da geschieht dies aus funktionalen Gründen im Hinblick auf karriereförderliche Alleinstellungsmerkmale. Zum Beispiel bei der engagierten Teilnahme an betrieblich angebotenen Fitness- oder Selbstoptimierungskursen. Schon die Studienplanung und die Planung des zunehmend obligatorischen ehrenamtlichen Engagements werden mittlerweile vor allem im Hinblick auf die Frage durchgeführt: „Wie macht sich das im Lebenslauf?“. Derartiges Engagement wird nicht selten getrieben von der latenten Angst vor der Arbeitslosigkeit und bewegt Menschen dazu, die eigene Persönlichkeit immer stärker über die Beschäftigung zu definieren. Ein latentes Getriebensein bei gleichzeitiger Zurschaustellung von Entspanntheit setzt sich fort in die Bewegungen im öffentlichen und privaten Raum.

Öffentliche Beschwerden über den Verfall der Manieren laufen hier ins Leere, da es gesellschaftliche Tendenzen sind, die diesen Verfall produzieren und das Individuum überfordert zurücklassen. Die Lösung solch struktureller Problematiken schlicht in der Abänderung des eigenen Verhaltens zu suchen, wirkt naiv, wenn nicht gar zynisch, blendet es doch Zwänge aus, denen Individuen unterworfen sind.

Denjenigen, die der skizzierten Tendenz wenigstens ein Stück weit widerstehen wollen, sei trotzdem zumindest geraten, sich möglichst nicht zur falschen Lockerheit hinreißen zu lassen. Was stattdessen Hilfe bieten könnte, ist ein Festhalten an scheinbar verkrampften, antiquierten Regeln des Umgangs auch dort, wo sie Zeit, Aufmerksamkeit und Disziplin verlangen. Denn die Essenz dieser Regeln ist der Respekt vor den anderen, auch wo er schwer fällt, und damit auch der Respekt vor der eigenen Person. Dies gilt in überfüllten Zügen ebenso wie im Lärm einer Fußgängerzone, am Arbeitsplatz oder im Hörsaal und im Restaurant.

Nicht vermeintliche Lockerheit, sondern Verkrampftheit erlaubt es dem Individuum, dem stärker werdenden Sog des Mitmachens bis zu einem gewissen Grad zu entsagen und durch die bewusste Ausprägung einer eigenen Haltung einen Rest von persönlicher Autonomie zu wahren. Unter Umständen, in denen die eigenen Verhaltensweisen stark durch die Erfordernisse der (zukünftigen) Arbeit geprägt sind und Beschäftigungen, anstatt die Freizeit zu ermöglichen, diese bestimmen, ist für einen verkrampften Habitus Partei zu ergreifen. Denn ein solcher trägt in sich die Anerkennung verschiedener Sphären und verschiedener Lebensbereiche, die momentan zu verschwimmen drohen. Die Verkrampftheit, für die ich plädiere, meint ein Wissen um den Kontext, in dem sich das Individuum bewegt, und die Anforderungen des jeweiligen Kontexts. Diese Verkrampftheit bedeutet auch ein Bewusstsein um die Grenzen des Umfeldes und eine Sensibilität gegenüber der eigenen Rolle. Und schließlich bedeutet Verkrampftheit, wie ich sie verstehe, dieses Bewusstsein über das jeweilige Umfeld im eigenen Verhalten zum Ausdruck zu bringen.

Wenn Menschen sich in der Öffentlichkeit besonders korrekt verhalten, liegt in den dort praktizierten Ritualen des Umgangs eine Abgrenzung zur privaten Sphäre, in der sie unbeschwerter die sein können, die sie sein möchten. Ein Bewusstsein über den jeweiligen Kontext kann vielleicht auch helfen, Arbeitslosigkeit zu verkraften, ohne in eine Identitätskrise zu geraten. Anstatt sich im Studien- oder Berufsumfeld rein oberflächlich zu entspannen, wäre es daher besser, sich bewusst zu verkrampfen.

Schon in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts bemerkte der Philosoph Theodor W. Adorno zur Frage des zwischenmenschlichen Umgangs: „Hinter dem pseudodemokratischen Abbau von Formelwesen, altmodischer Höflichkeit, nutzloser und nicht einmal zu Unrecht als Geschwätz verdächtigter Konversation, hinter der anscheinenden Erhellung und Durchsichtigkeit der menschlichen Beziehungen, die nichts Undefiniertes mehr zulässt, meldet die nackte Roheit sich an.“ (Adorno 1969: 45). Gerade in ihrer Distanzlosigkeit erwiese sich unter solchen Umständen die Entfremdung der Menschen (Adorno 1969: 44).

Literatur: Adorno, Theodor W. (1969): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. Band 236 der Bibliothek Suhrkamp. Gebundene Ausgabe.

(c) Dominik Hammer

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