Viele Stimmen, die miteinander in vollkommenem Einklang stehen: Der Chor kann bisweilen als das Sinnbild einer perfektionierten Gesellschaft erscheinen.[1] In dieser Gesellschaft würden alle Konflikte der Vergangenheit angehören oder würden für die gemeinsame Sache hintenangestellt, so wie im Chor die Differenz der Stimmen nur zur Geltung kommt, um der Gesamtwirkung Tiefe und Komplexität zu verleihen, kaum aber als massiver Bruch. Dieses Bild findet sich auch im Sport: Der Vereinsname „Eintracht Frankfurt“ gibt ein Beispiel davon.
Darin ist die erst einmal verlockende Idee enthalten, dass Menschen sich entschließen, sich zusammenzutun, für eine Sache einzutreten, und darüber von ihren Differenzen abzusehen. Gerade angesichts zweier Kriege in Europa ist die utopische Dimension einer friedlichen und kompromissbereiten Gesellschaft wirklich ernstzunehmen und nicht vorschnell von der Hand zu weisen.
Nichtsdestotrotz möchte ich Zweifel anmelden, ob die so versinnbildlichte Gesellschaft wirklich wünschenwert wäre. Mein Verdacht ist, dass die Harmonie solcher allzu harmonischer Bilder trügt und die Utopie unter der Hand zur Dystopie gerät. Bezeichnend für den Chor ist ja auch, dass viel Disziplin und Training dazugehört, bis die gesungenen Töne alle richtig zusammenstimmen und ein harmonisches Gesamtbild entsteht. Es müssen viele mögliche Arten zu Singen, zu Schreien oder Sprechen ausgeschlossen werden, damit sich eine übergreifende Harmonie einstellt. Das kann eigentlich nur durch die Bändigung von Verschiedenheiten passieren. Was nach wohlgeformtem Zusammenstimmen aussieht, kann also auch als das Ergebnis einer disziplinären Gleichschaltung erscheinen, die individuelle Unterschiede ausmerzt zugunsten eines größeren Wohls, das selbst aber nur nach kontingenten Maßstäben festgelegt sein kann. Vor diesem Hintergrund muss es stutzig machen, dass beispielsweise der Krieg in der Ukraine ja (unter anderem) aus einer fehlgeleiteten Einheitsfantasie heraus betrieben wird, nämlich aus der fanatischen Idee heraus, dass die Ukraine eigentlich je schon russisch gewesen sei.[2] Hier findet sich eine solche Abblendung tatsächlicher Verschiedenheiten, die sich in einem nationalistisch motivierten Einheitsdiskurs begründet. Es ist zudem interessant zu sehen, dass gerade Chöre in der deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle gespielt haben. Gerade das gemeinsame Singen von nationalstolzen Liedern hat zur Verbreitung der Idee eines einheitlichen Nationalstaats beigetragen.[3] Man könnte sagen, dass dabei auch der Grundstein für den deutschen Nationalismus gelegt wurde. Auch viele autoritäre Systeme setzen auf das Bild der vereint stehenden Individuen, die in perfektioniertem Chorgesang den optimistischen Botschaften ihres jeweiligen Systems Ausdruck verleihen. Kurzgesagt: So wünschenswert einerseits das Eintreten für eine gemeinsame Sache sein kann, vor allem, wenn es aus Überzeugung passiert, so gefährlich kann eine überzogene Vorstellung von übergreifender Einmütigkeit sein. Gefährlich ist sie insbesondere, wenn die Einigkeit schon vorausgesetzt wird – beispielsweise, wenn hierzulande vom eigentlichen Volkswillen die Rede ist, den dann etwa die AfD viel besser repräsentiere als das Establishment.[4] Dabei kommt das angebliche „Wir“ immer vor der Ansicht des Einzelnen. Gefährlich ist auch jedweder Corpsgeist, bei dem Einigkeit für sich genommen bereits als höchstes Ziel betrachtet wird, sodass auch berechtigte Kritik als Verrat sanktioniert wird.
Gerade vor diesem Hintergrund möchte ich die Frage stellen, ob die utopische Gesellschaft nicht gerade eine wäre, in der man gar nicht immer einig sein muss, sondern – mit Adorno gesprochen – „ohne Angst verschieden sein kann“[5]. Das entscheidenste Charakteristikum wäre dann, dass alle getrost sein können, wer immer sie sind, dass sie durch nichts und niemanden zugerichtet werden. In dieser Gesellschaft hinge das Glück aller gerade von der Möglichkeit ab, NEIN zu sagen und dieses Nein gegen jeden vermeintlichen Konsens zur Geltung zu bringen.[6]
Das Ganze käme dabei immer erst später als das Einzelne: Gemeinwohl wäre nicht nur die Einrichtung des gesellschaftlichen Raums, die sich aus dem gleichberechtigten Ringen der unterschiedlichen Idealvorstellungen darüber ergäbe und stets veränderlich bliebe, sondern auch dieses Ringen selbst, die Tatsache also, dass es keine vorläufige Idee einer idealen Gesellschaft gibt. Das Ganze wäre die leere Stelle, in der das Stimmengewirr einen Platz fände, der Ort einer Entfaltung des Disparaten. Das ist das Versprechen der Demokratie.[7] Die Verwirklichung eines solchen Zustandes behält Adorno aber bezeichnenderweise der Kunst vor.
