Schwerpunktbeitrag: Afrikanische Moderne und die Möglichkeit(en), Mensch zu sein

Elísio Macamo

Gibt es eine afrikanische Form der Moderne? Ich möchte in diesem Beitrag die These vertreten, dass die Suche nach einer solchen Form bei der Erfahrung ansetzen muss, die Afrikaner mit der europäischen Moderne gemacht haben. Der Begriff der Moderne steht für eine Welterklärung, die ihre Wurzeln in einer bestimmten historischen Erzählung hat. Diese geht von einem tiefen Einschnitt in der historischen Erfahrung aus, der sich in der europäischen Renaissance ereignete und eine neue Zeit einläutete. Diese neue Zeit ging aus der Auseinandersetzung zwischen vernunftgeleiteten Individuen und ihrer Gegenwart hervor. Individuen bedienten sich der Wissenschaft, um die Natur zu beherrschen, und wandten sich einer aufgeklärten Philosophie zu, um die moralischen Werte ausfindig zu machen, die dem Bedürfnis nach Wohlstand und Fortschritt als Grundlage dienen könnten. Wissen wurde zu einer Mutprobe, die – wie Kant mit seinem Wahlspruch zur Aufklärung „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ verdeutlichte – die Individuen (selbst-)bewusst eingingen. Getrieben wurden sie von Erfahrungen der Industrialisierung, die, um es mit den prägnanten Worten des Kommunistischen Manifests zu sagen, alles Ständische und Stehende verdampfen ließ und alles Heilige entweihen würde. Diese europäischen Entwicklungen wurden als Maßstab betrachtet, mit dem die Entfernung gemessen werden könne, die andere Weltteile von Europa trenne. Weiterlesen

Pro und contra: Folgt Macht einer einheitlichen Richtung?

(c) Agnes Wankmüller

(c) Agnes Wankmüller

Pro: Antonio Gramsci

Macht als Hegemonie erfährt ihre Richtung durch die führende, herrschende Gruppe einer Gesellschaft

„Vorläufig lassen sich zwei große superstrukturelle ‚Ebenen‘ festlegen – diejenige, die man die Ebene der ‚Zivilgesellschaft‘ nennen kann, d.h. des Ensembles der gemeinhin ‚privat‘ genannten Organismen, und diejenige der ‚politischen Gesellschaft oder des Staates‘ – die der Funktion der ‚Hegemonie‘, welche die herrschende Gruppe in der gesamten Gesellschaft ausübt, und der Funktion der ‚direkten Herrschaft‘ oder des Kommandos, die sich im Staat und in der ‚formellen‘ Regierung ausdrückt, entsprechen. Diese Funktionen sind eben organisierend und verbindend. Die Intellektuellen sind die ‚Gehilfen‘ der herrschenden Gruppe bei der Ausübung der subalternen Funktionen der gesellschaftlichen Hegemonie und der politischen Regierung, nämlich: 1. des ‚spontanen‘ Konsenses, den die großen Massen der Bevölkerung der von der herrschenden grundlegenden Gruppe geprägten Ausrichtung des gesellschaftlichen Lebens geben, eines Konsenses, der ‚historisch‘ aus dem Prestige (und folglich aus dem Vertrauen) hervorgeht, das der herrschenden Gruppe aus ihrer Stellung und ihrer Funktion in der Welt der Produktion erwächst; 2. des staatlichen Zwangsapparats, der ‚legal‘ die Disziplin derjenigen Gruppen gewährleistet, die weder aktiv noch passiv ‚zustimmen‘, der aber für die gesamte Gesellschaft in der Voraussicht von Krisenmomenten im Kommando und in der Führung, in denen der spontane Konsens schwindet, eingerichtet ist.“[1] Weiterlesen

InDebate: Das Volk als Zuschauer, Politik als Ereignis – Ocular Democracy und die „Seh-Stärke“ des demokratischen Souveräns

Solongo Wandan

Die politische Laufbahn des Ex-Premierministers Silvio Berlusconi scheint in diesen Tagen vor dem endgültigen Ende zu stehen. Italiens skandalträchtiger „Cavaliere“ droht der Senatsausschluss, Politikverbot sowie eine Haftstrafe. Ungefähr zur gleichen Zeit zwingt die chinesische Regierung den regimekritischen und gegenwärtig inhaftierten Blogger Charles Xue zu einer öffentlichen Abbitte vor laufender Kamera. Das im chinesischen Staatsfernsehen gesendete Video zeigt Xue selbstkritisch; seiner „Aussage“ zufolge mache das Internet süchtig und er habe seine kritischen Kommentare über Umweltverschmutzung, Lebensmittelsicherheit und Kinderarmut in China nicht vorab überprüft. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Thomas von Aquin über Freiheit und Abhängigkeit

Günther Mensching

Die Epoche vom Ende des weströmischen Reiches bis zur Reformation gilt gemeinhin als das Zeitalter der persönlichen Abhängigkeit, der wohlabgestuften Hierarchien und Gefolgschaften. Das Verhältnis von Theologie und Philosophie des Mittelalters scheint diese Ordnung zu spiegeln, wurde doch die Philosophie als Magd der Theologie bezeichnet. Von der Etablierung der Grundherrschaft unter den Karolingern bis zu den Zünften in den Städten des Hoch- und Spätmittelalters ist der Begriff der Freiheit in der Tat nicht im modernen Sinne gebräuchlich gewesen. Vielmehr bezeichnet er, im Plural verwendet, eher Privilegien, die in der mittelalterlichen Gesellschaft konstitutive Bedeutung für die Verhältnisse der Menschen untereinander hatten. Rechte und Freiheiten wurden hoheitlich verliehen und waren nicht allgemeines und gleiches Gesetz. Weiterlesen