InDebate: Die Theologie muss politisch werden! – Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag

Hervorgehoben

Jürgen Manemann

Sie ist still geworden, die universitäre katholische Theologie.[1] Man hört ihre Stimme zwar immer wieder in binnenkirchlichen Debatten, aber gesellschaftspolitisch ist sie seit Längerem verstummt. Diese Stille wird jedoch zur Anklage in einer Zeit, in der sich allerorts Rassismus und Antisemitismus ausbreiten und in der der Zukunftshorizont zunehmend zu verfinstern droht. Unermüdlich versucht der Begründer der Neuen Politischen Theologie, der katholische Theologe Johann Baptist Metz, die Theologie dafür zu sensibilisieren, dass es ein „Zu-spät“ gibt. In seiner „5. These zur Apokalyptik“ zitiert er Bertolt Brecht: „Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, dann ruft niemand mehr: halt!“ Die Neue Politische Theologie von Metz ist eine Theologie des Protestes und der Bewegung. Als Protesttheologie will sie durch Unterbrechungen wachrütteln; als Bewegungstheologie wagt sie sich in Bereiche, die schmerzen.

Metz wird am 5. August 90 Jahre alt. Seine Forderung für die heutige Zeit ist klar: Theologie muss politisch werden. Um politisch zu werden, bedarf es eines „lebendigen Sinns für Ungerechtigkeit“ (Burkhard Liebsch). Denn das Politische kennen heißt fühlen, was ungerecht ist. Die Politische Theologie nimmt ein Missverhältnis wahr zwischen dem ungerechten Zustand in der Welt und den stetig anwachsenden theologischen Theorien über Gerechtigkeit. Nur der lebendige Sinn für Ungerechtigkeit ermöglicht es, die blinden Flecken in unseren Gerechtigkeitsdiskursen offenzulegen. Um politisch zu werden, so Metz, muss Theologie Christus so denken, dass er nie nur gedacht ist. Ohne Praxis gibt es nämlich keine Christologie: „Es kommt meines Erachtens darauf an, die gesellschaftlichen und politischen Bedingungszusammenhänge des Nachfolgehandelns vor Augen zu rücken.“[2] Vermutlich krankt die Theologie noch immer an einem abstrakten Praxisbegriff, der die Einsicht in die gesellschaftspolitische Grunddimension der Theologie versperrt. Einige Theolog*innen mögen einwenden, das sei doch alles bekannt. Und in der Tat: Metz weist darauf ja auch schon seit über 50 Jahren hin. Aber: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ (Hegel)

In der Zeit des Protestes und der Bewegung, 1968, erkannte Metz, dass das Leiden des Einzelnen immer auch als gesellschaftliches Unrecht verstanden werden muss. Aber als Dialektiker wusste er auch, dass der Sprung von der „Existenz“ in die „Gesellschaft“ in eine Erstarrung führt, wenn die „Gesellschaft“ nicht immer wieder neu durch den Einbruch der „Existenz“ in Bewegung gebracht wird: „Alle großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen können heute eigentlich nur noch durch Veränderungen bei und in uns selbst, in einer Art anthropologischer Revolution gelöst werden. Es geht heute, auch und gerade politisch, darum, daß wir ‚anders leben‘ lernen, damit andere überhaupt leben können.“[3] Dass der Mensch sich ändern kann, an dieser Hoffnung hält Metz fest. Sie gründet für ihn in der Fähigkeit zur Mitleidenschaft, durch die offenbar wird, dass der Mensch noch nicht völlig vergesellschaftet ist. Protest und Bewegung – das wären heute die Motoren einer zeitempfindlichen Theologie. Worauf wartet die Theologie noch?

