InDepth – longread: Vom Defizitmodell des Menschen zur digitalen Humanität. Was unterscheidet Menschen von Künstlicher Intelligenz?

Prof. Dr. Ulrich Hemel

Anwendungen Künstlicher Intelligenz (KI) prägen längst unseren Alltag, häufig unerkannt. KI erleichtert den Alltag, ermöglicht aber auch Machtmissbrauch und Manipulation. Wir haben als Gesellschaft darüber hinaus längst gelernt, schwache KI von starker KI zu unterscheiden. Auch in der Politik ist die Regelbedürftigkeit von KI-Anwendungen angekommen. Beispielsweise hat die EU hat in der Zwischenzeit Risikoklassen von KI-Anwendungen formuliert (European Commission, 2019). Grundsätzlich ist die Erfahrung, dass neue technologische Entwicklungen auch Risiken und Gefährdungen nach sich ziehen, nicht neu.
Über technische und politische Fragen hinaus wird ein entscheidender Punkt häufig unterschätzt. Dabei geht es um die Auswirkungen einer neuen Technologie auf das menschliche Selbstbild. Die Frage einer selbstreflexiven Vorstellung des Menschen von sich selbst in Reaktion auf technische Entwicklungen ist bislang jedoch eher ein blinder Fleck der Philosophie. Aus diesem Grund soll hier die Frage nach der Abgrenzung zwischen Menschen und Künstlicher Intelligenz im Vordergrund stehen.

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InDepth – shortread: Technisierung, Datafizierung und die angebliche Semantikfreiheit von Daten

Dr. Nicole Thiemer

Von Hans Blumenberg stammt eine Aufsatzsammlung, die den Titel trägt: „Wirklichkeiten, in denen wir leben“. Versammelt sind u. a. Beiträge zum Thema Lebenswelt und Technisierung, die vor mehr als 50 Jahren verfasst wurden. „Philosophie“, heißt es dort, sei „in ihrem deskriptiven Verfahren als Phänomenologie […] Disziplin der Aufmerksamkeit.“[1] Diese Aufmerksamkeit hat mit Blumenberg zum Ziel „die Schärfung der Wahrnehmungsfähigkeit im weitesten Sinne“[2] und die Ausbildung einer „Nachsicht […] mit dem, […] daß man nur gerade übersehen hat, was sich bei größerer Intensität des Hinsehens hätte sehen lassen müssen.“[3] Heute ist das Thema der Technisierung der Lebenswelt eines der brennendsten. [4]

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Philosophy and the Media: Demos und Demut der digitalen Demokratie. Twitch Plays Pokémon und internetgestützte Steuerung

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Agnes Wankmüller

Am 12. Februar 2014 wurde eines der bemerkenswerteren Online-Computerspiele auf dem internationalen Videospiel-Netzwerk Twitch als kollektives Echtzeit-Spiel durch einen anonymen australischen Entwickler eingebettet und gestartet. Twitch Plays Pokemon: Edition Red (im folgenden TPP abgekürzt) konnte man mit hunderttausenden[1] weiteren Personen spielen, und zwar nicht in einem üblichen Multiplayer-Szenario. Vielmehr sieht das Spielformat die Navigation einer einzigen Figur (Red) durch die simultane Beteiligung einer beliebigen Anzahl von Spieler*innen über einen zeitlich verzögerten Chat vor, in dem eine Masse sich widersprechender Steuerungseingaben (wie up, down, left und start) in Sekundenbruchteilen einströmen. Weiterlesen