InDebate: Wenn die Weltrettung an 148 Mails scheitert. Handlungsprobleme in der säkularen Spätmoderne

Marie-Christine Kajewski

 

Die Propheten stehen heutzutage nicht auf Marktplätzen und sie halten ihre Botschaften nicht auf Transparenten in die Höhe. Stattdessen sind sie gefeierte Popstars, die als Protagonisten der Kulturindustrie dem gesellschaftlichen Selbst nicht nur einen Spiegel vorhalten, sondern dessen Befindlichkeit ebenso in vermarktungstaugliche Identifikationsformen gießen. Die Zeichen der Zeit lassen sich in Youtubeclips lesen, deren Popularität durch die Anzahl der jeweiligen Likes praktisch quantifiziert wird. Millionenfach gemocht und zudem wegen seiner eingängigen Melodie zum Sommerhit des Jahres ausgerufen wurde AVICIIs Wake me up – ein Lied, in dem das lyrische Ich feststellt, dass es die Probleme der Welt nicht alleine schultern kann und daher den sehnlichen Wunsch formuliert, ebendiese Probleme zu verschlafen und erst geweckt zu werden, wenn alles vorbei ist. Scheinbar gegenteilig dokumentiert TIM BENDZKO in seinem gleichermaßen populären Song Nur noch kurz die Welt retten seinen aktiven Versuch der Weltrettung, der allerdings durch das Checken wichtiger Emails immer weiter aufgeschoben wird. Weiterlesen