Zum 90. Geburtstag von Metz erscheint eine Festschrift: Hans-Gerd Janßen / Julia D. E. Prinz / Michael J. Rainer / (Hg.), Theologie in gefährdeter Zeit. Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag (Lit-Verlag Münster)

Verfasser: Jürgen Manemann, Prof. Dr., ist Schüler von Johann Baptist Metz  und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind, neben Fragen der politischen Theologie, Umweltphilosophie und neue Demokratie- und Politiktheorien. Jüngste Veröffentlichungen u.a.: Manemann, Jürgen/Eike Brock, Philosophie des HipHop. Performen, was an der Zeit ist, Bielefeld 2018; Manemann, Jürgen, Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?, Bielefeld 2015; Manemann, Jürgen, Kritik des Anthropozäns. Plädoyer für eine neue Humanökologie, Bielefeld 2014; Manemann, Jürgen, Wie wir gut zusammen leben. 11 Thesen für eine Rückkehr zur Politik, Ostfildern 2013; Manemann, Jürgen/Arisaka, Yoko/Drell, Volker/Hauk, Anna Maria, Prophetischer Pragmatismus. Eine Einführung in das Denken von Cornel West, München 22012.

© Jürgen Manemann

[1] Ich beziehe mich im Folgenden auf die Situation der katholischen Theologie in Deutschland. Theologie ist nicht nur in verschiedene Einzeldisziplinen untergliedert, es gibt auch eine Pluralität von verschiedenen Zugängen zur Gottesfrage. Dennoch geht es allen Theologien immer um das Ganze. Diesem Anspruch versucht die Neue Politische Theologie, die nicht als Bereichstheologie missverstanden werden darf, aus der Perspektive des Bilderverbotes gerecht zu werden. Und so geht es ihr immer um ein „Mehr als das Ganze“ (T. R. Peters). Als „Theologie mit dem Gesicht zur Welt“ (Metz) arbeitet sie gegen die Amnesien in der Gesellschaft. Und so erinnert sie immer wieder neu an die universale Hoffnung auf Gerechtigkeit, die sich mit dem Wort Gott verbindet. Nun gibt es zwar durchaus einzelne Theolog*innen, die ihre Stimme heute erheben. Aber es gelingt Theolog*innen nicht, gemeinsam ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu Gehör zu bringen.
[2] J. B. Metz, Zeit der Orden? Zur Mystik und Politik der Nachfolge, Freiburg 1977, 43.
[3] J. B. Metz, Unterwegs zur Zweiten Reformation. Oder: die Zukunft des Christentums in einer nachbürgerlichen Welt, in: abgedruckt in: J. B. Metz, Jenseits bürgerlicher Religion. Reden über die Zukunft des Christentums, München/Mainz 41984, 70-93, 85.

Schwerpunktbeitrag: Menschenrechte zukünftiger Generationen?

Katholischen Hochschule fŸr Sozialwesen Berlin

Andreas Lienkamp

Bei der „United Nations Conference on Environment and Development“, dem „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro im Juni 1992, haben 166 Staats- und Regierungschefs das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen unterzeichnet. Darin bringen sie zum Ausdruck, dass Klimaschutz für die Völkergemeinschaft nicht nur eine technisch und politisch, sondern auch eine normativ höchst anspruchvolle Aufgabe ist: „Die Vertragsparteien sollen auf der Grundlage der Gerechtigkeit und entsprechend ihren gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und ihren jeweiligen Fähigkeiten das Klimasystem zum Wohl heutiger und künftiger Generationen schützen.“ Ganz in diesem Sinne betonen die Unterzeichnerstaaten der parallel erarbeiteten Rio-Deklaration, dass die künftige Entwicklung so zu gestalten sei, dass „den Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen heutiger und künftiger Generationen in gerechter Weise entsprochen wird“. Dass die anthropogene Beeinflussung des globalen Klimas eine Frage der Gerechtigkeit und eines der zentralen ethischen Probleme der Gegenwart darstellt, ist also nicht die Sondermeinung exzentrischer Moralisten oder überbesorgter Umweltschützer. Weiterlesen

InDebate: Was ist das – das Anthropozän?

