Schwerpunktbeitrag: Falsche Freunde. Amerikanischer Pragmatismus und deutsche Kultur

 

Helmut Pape

Die Philosophie des Pragmatismus erlebt zurzeit in Deutschland eine bis vor kurzen kaum vorstellbare positive Rezeption, eine große Verbreitung und Anwendung. In vielen Lebensbereichen und nicht mehr nur in der Philosophie findet der Pragmatismus Anklang und sogar begeisterte Zustimmung. In der Politik ist ‚Pragmatismus‘ inzwischen ein gängiger Begriff, sodass z.B. Ursula von der Leyen problemlos in der Frage der vom Verfassungsgericht geforderten Neuordnung der Jobcenter zu „Pragmatismus“ auffordern kann. Und in der Konrad-Adenauer-Akademie kann ein Vortragstitel wie „60 Jahre Pragmatismus? Sicherheitspolitik in den deutsch-israelischen Beziehungen“ auf ein intuitives Verständnis der interessierten Öffentlichkeit hoffen. In der Soziologie, Ökonomie, Literaturwissenschaft und Geologie, aber auch in der Sozial- wie in der Behindertenpädagogik und in der Theologie erscheinen Aufsätze, Bücher und Lexika, in denen der Pragmatismus als wissenschaftliche Methode und moderne Denkrichtung positiv gewürdigt wird. In den pädagogischen Disziplinen wird die an der praktischen Erfahrung des Kindes und am Lernen in demokratischen Gesellschaften orientierte Pädagogik von John Dewey immer einflussreicher. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Das zweifelnde Selbst im Pragmatismus

Foto Salaverria

Heidi Salaverría

Der Pragmatismus verabschiedet sich von der traditionellen philosophischen Suche nach Gewissheit. Um zu Gewissheiten zu gelangen, muss das Denken daran glauben, zu einem Abschluss gelangen zu können. Diese Annahme bedarf immer einer Art Gesetz, welches die Gewissheit des Abschlusses garantiert. Der Pragmatismus artikuliert jedoch Zweifel an der Haltbarkeit philosophischer Gesetze. Er schlägt daher eine andere Suchrichtung vor: Wie wäre es, von Neuanfängen und Verbesserungen statt von Abschlüssen auszugehen? Aus dieser Perspektive heraus fragt der Pragmatismus nach den Handlungsmöglichkeiten des Selbst innerhalb ungewisser, d.h. fragwürdiger Rahmenbedingungen. Die kompromisslose Zukunftsorientiertheit seines Denkens und die Rückbindung an alltägliche Lebensvollzüge, insbesondere bei John Dewey, sind dem Pragmatismus immer wieder als unkritischer Optimismus ausgelegt und vorgeworfen worden. Dabei wird jedoch übersehen, dass eines seiner Hauptmotive eine Absage an jede Form autoritären Denkens ist. Weiterlesen