InDepth – longread: Lasst tausend Bärte sprießen! Gegen die Ästhetik des Glatten

Paul Stephan

1. Rousseau oder die Einführung des Bartes in die Philosophie

In seinen Bekenntnissen berichtet Rousseau, wie er anlässlich der Premiere einer seiner Opern an den Hof des Königs geladen wurde. Die meisten würden diesen Anlass als Chance betrachten, einen guten Eindruck zu hinterlassen und penibel darauf achten, in ihrer Kleidung gegen keine der gängigen Konventionen zu verstoßen. Nicht so der geistige Unruhestifter aus Genf. Ganz bewusst verweigert er sich dieser symbolischen Unterwerfungsgeste und kleidet sich so, wie er es jeden Tag tut: „mit starkem Bart und ziemlich schlecht gekämmter Perücke“[1]. Er rechtfertigt sein, wie er selbst zugibt, unanständiges Verhalten sich selbst gegenüber:

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Schwerpunktbeitrag: Demokratische Repräsentation und die alten und neuen politischen Körperlehren

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Philip Manow

In der zeitgenössischen Demokratietheorie herrscht die Meinung vor, Volkssouveränität sei prinzipiell nicht darstellbar und die Vorstellung eines politischen Volkskörpers seit langem verabschiedet. Die Rede vom politischen Körper gilt heute als anachronistisch, die Körperlosigkeit der Demokratie wird geradezu zum Definitions- und Abgrenzungskriterium gegenüber der Monarchie mit ihrem politischen Königskörper: Demokratie beginne überhaupt erst am Ende aller politischen Verkörperungsmechanismen, demokratische Herrschaft sei gleichbedeutend mit der „Entkörperung der Macht“ (Claude Lefort). Der „Platz des verabschiedeten Volkskörpers“ markiert daher einen „vakante[n] Sitz der Souveränität“[1]. Aber was füllt diese Leerstelle? Welcher „symbolische Körper [tritt] an Stelle eines Volkes, das unauffindbar ist und nicht dargestellt werden kann“[2]? Weiterlesen