Die ästhetische Form bewerkstelligt nach Adorno, was nirgends sonst gelingt: Sie ist die – ich zitiere Adorno – „gewaltlose Synthesis des Zerstreuten, die es doch bewahrt als das, was es ist, in seiner Divergenz und seinen Widersprüchen […]. […] [I]hr ist wesentlich, durch ihr Anderes sich zu unterbrechen, ihre Stimmigkeit, nicht zu stimmen.“[8] Darin liegt ein utopisches Versprechen der Kunst. Einem guten Kunstwerk gelingt es, die Selbstgesetzlichkeit der einzelnen Gestaltungselemente nicht zu harmonisieren, sondern zu einem entscheidenden Moment der Ausgestaltung des Ganzen zu machen. Das unterscheidet es von süßlichem Kitsch und trügerischer Ideologie.
Trotzdem treten die Spannungen im Kunstwerk als „tendenziell versöhnt[e]“ auf. Auch wenn die Stimmen jeweils zur vollen Entfaltung kommen, also jeder „frei Schnauze“ singt, wird doch niemals das Zusammenspiel mit den anderen vollkommen aufgekündigt, eine Art Begegnungsverhältnis bleibt bestehen. Ist das überhaupt möglich? Gibt es ein natürliches Zusammenstimmen des Disparaten? Und übertragen auf unser Bild der Gesellschaft: Gäbe es eine zwanglose Konvergenz des Verschiedenen, die verhindern könnte, dass der politische Raum eines Tages selbst, beispielsweise durch Gewalt, zerstört würde? Adorno meldet hier, was die Kunst betrifft, jedenfalls Zweifel an. Er befürchtet, dass auch die Gestaltung der Spannungen im Kunstwerk noch ein Indiz auf eine zu harmonistische Einstellung sein könnte, ein Stück Ideologie, dessen sich die Kunst nicht entäußern kann, ohne vollends zu verstummen.[9] Das deutet zumindest darauf hin, wie schwierig es ist, Utopien tatsächlich zu leben. Die Utopie hat es so an sich, dass sie sich von den möglichen Formen ihrer Verwirklichung zurückzieht und diese aus der Ferne in Frage stellt. Doch bei genauerem Hinsehen ist dieses Infragestellen durch die Utopie eigentlich kein letztes Wort, sondern ihre Weise, uns gegenüber ihr Versprechen zu erneuern. Aus der Ferne erreicht uns so der Ruf, es ihr gleich zu tun.
© Hannah Wendt
[1] Der Text entstand als Manuskript für einen kurzen Redebeitrag auf dem Utopia-Festival von musica assoluta (Hannover, 05.-07.09.2025).
[2] Cezary Bazydło: “Geschichte als Waffe: Sind Ukrainer und Russen ein Volk?”, in: https://www.mdr.de/geschichte/zeitgeschichte-gegenwart/politik-gesellschaft/ukraine-russland-krieg-geschichte-waffe-putin-100.html (zuletzt aufgerufen am 12.02.2026). Vgl. dazu auch “13 Mythen über den Krieg Russlands in der Ukraine – und die Wahrheit” (offizielle Seite der Europäischen Union), in: https://germany.representation.ec.europa.eu/13-mythen-uber-den-krieg-russlands-der-ukraine-und-die-wahrheit_de (zuletzt aufgerufen am 12.02.2026).
[3] Jolanta Łada-Zielke, Alexander Arlt: “Interview: Deutsche Chöre und Politik (Teil 2)”, in: https://klassik-begeistert.de/interview-deutsche-choere-und-politik-teil-2-13-november-2021/ (zuletzt aufgerufen am 04.09.2025); vgl. auch Friedhelm Brusniak, Dietmar Klenke: “Sängerfeste und die Musikpolitik der deutschen Nationalbewegung”, in: Die Musikforschung 1/1999, 29–54.
[4] Vgl. Victoria Graul: “’Die da oben’ – Wie Populismus funktioniert”, in: https://mediakompetent.de/populismus/ (zuletzt aufgerufen am 12.02.2026): “Aus wissenschaftlicher Sicht beschreibt Populismus im Kern einen Politikstil, der die Bevölkerung in zwei vermeintliche Gruppen aufteilt: das ‘Volk’ (beziehungsweise ‘Wir’) und die ‘Elite’ (beziehungsweise ‘Die da oben’ oder das ‘Establishment’). Populist*innen behaupten, dass nur sie die Interessen des Volkes gegen die moralisch verwerflichen Eliten vertreten können und nur sie wissen, was gut und richtig ist.”
[5] Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt a. M. 1987, §66, S.130f., hier: S. 131.
[6] Vgl. Johann Szews, “Was bedeutet sozialer Zusammenhalt? Zur Kritik einer neuen Dienstpflicht”, in: https://philosophie-indebate.de/was-bedeutet-sozialer-zusammenhalt-zur-kritik-einer-neuen-dienstpflicht/ (zuletzt aufgerufen am 12.02.2026); und Etienne Balibar, Gleichfreiheit, Berlin 2012, S. 235f.
[7] Vgl. dazu meinen Beitrag „Demokratie als Aufgabe – Ein Impuls“, in: https://philosophie-indebate.de/demokratie-als-aufgabe-ein-impuls/ (zuletzt aufgerufen am 12.02.2026); sowie Jacques Derrida, Schurken. Zwei Essays über die Vernunft, übersetzt von H. Brühmann, Frankfurt a. M. 2006; und Reinhard Heil, Andreas Hetzel, „Die unendliche Aufgabe – Perspektiven und Grenzen radikaler Demokratie“, in: dies. (Hg.), Die unendliche Aufgabe. Kritik und Perspektiven der Demokratietheorie, Bielefeld 2006, S. 7–23.
[8] Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie (Hg. G. Adorno, R. Tiedemann), Frankfurt a. M. 1973, S. 216.
[9] Theodor W. Adorno, Ästhetik 58/59 (Hg. E. Ortland), Frankfurt a. M. 2017, S. 261f. und ders., Ästhetische Theorie, z.B. S. 202f.
Hannah Wendt
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