InDebate: Gleichheit vor dem Virus! – Verwundbarkeiten in der Corona-Krise[1]

Totentanz, https://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:Totentanz_blockbook_o.jpg

Jürgen Manemann

„Nackt in der Badewanne“ verkündete Madonna in einem Videoclip, dass das Coronavirus „der große Gleichmacher“ sei, und stellte dabei erleichtert fest: „Wenn das Schiff untergeht, gehen wir alle zusammen unter.“[2] Eine solche Aussage zeugt von Blindheit gegenüber den unterschiedlichen Verwundbarkeiten, denen unterschiedliche Menschen aufgrund unterschiedlicher Gefährdungen in der Corona-Pandemie ausgesetzt sind. Zu Recht rieben sich einige Fans die Augen; verwundert ob derlei Weltfremdheit mahnten sie: „Entschuldige, meine Königin, ich liebe dich so sehr, aber wir sind nicht gleich. Wir können durch die gleiche Krankheit sterben, aber die Armen werden am meisten leiden. Romantisiere diese Tragödie nicht“.[3]

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InDepth – longread: Kirche und Klimakrise – Ein philosophisch-theologischer Einspruch

FridaysForFuture Hannover 2019-07-05
C.Suthorn / cc-by-sa-4.0 / commons.wikimedia.org

Jürgen Manemann

Unsere Schwester, Mutter Erde, „schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat. Wir sind in dem Gedanken aufgewachsen, dass wir ihre Eigentümer und Herrscher seien, berechtigt, sie auszuplündern. Die Gewalt des von der Sünde verletzten menschlichen Herzens wird auch in den Krankheitssymptomen deutlich, die wir im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Lebewesen bemerken. Darum befindet sich unter den am meisten verwahrlosten und misshandelten Armen diese unterdrückte und verwüstete Erde, die ‚seufzt und in Geburtswehen liegt‘ (Röm 8,22).“ – Mit diesen eindringlichen Worten in „Laudato si“ (Nr. 2) wollte Papst Franziskus die Welt und vor allem die Christ*innen wachrütteln. Bis heute bleiben die Schreie der Erde jedoch in der katholischen Kirche hierzulande ungehört. Ja, es gibt viele Papiere, Verlautbarungen, Predigten, in denen „Laudato si“ zitiert wird. Unzählig sind die Forderungen zur „Bewahrung der Schöpfung“. Auch gibt es viele einzelne Umweltaktionen, etwa das Klimafasten. Aber all die Worte und Aktionen haben bislang keine Taten hervorgebracht, die der Höhe der Herausforderung angemessen wären. Dies wird zur Anklage in einer Zeit, in der sich der Zukunftshorizont zunehmend verfinstert.

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InDebate: Hannover – erste autofreie Stadt Deutschlands!

Klimaweisen-Rat unterstützt Forderung von FridaysForFuture

Bernd Schwabe [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Jürgen Manemann

Die ökologische Krise, in der wir uns befinden, ist verursacht durch eine gestörte Weltbeziehung, deren Ausdruck Entfremdung ist. Der Soziologe Hartmut Rosa hat diese Zusammenhänge scharfsinnig analysiert. Entfremdung ist das „Gefühl, dass die Welt ihre Bedeutung verloren hat, dass sie blass und grau geworden ist. Dass mich nichts mehr berührt.“ Der Gegenbegriff zu dieser Weltbeziehung ist Resonanz: „berührt werden, […] die Welt erreichen können. Nicht verschlossen, sondern offen sein.“[1] Eine resonante Weltbeziehung gelingt uns immer weniger. Deutlich spüren wir das in unseren Städten. In einem Interview wurde der zurzeit wohl einflussreichste Stadtplaner, Jan Gehl, gefragt, woran man die Lebensqualität einer Stadt erkenne. Seine Antwort: „Es gibt einen sehr simplen Anhaltspunkt. Schauen Sie, wie viele Kinder und alte Menschen auf Straßen und Plätzen unterwegs sind. Das ist ein ziemlich zuverlässiger Indikator. Eine Stadt ist nach meiner Definition dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert. Wenn sie also nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt.“[2]

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InDebate: Die Theologie muss politisch werden! – Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag

Jürgen Manemann

Sie ist still geworden, die universitäre katholische Theologie.[1] Man hört ihre Stimme zwar immer wieder in binnenkirchlichen Debatten, aber gesellschaftspolitisch ist sie seit Längerem verstummt. Diese Stille wird jedoch zur Anklage in einer Zeit, in der sich allerorts Rassismus und Antisemitismus ausbreiten und in der der Zukunftshorizont zunehmend zu verfinstern droht. Unermüdlich versucht der Begründer der Neuen Politischen Theologie, der katholische Theologe Johann Baptist Metz, die Theologie dafür zu sensibilisieren, dass es ein „Zu-spät“ gibt. In seiner „5. These zur Apokalyptik“ zitiert er Bertolt Brecht: „Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, dann ruft niemand mehr: halt!“ Die Neue Politische Theologie von Metz ist eine Theologie des Protestes und der Bewegung. Als Protesttheologie will sie durch Unterbrechungen wachrütteln; als Bewegungstheologie wagt sie sich in Bereiche, die schmerzen.

