InDepth-longread: Passiver Widerstand? Der Körper und die feministische Philosophie

Kaja Kröger

1. Einleitung

Der Körper ist nicht nur ein Widerstand in der materiellen Welt, er ist es auch in der feministischen Philosophie.

In erster Linie erachtet die traditionelle patriarchale Philosophie und ihre Institutionalisierung die Zentrierung körperlicher Erfahrung als Erkenntnisorgan als auch als Erkenntnisobjekt als illegitim, was in feministischer Theorie bereits im letzten Jahrhundert eingehend thematisiert worden ist.[1] Gleichzeitig gab es aber auch im Zuge der Entwicklung poststrukturalistischer feministischer Theorien wiederum ein zunehmendes Fremdeln mit einer positiven und identifikatorischen Bezugnahme auf Körperlichkeit. Doch woher kommt dieses philosophische Unbehagen bezüglich des Körpers? Und welche Probleme begegnen jenem feministischen Denken heutzutage, das Verstrickungen von Körperlichkeit und Geschlecht artikulieren möchte?

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Schwerpunktbeitrag: Beauty-Despotismus. Warum der ästhetische Körperkult ein egalitäres Drama heraufbeschwört

Arnd Pollmann

Je geringer die sozialen Ungleichheiten, desto sensibler wird das Volk für verbleibende Ungerechtigkeiten. Dieses Phänomen wird in der Soziologie „Tocqueville-Paradox“ genannt. Der Autor von Über die Demokratie in Amerika (1835) und Der alte Staat und die Revolution (1856) hatte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine beunruhigende Tendenz des demokratischen Egalitarismus ausgemacht, so wie dieser sich seinerzeit nicht nur in Nordamerika, sondern bedingt auch im post-revolutionären Europa auszubreiten begann und sukzessive zu einer Nivellierung gesellschaftlicher Gegensätze beizutragen schien. Dieses Paradox besagt, dass die revolutionär erkämpfte oder aber durch Reformen bewirkte Angleichung sozialer Lebenslagen am Ende für weit mehr Frustrationen und auch Proteste sorgen könnte als die Reproduktion „alter“ und vergleichsweise eklatanter Ungleichheiten. Während nämlich diese alten und gravierenden Ungleichheiten vom Volk lange Zeit als „naturgegeben“ und damit unveränderlich hingenommen wurden, führt die Erfahrung einer revolutionären Veränderbarkeit bestehender Klassenunterschiede gerade nicht zu einer Befriedung des Volkes. Zwar nehmen die sozialen Ungleichheiten objektiv tatsächlich ab, so Tocqueville, doch führt dies paradoxerweise subjektiv zu einem wachsenden und verfeinerten Anspruchsniveau: Je deutlicher das Volk die wenigen verbleibenden Ungleichheiten als durch und durch „menschengemacht“ erkennen, desto empfindlicher wird es für eben diese Differenzen und umso mehr Empörung wird den Herrschenden entgegenschlagen.[1] Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Demokratische Repräsentation und die alten und neuen politischen Körperlehren

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Philip Manow

In der zeitgenössischen Demokratietheorie herrscht die Meinung vor, Volkssouveränität sei prinzipiell nicht darstellbar und die Vorstellung eines politischen Volkskörpers seit langem verabschiedet. Die Rede vom politischen Körper gilt heute als anachronistisch, die Körperlosigkeit der Demokratie wird geradezu zum Definitions- und Abgrenzungskriterium gegenüber der Monarchie mit ihrem politischen Königskörper: Demokratie beginne überhaupt erst am Ende aller politischen Verkörperungsmechanismen, demokratische Herrschaft sei gleichbedeutend mit der „Entkörperung der Macht“ (Claude Lefort). Der „Platz des verabschiedeten Volkskörpers“ markiert daher einen „vakante[n] Sitz der Souveränität“[1]. Aber was füllt diese Leerstelle? Welcher „symbolische Körper [tritt] an Stelle eines Volkes, das unauffindbar ist und nicht dargestellt werden kann“[2]? Weiterlesen

Pro und Contra: Sollen wir das Altern bekämpfen?

Pro: Stefan Lorenz Sorgner

Bei jeder Frage, in der auf ein ‚wir‘ verwiesen wird, gilt es zunächst einmal zu spezifizieren, worauf dieses ‚wir‘ genau verweist. Wenn die Frage impliziert, dass eine Verlängerung der Lebensspanne notwendigerweise mit jedem Konzept des Guten verbunden ist, dann würde ich die Frage verneinen, da ich es für plausibel erachte, dass die authentische Wahl eines guten Lebens von manchen Menschen keine Verlängerung der Lebensspanne impliziert. Entscheidend scheint mir vielmehr die Frage nach der Verlängerung der Gesundheitsspanne. Diese verweist auf die Quantität an gesund verbrachten Lebensjahren und geht häufig mit einer verbesserten Lebensqualität einher, wie zahlreiche psychologische Studien nahelegen. Wenn man die Frage so versteht, ob es moralisch angemessen ist, dass die politischen Richtlinien so strukturiert werden sollten, dass die wissenschaftliche Forschung zur Verlängerung der Gesundheitsspanne finanziell gefördert werden soll, dann kann ich nur mit einem emphatischen „Ja“ antworten. Weiterlesen