Schwerpunktbeitrag: Religion im Aufwind? Beobachtung – Kritik – Plädoyer

Hans-Joachim Höhn

Dass die Moderne einmal ganz von der Religion loskommen könnte, gehört offensichtlich zu den Illusionen, von denen sie loskommen muss. Zu diesem Geständnis wird sie weniger von außen durch das Erstarken einer religiös-fundamentalistischen Gegenmoderne als durch den internen Vorgang einer „entgleisenden Modernisierung“ (J. Habermas) genötigt. Ihre Leitidee, wonach eine ständig weiter ausgreifende Naturbeherrschung, eine permanente Erweiterung des Wohlstands durch ökonomisches Wachstum sowie eine selbstbestimmte Identität des Subjekts durch Emanzipation von überkommenen Wertvorstellungen zu realisieren sind, hat sich offenkundig verbraucht. Dass es technisch Unableitbares, ökonomisch Unverrechenbares und politisch Unverfügbares gibt, das in Modernisierungsprozessen verkannt oder unterschlagen wurde und dessen Leerstellen zunehmend deutlich werden, gehört zur Einsicht in die Dialektik der Moderne. Heißt dies nun, dass sich für die Religion eine zweite Chance als Instanz der Sinnstiftung auftut, nachdem die profanen Gegenkräfte ihren Anspruch auf exklusive Weltdeutung aufgeben mussten? Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: De-moralisierte Gesellschaften ‒ Zwischen Schuld und Schulden. Rückfragen nach einem ursprünglichen, wiederherzustellenden oder neu zu etablierenden Verhältnis von Moral und Gesellschaft

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Burkhard Liebsch

We have a chance to stop further vast debt enslavement […]
and the trumping of democratic control by economic fear.
David Malone[1]

  1. Gewaltsame Ökonomisierung?

Die ‒ noch lange nicht ausgestandene und möglicherweise gar nicht mehr lösbare ‒ Finanzkrise des Jahres 2008 hat jedermann vor Augen geführt, wie nationale und transnationale Schulden-Ökonomien aus den Fugen geraten sind. Massive Überschuldung von Staaten überschattet kommende Generationen und wirft neben Fragen finanzieller Haftung und ursächlicher Verantwortung auch moralische Probleme der Schuld auf, die man sich selbst oder anderen für exzessive Überschuldung zurechnet. Dabei steht nicht zuletzt auf dem Spiel, ob und wie ökonomische Schulden und moralische Schuld überhaupt zusammenhängen können. Ein gewichtiges Indiz dafür ist zweifellos, wie gegenwärtig nicht nur europäische Gesellschaften die kollektive Erfahrung einer gesellschaftlichen Demoralisierung durchmachen, die zu einem erheblichen Teil aus einer moralisch kritisierten, aber als überwältigend und lähmend erscheinenden Überschuldung resultiert. Diese Erfahrung zwingt dazu, den Zusammenhang von Moral und Gesellschaft neu zu bedenken, der von vielen Theoretikern gesellschaftlichen Lebens ganz in Abrede gestellt wird, so dass es den Anschein hat, als sei das Moralische kaum mehr zugleich als Gesellschaft­liches und umgekehrt dieses kaum mehr zugleich als Moralisches zu begreifen.[2] Weiterlesen

InDebate: Besitzt unsere Gesellschaft noch „Sinn für Abenteuer“?

Grafe, Foto

Tim Grafe

Blickt man auf die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Entwicklung in Europa, so zeigen sich zweifellos besorgniserregende Tendenzen. Rechtspopulistische und rechtsradikale Bewegungen erhalten immer mehr Zulauf, in Staaten wie Polen und Ungarn verwandelt sich die Demokratie schleichend in ein autoritäres System. Als Legitimationsgrund für solche Transformationsprozesse dient dabei immer wieder das Heraufbeschwören einer grundsätzlichen Gefahr für „unsere“ Zivilisation, ohne dass wirklich klar wird, wie sich Letztere eigentlich bestimmen lässt. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Lob des ‚dummen Huhnes‘ oder: Depression und Gesellschaft. Eine philosophische Polemik im Anschluss an Friedrich Nietzsche und Wilhelm Genazino

Foto Brock

Eike Brock

„When the day is through / all I want to do / is slow down.“
(Ignite: Slow Down, Our Darkest Days)

I. Von letzten und von deprimierten Menschen

Nach dem Tod Gottes, d. h. nach dem Wegfall derjenigen Instanz, die so lange Zeit die Funktion eines Sinnstifters und -garanten in unserer Welt des unablässigen Werdens und Vergehens ausfüllte, ist ein Sinnvakuum entstanden. Soll das Nichts infolgedessen nicht wie in Michael Endes Unendlicher Geschichte nach allen Richtungen um sich greifen und dabei einen alles verschlingenden Sog erzeugen, dann muss die entstandene Leerstelle irgendwie gefüllt werden. Ein neuer Sinn muss her, denn so paradox es auch klingen mag: Das Nichts wächst fortwährend. Sinnverlust und Sinnsuche: Damit ist ein Themenkomplex berührt, der beinahe zwangsläufig einen der wichtigsten Philosophen der Moderne auf den Plan ruft. Die Rede ist von Friedrich Nietzsche, dem Durchdenker des Nihilismus. Mag sich Nietzsches philosophisch-literarische Figur Zarathustra auch noch so rätselhaft ausdrücken[1] – sie sieht doch ungemein klar. Nicht nur ist sich Zarathustra der Gefahr bewusst, die ein prosperierendes Nichts bedeutet, er hat auch eine konkrete Vorstellung davon, wie sich ihr begegnen lässt: Der neue Sinn der Erde soll der Übermensch sein. Indessen stößt Zarathustra bei dem Versuch, seiner Lehre vom Übermenschen auf einem dicht bevölkerten Marktplatz Gehör zu verschaffen, auf taube Ohren. Also verändert er seine Taktik. Weiterlesen