Metz wird am 5. August 90 Jahre alt. Seine Forderung für die heutige Zeit ist klar: Theologie muss politisch werden. Um politisch zu werden, bedarf es eines „lebendigen Sinns für Ungerechtigkeit“ (Burkhard Liebsch). Denn das Politische kennen heißt fühlen, was ungerecht ist. Die Politische Theologie nimmt ein Missverhältnis wahr zwischen dem ungerechten Zustand in der Welt und den stetig anwachsenden theologischen Theorien über Gerechtigkeit. Nur der lebendige Sinn für Ungerechtigkeit ermöglicht es, die blinden Flecken in unseren Gerechtigkeitsdiskursen offenzulegen. Um politisch zu werden, so Metz, muss Theologie Christus so denken, dass er nie nur gedacht ist. Ohne Praxis gibt es nämlich keine Christologie: „Es kommt meines Erachtens darauf an, die gesellschaftlichen und politischen Bedingungszusammenhänge des Nachfolgehandelns vor Augen zu rücken.“[2] Vermutlich krankt die Theologie noch immer an einem abstrakten Praxisbegriff, der die Einsicht in die gesellschaftspolitische Grunddimension der Theologie versperrt. Einige Theolog*innen mögen einwenden, das sei doch alles bekannt. Und in der Tat: Metz weist darauf ja auch schon seit über 50 Jahren hin. Aber: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ (Hegel)

In der Zeit des Protestes und der Bewegung, 1968, erkannte Metz, dass das Leiden des Einzelnen immer auch als gesellschaftliches Unrecht verstanden werden muss. Aber als Dialektiker wusste er auch, dass der Sprung von der „Existenz“ in die „Gesellschaft“ in eine Erstarrung führt, wenn die „Gesellschaft“ nicht immer wieder neu durch den Einbruch der „Existenz“ in Bewegung gebracht wird: „Alle großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen können heute eigentlich nur noch durch Veränderungen bei und in uns selbst, in einer Art anthropologischer Revolution gelöst werden. Es geht heute, auch und gerade politisch, darum, daß wir ‚anders leben‘ lernen, damit andere überhaupt leben können.“[3] Dass der Mensch sich ändern kann, an dieser Hoffnung hält Metz fest. Sie gründet für ihn in der Fähigkeit zur Mitleidenschaft, durch die offenbar wird, dass der Mensch noch nicht völlig vergesellschaftet ist. Protest und Bewegung – das wären heute die Motoren einer zeitempfindlichen Theologie. Worauf wartet die Theologie noch?

Zum 90. Geburtstag von Metz erscheint eine Festschrift: Hans-Gerd Janßen / Julia D. E. Prinz / Michael J. Rainer / (Hg.), Theologie in gefährdeter Zeit. Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag (Lit-Verlag Münster)

Verfasser: Jürgen Manemann, Prof. Dr., ist Schüler von Johann Baptist Metz  und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind, neben Fragen der politischen Theologie, Umweltphilosophie und neue Demokratie- und Politiktheorien. Jüngste Veröffentlichungen u.a.: Manemann, Jürgen/Eike Brock, Philosophie des HipHop. Performen, was an der Zeit ist, Bielefeld 2018; Manemann, Jürgen, Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?, Bielefeld 2015; Manemann, Jürgen, Kritik des Anthropozäns. Plädoyer für eine neue Humanökologie, Bielefeld 2014; Manemann, Jürgen, Wie wir gut zusammen leben. 11 Thesen für eine Rückkehr zur Politik, Ostfildern 2013; Manemann, Jürgen/Arisaka, Yoko/Drell, Volker/Hauk, Anna Maria, Prophetischer Pragmatismus. Eine Einführung in das Denken von Cornel West, München 22012.

© Jürgen Manemann

[1] Ich beziehe mich im Folgenden auf die Situation der katholischen Theologie in Deutschland. Theologie ist nicht nur in verschiedene Einzeldisziplinen untergliedert, es gibt auch eine Pluralität von verschiedenen Zugängen zur Gottesfrage. Dennoch geht es allen Theologien immer um das Ganze. Diesem Anspruch versucht die Neue Politische Theologie, die nicht als Bereichstheologie missverstanden werden darf, aus der Perspektive des Bilderverbotes gerecht zu werden. Und so geht es ihr immer um ein „Mehr als das Ganze“ (T. R. Peters). Als „Theologie mit dem Gesicht zur Welt“ (Metz) arbeitet sie gegen die Amnesien in der Gesellschaft. Und so erinnert sie immer wieder neu an die universale Hoffnung auf Gerechtigkeit, die sich mit dem Wort Gott verbindet. Nun gibt es zwar durchaus einzelne Theolog*innen, die ihre Stimme heute erheben. Aber es gelingt Theolog*innen nicht, gemeinsam ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu Gehör zu bringen.
[2] J. B. Metz, Zeit der Orden? Zur Mystik und Politik der Nachfolge, Freiburg 1977, 43.
[3] J. B. Metz, Unterwegs zur Zweiten Reformation. Oder: die Zukunft des Christentums in einer nachbürgerlichen Welt, in: abgedruckt in: J. B. Metz, Jenseits bürgerlicher Religion. Reden über die Zukunft des Christentums, München/Mainz 41984, 70-93, 85.