InDepth – longread: Lasst tausend Bärte sprießen! Gegen die Ästhetik des Glatten

Paul Stephan

1. Rousseau oder die Einführung des Bartes in die Philosophie

In seinen Bekenntnissen berichtet Rousseau, wie er anlässlich der Premiere einer seiner Opern an den Hof des Königs geladen wurde. Die meisten würden diesen Anlass als Chance betrachten, einen guten Eindruck zu hinterlassen und penibel darauf achten, in ihrer Kleidung gegen keine der gängigen Konventionen zu verstoßen. Nicht so der geistige Unruhestifter aus Genf. Ganz bewusst verweigert er sich dieser symbolischen Unterwerfungsgeste und kleidet sich so, wie er es jeden Tag tut: „mit starkem Bart und ziemlich schlecht gekämmter Perücke“[1]. Er rechtfertigt sein, wie er selbst zugibt, unanständiges Verhalten sich selbst gegenüber:

Weiterlesen

InDebate: Kritik im Ungefähren. Gedanken zu Thomas Bauers Lob der Ambiguität

Marvin Dreiwes

Entgegen der Beschwörung einer zunehmenden Pluralität diagnostiziert der Islamwissenschaftler und Arabist Thomas Bauer in seinem vielbeachteten Essay Die Vereindeutigung der Welt den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt in modernen westlichen Gesellschaften. Das, was sich beispielsweise als Multikulturalität gibt, ist für Bauer nur eine »Scheinvielfalt«, kulturelle Diversifizierung bloß eine flache Vermassung von Inhalten und die Fülle des Konsumangebots eine austauschbare Ware. Der Begriff, den Bauer für seine Analyse in Anschlag bringt, ist »Ambiguität«. Zunächst zielt er damit auf die Ebene der Bedeutung ab. Ambiguität beschreibt den Umstand, dass ein Gegenstand, eine Person oder eine Situation nicht eindeutig zu bestimmen ist. Entgegen der epistemischen Binsenwahrheit, die diese Uneindeutigkeit primär als Wissensdefizit beschreibt und auf die Endlichkeit, Fehlbarkeit oder Perspektivität menschlicher Erkenntnisse zurückführt, denkt Bauer Ambiguität grundlegender: Wirklichkeit ist in einem starken Sinne vieldeutig. Es handelt sich also nicht um eine defizitäre Ambiguität, die als provisorischer Zustand zu lesen wäre und hinter der immer noch eine regulative Idee der Eindeutigkeit stünde. Ebenso wenig geht es Bauer um einen schlechten Ausdruck oder Äquivokation, also um Mehrdeutigkeiten, die zu tilgen wären. Ambiguität wird vielmehr verstanden als hermeneutisches Grundprinzip, das Sinn und Offenheit erst ermöglicht und damit letztlich existenzielle Züge in sich trägt. Schließlich kann Ambiguität niemals völlig vermieden werden, denn gemäß des von Bauer eingeführten »Ambiguitäts-Erhaltungs-Gesetzes« erzeugt jeder Versuch, Eindeutigkeit herzustellen, neue Formen der Ambiguität. Ambiguität ist ein labiler, aber nicht vollständig zu überwindender Zustand. Allerdings – und hier folgt Bauer gewissen Einsichten aus der Psychologie – liege es in der Natur des Menschen, wenn möglich, Ambiguität zu meiden. Wir tendieren sozusagen zu einer »Ambiguitätsintoleranz«. Die Ambiguitätstoleranz dagegen, wie sie Bauer fordert, stünde dann für eine Haltung, die die Spannungen, die aus der inhärent mehrdeutigen Wirklichkeit und den zum Teil widersprüchlichen Perspektiven bestehen, aushält.

