InDebate: Es ist kompliziert! Zur möglichen Wahlverwandtschaft zwischen Politik und Wissenschaften

evan-dennis-i–IN3cvEjg-unsplash
Photo by Evan Dennis on Unsplash

Marvin Dreiwes

„Ein Wissenschaftler ist kein Politiker, der wurde nicht gewählt und der muss nicht zurücktreten. Kein Wissenschaftler will überhaupt so Dinge sagen wie: Diese politische Entscheidung, die war richtig. Oder diese politische Entscheidung, die war falsch. Oder diese politische Entscheidung, die muss jetzt als Nächstes getroffen werden. Sie hören das von keinem seriösen Wissenschaftler. […] Die Wissenschaft bekommt damit langsam wirklich ein Problem mit dieser doppelten Aussage, die sowohl von der Politik, wie auch von der Wissenschaft kommt. Beide Seiten sagen, die Politik trifft die Entscheidungen und nicht die Wissenschaft. Das sagt sowohl die Politik, wie auch die Wissenschaft. Dennoch wird weiterhin immer weiter dieses Bild des entscheidungstreffenden Wissenschaftlers in den Medien produziert. Wir sind hier langsam an einem Punkt, wo dann demnächst auch die Wissenschaft in geordneter Weise den Rückzug antreten muss, wenn das nicht aufhört.“
– Christian Drosten, NDR Info: Coronavirus-Update. Folge 24, 30.03.2020.

Die Corona-Krise zeigt, wie viel Unsicherheit in der Verhältnisbestimmung von Politik und Wissenschaft besteht. Politische Entscheidungsträger*innen – so scheint es – waren noch nie so sehr auf wissenschaftliche Expertise angewiesen, aber auch in der Gesellschaft selbst findet sich ein Verlangen nach eindeutigen wissenschaftlichen Erklärungen und Empfehlungen. Zugleich finden sich Wissenschaftler*innen wie nie zuvor in der medialen Öffentlichkeit präsentiert und damit zugleich in Debatten, für die sie nicht immer gerüstet sind.[1] Trotz eines Grundvertrauens gegenüber Wissenschaftler*innen[2] führt deren Sichtbarkeit zu der Frage: Wie sehr können und müssen sich Wissenschaftler*innen in die Politik einmischen? Und wie stark können und müssen Politiker*innen wissenschaftliche Ergebnisse als Grundlage ihrer Entscheidungen gewichten?

Weiterlesen

InDebate: ‚Lügenpresse‘: zum Anspruch auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Die Pose der Wahrheit als Instrument der Meinung

Wankmüller Foto

Agnes Wankmüller

Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) und die Proteste der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) in Dresden sind seit 2013 bzw. 2014 eine Erscheinung in Deutschland, über die seitens der etablierten Politik Ratlosigkeit herrscht. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass sie die Einwanderung von Muslimen und Muslimas problematisieren, sondern ebenfalls mit der Haltung und dem Selbstanspruch, die seitens AfD und Pegida in Bezug zum politischen und medialen Establishment evoziert werden: man sieht sich als exklusive Vertreter der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit. Weiterlesen

Pro und Contra: Ist gute Kritik konstruktiv?

Honnacker Foto

Pro: Ana Honnacker

Der Begriff der Kritik ist nicht notwendigerweise mit der Idee der Konstruktivität verknüpft. Das Gebot, Kritik müsse zwingend konstruktiv sein, muss daher mit Vorsicht (und Nachsicht) eingesetzt werden. Allzu häufig mag es als Immunisierungsstrategie eingesetzt werden, um unbequeme Stimmen mundtot zu machen. Das Recht, Missstände anzuprangern, scheint an die Bedingung geknüpft zu sein, eine Alternative für den Status Quo anzubieten. Wer das nicht kann, hat zu schweigen. Dass jedoch eine Vielzahl an Situationen vorstellbar ist, in denen nur Kritik im Sinne von Protest und gar Widerstand gegen das Bestehende auf der Tagesordnung stehen kann, möchte ich gar nicht bestreiten. Allein, dass man es dabei nicht auf Dauer belassen kann, halte ich für wichtig. Spätestens im Moment des erreichten Umsturzes, der Abschaffung des Kritisierten, muss etwas Neues an dessen Stelle gesetzt werden. Auf die Dekonstruktion oder Destruktion muss die Konstruktion folgen. Weiterlesen