Pro und Contra: Brauchen wir Heroen?

pro: Herfried Münkler


Wenn von Helden die Rede ist, wird gerne der selbst wenig heldenhafte Brecht zitiert: Als bekannt wird, dass Galilei sich den Forderungen der päpstlichen Kurie gebeugt und widerrufen hat, ruft der enttäuschte Andrea aus: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“ Galilei selbst akzentuiert sein Entscheidungsdilemma etwas anders: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Diese Feststellung wird gerne zitiert, wenn man etwas gegen das Erfordernis von Helden sagen will. Aber so ist sie eigentlich nicht zu verstehen. Gegen Andrea besteht Galilei darauf, dass das Unglück eines Landes nicht im Fehlen, sondern im Erfordernis von Helden liegt. Doch das Unglück, auf Helden angewiesen zu sein, lässt sich nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man der Bewältigung schwieriger Konstellationen die Helden verweigert. Keiner hat das besser gewusst als Brecht. Freilich hat er auch gewusst, dass er selber zum Helden nicht taugte. Deswegen hat er sich mit Galilei identifiziert. Politische Konstellationen und Herausforderungen folgen nicht unbedingt den Imperativen der Glücksgarantie für ein bestimmtes Land. Man muss gerüstet sein, auch weniger glückliche Konstellationen bewältigen zu können – und dafür braucht man mitunter Helden. Helden sind also zu definieren als die Unglücksbewältigungsreserve eines Landes. Man muss sich mit ihnen nicht brüsten oder gar gegenüber Anderen hervortun. Aber man ist gut dran, wenn man in Situationen, wo es der Helden bedarf, auf diese zurückgreifen kann. Weiterlesen