Weiterlesen

InDebate: Dem König das Gesicht zeigen. Über Rousseau und die Politik der Authentizität

Paul Stephan

In den Bekenntnissen, seiner großen epochemachenden Autobiographie, berichtet Rousseau ein bemerkenswertes Ereignis. Seine Oper Der Wahrsager soll am Hof des Königs uraufgeführt werden, er selbst ist zu ihrer Premiere eingeladen. Rousseau erinnert sich:

„Ich war an diesem Tag im gleichen nachlässigen Aufzug wie gewöhnlich mit starkem Bart und ziemlich schlecht gekämmter Perücke. Ich nahm diesen Mangel an Anstand für einen Akt des Muts und betrat so den gleichen Saal, in dem sich etwas später der König, die Königin, die königliche Familie und der ganze Hof einfinden sollten. Ich ließ mich in der Loge nieder […]. Es war eine große Proszeniumsloge, gegenüber einer kleinen, höher gelegenen Loge, wo der König mit Frau von Pompadour seinen Platz nahm. Von Damen umgeben und als einziger Mann im Vordergrund der Loge, konnte ich nicht daran zweifeln, daß man mich gerade dorthin gesetzt hatte, damit man mich sehen könnte. Als ich mich nach dem Anzünden der Lichter in diesem Aufzug erblickte, inmitten all der übermäßig geputzten Leute, begann ich mich unbehaglich zu fühlen. Ich fragte mich, ob ich an meinem Platze sei, ob ich ihn schicklich einnähme, und nach einigen Minuten der Unruhe antwortete ich mit einer Dreistigkeit: Ja! die vielleicht mehr von der Unmöglichkeit, es zu ändern, als von der Kraft meiner Gründe kam. Ich sagte mir: Ich bin an meinem Platze, da ich mein Stück spielen sehe, da ich dazu eingeladen bin, da ich es nur dazu verfaßt habe und nach all dem niemand mehr Recht hat als ich, die Frucht meiner Arbeit und meiner Talente zu genießen. Ich bin gekleidet wie gewöhnlich, nicht besser und nicht schlechter.“[1] Weiterlesen

InDebate: Die Kunst des Loslassens als Weg zu einem authentischen Selbst

Alexandra Lason

“Imagine no possessions, I wonder if you can
no need for greed or hunger, a brotherhood of man”
(John Lennon)

Viele Menschen verbringen ihre Freizeit heute in den überall neu entstehenden Einkaufszentren. Dabei geht es häufig nicht darum, etwas Notwendiges zu besorgen. Vielmehr handelt es sich um eine Weise der Freizeitgestaltung. Konsum oder allein die Vorstellung von Konsum wirkt dabei nicht selten als temporäres Antidot gegen die Langeweile.

Im Kern ist (überflüssiger) Konsum und Haben gleichwohl Ersatz für das Sein[1] und Konsumismus, verstanden als Geisteshaltung, die den Konsum als höchstes Gut ansieht, Ausdruck der Furcht vor dem Sein. Wer Haben mit Sein und Sinn gleichsetzt, erschafft sich durch äußere, materielle Angleichung an einen bestimmten Lebensstil ein inauthentisches Selbst, welches zum bloßen Bestandteil der Maschinerie des Konsums regrediert. Die Besitztümer, von denen man meinte, sie ermöglichten ein erfülltes Leben, füllen Häuser und Wohnungen, aber sie erfüllen nicht. Ihre Besitzer*innen ersticken vielmehr daran und nicht zuletzt auch deren authentisches Selbst, denn unter allem Besitz geht das authentische Existieren verloren. Nicht von ungefähr ist die Sehnsucht nach Authentizität heute in einer frappierenden Stärke präsent. So sehr sogar, dass sie wieder seitens des Marktes aufgegriffen wird, da sich auch mit dieser Sehnsucht Profit machen lässt. Ein authentisches Selbst ist, obgleich es sich immer auch (ent-)äußert, nicht Äußerlichkeit. Es ist diese falsche Gleichsetzung, die Authentizität verhindert, welche aus den Potentialen des Innen erwächst. Weiterlesen