Johannes Frisch - Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane in Die Gartenlaube, 1853 ("The Garden Arbor"), S. 36-38  (https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADie_Gartenlaube_(1853)_b_037.jpg)

Johannes Frisch – Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane in Die Gartenlaube, 1853 („The Garden Arbor“), S. 36-38 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A Die_Gartenlaube_(1853)_b_037.jpg)

Jürgen Manemann

Was ist das – das Anthropozän? Zunächst einmal ein Begriff. Wir benötigen Begriffe, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Begriffe führen uns aber nicht automatisch zur Erkenntnis. Sie können sogar von ihr wegführen. Es bedarf Begriffe, die, wie Theodor W. Adorno fordert, das auf den Begriff Gebrachte – das Begrifflose – hervortreten lassen, ohne es dem Begriff gleichzumachen. Das bedeutet, dass wir uns „die Begriffe nicht mehr nur schenken lassen, sie nicht nur reinigen und aufhellen, sondern sie allererst machen, schaffen, hinstellen (…).“ Begriffe müssen also „erfunden, hergestellt oder vielmehr erschaffen werden“ (G. Deleuze/F. Guattari, 10). Es gibt Begriffe, die willkürlich sind, haltlos, und es gibt Begriffe, die triftig sind. Es gibt Begriffe, denen wir vertrauen, und solche, denen wir misstrauen. Aber: Es gibt keinen einfachen Begriff. Gilles Deleuze und Félix Guattari bringen es auf den Punkt: Jeder Begriff ist eine Mannigfaltigkeit. Er besitzt nicht nur eine Komponente, sondern mehrere. Mannigfaltig sind Begriffe nicht zuletzt deshalb, weil sie eine Geschichte haben. Weiterlesen

InDebate: Die abgesagte Katastrophe –Kritische Randnotizen zum EINEWELT Zukunftsforum

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Ana Honnacker

Nichts weniger als die Zukunft der globalen Gesellschaft war das Thema des am 24. November 2014 in Berlin ausgerichteten „EINEWELT Zukunftsforums„. Eingeladen hatte das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ), um den Abschluss des Dialogprozesses, der Anfang 2014 gemeinsam mit zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, Vereinen und Initiativen gestartet worden war, mit der Übergabe der daraus entstandenen „EINEWELT Zukunftscharta“ an die Bundeskanzlerin zu begehen. Eingerahmt von „Zukunftsslams“ und „Erlebnisinseln“, in denen die verschiedenen Akteure sich und ihre Projekte vorstellen konnten, präsentierte sich eine durchweg zufriedene Bundesregierung. Die insgeheim ausgegebene Losung der Veranstaltung dürfte jedoch „Alles unter Kontrolle, keine Panik“ gelautet haben. Welthunger, Armut und Klimawandel wurden zu einer rein technologischen Herausforderung stilisiert, die im Rahmen des bestehenden Systems bewältigt werden kann. Die Logik des Wachstums wird mit dem Stichwort Nachhaltigkeit indiziert. Das beruhigt und schont die Nerven: Wir müssen nicht uns ändern. Jedenfalls nicht radikal. Wir bauen energieeffiziente Häuser und höhere Deiche. Wir kaufen fair gehandelten Kaffee und trinken Wasser aus der Leitung statt aus Plastikflaschen.  Der notwendige radikalere Kulturwandel wird vertagt. Weiterlesen

Philosophie am Kröpcke: Ist der Klimawandel ungerecht? (Teil 2)

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die im Institut erforscht werden, hält und weiß. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph Journals führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die uns über den Weg laufen, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie. Dieses Mal wollten wir wissen: „Ist der Klimawandel ungerecht?“– eine Frage, die zu Gegenfragen einlud. Auszüge aus den profunden Antworten lesen Sie hier … Weiterlesen

Philosophie am Kröpcke: Ist der Klimawandel ungerecht? (Teil 1)

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die im Institut erforscht werden, hält und weiß. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph Journals führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die uns über den Weg laufen, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie. Dieses Mal wollten wir wissen: „Ist der Klimawandel ungerecht?“– eine Frage, die zu Gegenfragen einlud. Auszüge aus den profunden Antworten lesen Sie hier … Weiterlesen