Schwerpunktbeitrag: Beauty-Despotismus. Warum der ästhetische Körperkult ein egalitäres Drama heraufbeschwört

Arnd Pollmann

Je geringer die sozialen Ungleichheiten, desto sensibler wird das Volk für verbleibende Ungerechtigkeiten. Dieses Phänomen wird in der Soziologie „Tocqueville-Paradox“ genannt. Der Autor von Über die Demokratie in Amerika (1835) und Der alte Staat und die Revolution (1856) hatte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine beunruhigende Tendenz des demokratischen Egalitarismus ausgemacht, so wie dieser sich seinerzeit nicht nur in Nordamerika, sondern bedingt auch im post-revolutionären Europa auszubreiten begann und sukzessive zu einer Nivellierung gesellschaftlicher Gegensätze beizutragen schien. Dieses Paradox besagt, dass die revolutionär erkämpfte oder aber durch Reformen bewirkte Angleichung sozialer Lebenslagen am Ende für weit mehr Frustrationen und auch Proteste sorgen könnte als die Reproduktion „alter“ und vergleichsweise eklatanter Ungleichheiten. Während nämlich diese alten und gravierenden Ungleichheiten vom Volk lange Zeit als „naturgegeben“ und damit unveränderlich hingenommen wurden, führt die Erfahrung einer revolutionären Veränderbarkeit bestehender Klassenunterschiede gerade nicht zu einer Befriedung des Volkes. Zwar nehmen die sozialen Ungleichheiten objektiv tatsächlich ab, so Tocqueville, doch führt dies paradoxerweise subjektiv zu einem wachsenden und verfeinerten Anspruchsniveau: Je deutlicher das Volk die wenigen verbleibenden Ungleichheiten als durch und durch „menschengemacht“ erkennen, desto empfindlicher wird es für eben diese Differenzen und umso mehr Empörung wird den Herrschenden entgegenschlagen.[1] Weiterlesen