InDepth – longread: Wider die Ironie. Mit Christoph Schlingensief

Anne Specht

Kein Ausspruch Schlingensiefs wäre anlässlich seines heutigen Geburtstages treffender als dieser: „Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte.“[1] Ein Mann, der so vieles war: Regisseur, Parteigründer, Talkmaster, Aktionskünstler und schlussendlich Krebskranker. Bis zu seinem frühen Tod im Alter von 49 Jahren regte Schlingensief Debatten an, löste Empörung aus, ließ die Grenzen dessen, was Kunst ist, bzw. zu sein hat, hinter sich. Die Dynamik der Auseinandersetzung mit seiner Person war wesentlich von der Frage motiviert, ob er sich dabei mit Inhalten auseinandersetze oder nur ein neues Medium zur Selbstdarstellung und öffentlichen Provokation ausprobiere. Jene Kontroverse lädt zur Diskussion eines philosophisch oft bemühten Begriffs ein. Denn wer Uneindeutigkeit und Vielseitigkeit als Wendigkeit deutet, bemüht das Bild der Ironie. Dies wird zur Anklage, wenn unterstellt wird, dass Ironiker*innen jede aufrichtige Einsicht zu ihrer Person verwehrten. Eine Weigerung, die die emotionale Rezeption Schlingensiefs erklären könnte – sofern er als Ironiker begriffen werden kann?

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Schwerpunktbeitrag: Unbedachte Güte und die Ungerührtheit der Welt. Überlegungen zur zwischenmenschlichen Praxis des Umgangs mit moralisch wirksamen Gefühlen1

Foto Pape

Helmut Pape

I. Vorbemerkung, Klärung der Fragestellung und eine These

Die motivierende Rolle von Gefühlen ist für viele Moraltheoretiker häufig Anlaß zur Erfindung argumentativer Strategien, die im Namen der Rationalität deren Wirksamkeit leugnet oder durch Vernunft ersetzen will. Im Nachdenken über die moralische Richtigkeit des Handelns, so heißt es, sollten Gefühle keine Rolle spielen. Auch Kant z. B. hat immer wieder klar für die Ausschaltung motivierender Gefühle plädiert. Er hielt sie nicht für geeignet, um als Motivationen im moralischen Denken eine Rolle zu spielen. In der Grundlegung der Metaphysik der Sitten sagt Kant in diesem Sinne über den durch Mitempfinden motivierten Menschenfreund, daß dieser erst dann eine Chance hätte, sich moralisch zu verhalten, wenn er moralisch gefühllos geworden ist: Weiterlesen

InDebate: Wer bin ich zwischen den Kulturen? Kulturelle Neurowissenschaft und neue Fragen an das Selbst

Liya Yu

Liya Yu

Ich stehe an der gusseisernen Universitätspforte der Columbia Universität und blicke ein letztes Mal zurück auf den schneebedeckten Campus bevor ich die Treppen zur Subway Station hinuntersteige. Heute war wieder ein Tag, an dem ich mich nicht fragen musste, wer ich bin. In den Seminarräumen, der Bibliothek, der Kantine und den verwinkelten Korridoren der Vorkriegsgebäude des Morningside Campuses wird mein britisches Englisch mit deutschem Akzent und meine gar nicht dazu passende chinesische Erscheinung nicht kommentiert, eher, mit unerschütterlicher New Yorker Gleichgültigkeit und leichter Ungeduld übersehen um sofort auf das Wesentliche zu kommen: meinen Kommentar zum Seminartext, die überfälligen Leihgebühren, meine Unterschrift für die Rechnung des Earl Grey Tees. Ein guter Tag für mich, so konnte ich mich ebenfalls auf das Wesentliche konzentrieren und ich selbst sein. Weiterlesen