Schwerpunktbeitrag: Reicht es für moralische Entscheidungen, „gut“ zu sein?

Detlef Horster

Der Ausgangsfall
Jeder ist tagtäglich vor Situationen gestellt, in denen moralische Entscheidungen getroffen werden müssen. Eine Lehrerin beispielsweise trifft in einer Unterrichtsstunde von 45 Minuten oft bis zu 70 kleinere oder größere Entscheidungen. Für uns gibt es im Alltag ebenfalls Entscheidungen von geringerer und von größerer Tragweite. Eine der ersteren Art: Wir hatten gerade ein paar warme Tage in Hannover, meine Nachbarin geht gleichzeitig mit mir aus dem Haus und zeigt mir ihr neues großgeblümtes Sommerkleid. Sie fragt, wie ich das denn fände. Hier stehen für mich zwei Pflichten in Konkurrenz: Die moralische Pflicht zur Wahrhaftigkeit und die Pflicht, andere nicht zu verletzen. Man sieht, dass man oft mit derselben Handlung, mit der man eine Pflicht erfüllt, eine andere verletzt. Darauf komme ich später zurück.
Uns begegnen aber auch Fälle von größerer Tragweite: Mein Schulfreund Rolf, mit dem zusammen ich Abitur gemacht habe, liegt seit neun Jahren im Wachkoma, ohne Hoffnung auf Besserung. Weiterlesen