InDebate: Soziale Ungleichheit

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Wilhelm Vossenkuhl

Nach Marx hat es keinen ernst zu nehmenden Versuch mehr gegeben, um der Gleichheit willen die soziale Ungleichheit wenigstens in der Theorie abzuschaffen. Selbst der an der Idee der gleichen Gerechtigkeit orientierte John Rawls geht nicht nur vom Faktum der Ungleichheit aus, sondern will sie mit seiner Theorie der Gerechtigkeit als Fairness nur lindern, aber nicht abschaffen. Er hat sich wie die meisten Theoretiker damit abgefunden, dass es die soziale Ungleichheit gibt. Es kommt aber gewiss darauf an, wie groß sie ist, und ob sie wächst. Kürzlich ließ Oxfam verlauten, dass 99% des Reichtums weltweit lediglich einem Prozent der Menschheit gehörten. Dagegen argumentierten dann rasch einige Ökonomen – beschwichtigend –, diese Zahlen seien der Geldschwemme zu verdanken, die von einigen Notenbanken verursacht wurde, sie seien künstlich und nicht ernst zu nehmen. Weiterlesen

InDebate: Nach der „Krise der Wissenschaften“

Hijikata

Toru Hijikata 

Frei von den traditionellen ontologischen Belastungen waren selbst die Denkansätze nicht, die im 20. Jahrhundert jeweils eine markante Wende vollzogen hatten. Dazu gehören beispielsweise die Webersche Reflexion über die Objektivität in den Naturwissenschaften (wie Max Planck, Albert Einstein, Werner Heisenberg usw.), die Husserlsche Krise der Wissenschaften, die Mannheimsche Ideologiekritik, die kulturanthropologische Entdeckung der Struktur und die postmodernistische Diskussion über das Ende der großen Rede (Jean-François Lyotard, Francis Fukuyama). Symptomatisch ist dabei, dass alle wissenschaftlichen Äußerungen oder theoretischen Schlussfolgerungen relativiert werden können und somit kontingent bleiben müssen. So ist es inzwischen fast unmöglich geworden, der Gesellschaft gegenüber bestimmte allgemeingültige Werturteile aufzuzeigen und als Orientierungshilfe anzubieten. Diese Schwierigkeit ist darin begründet, dass jedes Werturteil durch ein anderes relativiert wird und dass diese Relativierung wiederum durch ein weiteres Werturteil relativiert werden kann. Weiterlesen

InDebate: Pegida ist eine anti-politische Bewegung!

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Jürgen Manemann

Auf der politischen Ebene lässt sich so etwas wie eine Rückkehr zur Politik ausmachen. Der Souverän, Bürgerinnen und Bürger, melden sich zurück. Man denke etwa an die überraschende Bürgerbewegung „Stuttgart 21“ oder die Occupy-Bewegung. Selbst wenn es sich hier nur um vorübergehende Erscheinungen handeln sollte, so kann das politische Signal, das von ihnen ausgegangen ist, nicht mehr geleugnet werden.

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InDebate: Schenken

Liebe Blogger-Freundinnen und Freunde,

in der Weihnachts- und der Neujahrswoche möchten wir Euch bitten, uns Eure Kommentare, Fragen, Reaktionen o.ä auf folgendes Zitat des Philosophen Theodor Adorno zu senden:

„Die Menschen verlernen das Schenken. … Dafür übt man charity, verwaltete Wohltätigkeit, die sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planmäßig zuklebt. … Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr fähig. Günstigenfalls schenken sie, was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter. Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag. Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist.

Gegenüber der größeren Fülle von Gütern, die selbst dem Armen erreichbar sind, könnte der Verfall des Schenkens gleichgültig, die Betrachtung darüber sentimental scheinen. Selbst wenn es jedoch im Überfluß überflüssig wäre …, so blieben des Schenkens jene bedürftig, die nicht mehr schenken. Ihnen verkümmern jene unersetzlichen Fähigkeiten, die nicht in der Isolierzelle der reinen Innerlichkeit, sondern nur in Fühlung mit der Wärme der Dinge gedeihen können. Kälte ergreift alles, was sie tun, das freundliche Wort, das ungesprochen, die Rücksicht, die ungeübt bleibt. Solche Kälte schlägt endlich zurück auf jene, von denen sie ausgeht. Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Versöhnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unfähig wird, macht sich zum Ding und erfriert.“

Theodor Adorno, Minima Moralia, 46/47