In Debate: Kunst, KI, Kant und NFT: Wie geht das zusammen?

Dorothea Winter

NFT. An diesen drei Buchstaben kommt man zurzeit nicht vorbei. NFTs – Non-fungible Tokens, das sind nicht-austauschbare Token, die einen bestimmten Gegenstand in einer Blockchain repräsentieren. Ähnlich zu Kryptowährungen wie Bitcoin. Nur im Unterschied zu diesen sind NFTs einmalig und nicht teilbar. Das bedeutet, dass sie nur einmalig erworben werden können und auch nur ein einziges Mal existieren. Sie werden nicht nur für Millionen bei dem Auktionshaus Christie’s versteigert, sondern seit kurzem auch für den kleineren Geldbeutel auf einem eigenen Marktplatz, wie etwa des Videospielhändlers Gamestop angeboten. Das Missachten der Auktionsbedingungen seiner NFT-Kunst stellt in der Causa Fynn Kliemann den jüngsten Vorwurf gegen diesen dar. Und nicht zuletzt: NFT wurde zum Wort des Jahres 2021 des vielbeachteten Collins Dictionary gewählt. Wie gesagt: NFTs sind überall.
Doch viele Expert*innen des Kunstbetriebs gehen bereits einen Schritt weiter. Sie sehen in der Hochzeit zwischen NFT und Künstlicher Intelligenz (KI) jenen entscheidenden Schritt, der KI künstlerische Individualität zu verleihen vermag: Die digitale Signatur wird zum unverwechselbaren Pinselstrich des künstlichen Kunstschaffenden. Ist dieser Optimismus berechtigt?

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InDepth – longread: Wider die Ironie. Mit Christoph Schlingensief

Anne Specht

Kein Ausspruch Schlingensiefs wäre anlässlich seines heutigen Geburtstages treffender als dieser: „Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte.“[1] Ein Mann, der so vieles war: Regisseur, Parteigründer, Talkmaster, Aktionskünstler und schlussendlich Krebskranker. Bis zu seinem frühen Tod im Alter von 49 Jahren regte Schlingensief Debatten an, löste Empörung aus, ließ die Grenzen dessen, was Kunst ist, bzw. zu sein hat, hinter sich. Die Dynamik der Auseinandersetzung mit seiner Person war wesentlich von der Frage motiviert, ob er sich dabei mit Inhalten auseinandersetze oder nur ein neues Medium zur Selbstdarstellung und öffentlichen Provokation ausprobiere. Jene Kontroverse lädt zur Diskussion eines philosophisch oft bemühten Begriffs ein. Denn wer Uneindeutigkeit und Vielseitigkeit als Wendigkeit deutet, bemüht das Bild der Ironie. Dies wird zur Anklage, wenn unterstellt wird, dass Ironiker*innen jede aufrichtige Einsicht zu ihrer Person verwehrten. Eine Weigerung, die die emotionale Rezeption Schlingensiefs erklären könnte – sofern er als Ironiker begriffen werden kann?

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Philosophy and the Media: Im Herzen der technischen Katastrophe: Auf den Spuren des Avatars Jake Sully

Foto_Pustovit

Natalja Pustovit

James Cameron ist nicht nur Regisseur des weltberühmten Blockbusters Avatar – Aufbruch nach Pandora (2009), sondern in gewisser Hinsicht auch Philosoph. Sein Film zeigt, wie philosophische Ideenfäden in einen Film verwebt werden können und wie damit über die Komplexität von sozial relevanten Themen für die Welt reflektiert werden kann. Zumeist wird Avatar als „Wunder der Kinematographie“ und „technische Überraschung“ beschrieben, da modernste technische Entwicklungen des 3D-Kinos erfolgreich in der Filmproduktion realisiert wurden. Doch darüber hinaus verhandelt der Film ein philosophisches Problem. Avatar zeigt uns etwas über unsere inneren Wiedersprüche und Konflikte im Bezug auf unser Verhalten gegenüber anderen Gesellschaften und der Natur. Weiterlesen

InDebate: Kunst – Warum es zur Philosophischen Praxis kein Lehrbuch gibt

Polednitschek

Thomas Polednitschek

Man kann Philosophie nicht lernen wie Physik.
(Michael Hampe)

Philosophische Praxis ist das, was sich zeigt. In der Tätigkeit eines Praktikers zeigt sich, was Philosophische Praxis ist. Darum stimmt für Philosophische Praxis Wittgensteins Satz aus seinem Tractatus: Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. (4.112)[1] Weil aber Philosophische Praxis eine Tätigkeit und keine Lehre ist, kann es von ihr auch kein Lehrbuch geben. Lehrbücher gibt es da, wo ein Sachverhalt der Gegenstand eines Lehrbuches ist, z. B. die Persönlichkeitsstörungen von Psychotherapie-Klienten. Die Wissenschaften haben es mit Sachverhalten zu tun, die Gegenstand eines Lehrbuches sind. Von Philosophischer Praxis kann es kein Lehrbuch geben, weil Philosophische Praxis kein Sachverhalt ist, der Gegenstand eines Lehrbuches werden kann. Von Deleuze und Guattari kann dieser Unterschied zwischen Philosophischer Praxis und Wissenschaft aus ihrem Buch: Was ist Philosophie? gelernt werden. Die Wissenschaft hat es mit einem Sachverhalt zu tun, auf den man sich refentiell beziehen kann[2] (sic!). Philosophische Praxis ist dagegen nichts, worauf Bezug genommen werden könnte, weil sie sich allein in der Tätigkeit eines Praktikers zeigt. Diese Tätigkeit macht Philosophische Praxis zu dem Medium des Praktischwerdens von Vernunft als Freiheit. Ich könnte auch sagen: Philosophischer Praktiker ist, wer den Nektar der philosophischen Tradition in Honig für seine Gäste verwandelt.

Philosophische Praxis kennt keine Lehrbücher, sie kennt aber sehr wohl Lehrer. Weiterlesen