InDepth – shortread: Ritualisierte Lebensbewältigung. Analyse von Religionen als „Lebensformen“*

Dietrich Schotte

(1) Ein neuer Ansatz in der Religionsphilosophie?

Diskussionen in der Religionsphilosophie können bisweilen verwirrend sein – weil sich die Beteiligten oft nicht einig sind, worüber sie eigentlich reden, wenn sie von „Religion“ sprechen.

Das ist erst einmal irritierend, schließlich gebrauchen wir „Religion“ im Alltag meist ohne größere Schwierigkeiten. Jede von uns kann auch schnell Beispiele nennen, falls jemand fragen sollte, wovon denn die Rede sei, wenn das Wort „Religion“ fällt – der Islam, der Hinduismus, das Christentum, die Liste ließe sich leicht fortsetzen. Und im Alltag wissen wir auch, wie wir mit Aussagen der Art „Fußball ist ihre Religion!“ umzugehen haben: Wir verstehen, dass die Sprecherin nicht meint, dass „Fußball“ eine Religion wie die oben genannten sei, sondern, dass jemand ihn so behandelt, als ob … ; und dass dies ungewöhnlich ist, weswegen es derart betont wird. Der Begriff von Religion, der im Alltagsgebrauch unserer Sprache sedimentiert vorliegt, ist übrigens auch hinreichend robust, um fiktive Praktiken als Religion einordnen zu können, etwa den Kultus des „Ertrunkenen Gottes“ im Lied von Eis und Feuer.

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InDebate: Emotionen und Demokratie

Jürgen Manemann

Demokratie ist mehr als eine Regierungsform. Sie ist eine Lebensform. Und sie ist vor allem eins: ein Ereignis. Zur Demokratie befähigt werden wir durch unsere Leidempfindlichkeit, welche die Voraussetzung dafür ist, nicht nur das eigene Leid, sondern auch das Leid Ander*er wahrzunehmen. Demokratie zeichnet sich überdies durch eine Differenzsensibilität aus, die der Motor von Pluralität ist (für ausführliche Literaturhinweise zum Folgenden siehe Manemann 2019).

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InDepth – longread: Gewalt, Macht und Leben

Entstehung, Entwicklung und Entsetzung der Gewalt bei Giorgio Agamben

Antonio Lucci

  1. Einführung

Giorgio Agambens Reflexionen zur Gewaltthematik durchziehen dessen gesamtes Werk:[1] Er widmete sich der Thematik, wenngleich kaum systematisch oder programmatisch, so doch kontinuierlich und dauerhaft, während seiner gesamten Schaffenszeit mit entsprechenden Analysen. Betrachtet man die a-systematische Ausrichtung der Herangehensweise Agam­bens,[2] so könnte man behaupten, dass gerade dieses Fehlen einer Programmatik der Untersu­chungen zur Gewalt sein stetiges Interesse bekundet: Anstatt dieser Forschungsmaterie le­diglich eine eigens für sie angelegte, erschöpfende Studie zu widmen, behandelt Agamben sie über eine sehr große Zeitspanne hinweg immer wieder, jedoch ohne sie zu einem abschlie­ßenden Punkt geführt zu haben.[3]

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