Schwerpunktbeitrag: Gerechtigkeitstheorie als Gesellschaftsanalyse. Zur Rekonstruktion von demokratischer Sittlichkeit

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Axel Honneth

Eine der größten Beschränkungen, unter denen die politische Philosophie der Gegenwart leidet, ist ihre Abkoppelung von der Gesellschaftsanalyse und damit die Fixierung auf rein normative Prinzipien. Nicht, dass es nicht Aufgabe einer Theorie der Gerechtigkeit wäre, normative Regeln zu formulieren, an denen sich die moralische Legitimität der gesellschaftlichen Ordnung bemessen ließe; aber diese Prinzipien werden heute zumeist in Isolation von der Sittlichkeit gegebener Praktiken und Institutionen entworfen, sodass sie erst sekundär auf die gesellschaftliche Realität „angewendet“ werden müssen. Die darin zum Ausdruck kommende Entgegensetzung von Sein und Sollen oder die philosophische Herabsetzung der moralischen Faktizität ist Resultat einer weit zurückreichenden Theorieentwicklung, die eng mit dem Schicksal der Hegelschen Rechtsphilosophie verknüpft ist. Nach Hegels Tod war seine Absicht, aus den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit die vernünftigen, d.h. freiheitsverbürgenden Institutionen normativ zu rekonstruieren, auf der einen Seite nur als konservative Restaurationslehre, auf der anderen Seite allein als Revolutionstheorie verstanden worden; diese Aufspaltung in eine Hegelsche Rechte und eine Hegelsche Linke ermöglichte es späteren Generationen, nachdem beinah alle revolutionären Ideale verschlissen waren, die politische Philosophie Hegels im Ganzen dem Konservatismus zuzuschlagen. Damit aber war der Siegeszug einer letztlich an Kant (oder, angelsächsisch, an Locke) orientierten Theorie der Gerechtigkeit nahezu besiegelt: Die normativen Prinzipien, an denen sich die moralische Legitimität der sozialen Ordnung bemessen sollte, durften nicht aus dem existierenden Institutionengefüge heraus, sondern nur von ihm unabhängig entwickelt werden. Weiterlesen