InDebate: Moralische Verantwortung ohne Schuld

RUB; Prof.Marie-Sibylla Lotter;

Maria-Sibylla Lotter

Man kann sich schwer vorstellen, wie das menschliche Zusammenleben funktionieren könnte ohne geregelte Praktiken zur Bewältigung von Verletzungen, Schäden und Missachtungen, die Menschen einander absichtlich oder unabsichtlich zufügen, kurz: ohne Verantwortung. Menschen erwarten von einander, Rede zu Antwort zu stehen, wenn sie gewisse Dinge getan haben, die Fragen aufwerfen; damit sind auch gewisse normative Erwartungen verbunden wie die, sich zu entschuldigen, aber auch Maßnahmen der Wiedergutmachung oder Bestrafung. Auch wenn es nicht in allen Sprachen ein spezielles Wort für Verantwortung gibt, existieren solche Praktiken in allen Kulturen. Weiterlesen

Pro und contra: Kann die Sozialphilosophie auf ideal-normative Prinzipien verzichten?

Pro: Maria-Sibylla Lotter

Unter Sozialphilosophie verstehe ich die philosophische Untersuchung der Probleme, die aus den sozialen Verhältnissen für das Individuum und die Gesellschaft entspringen. Daraus ergibt sich auch schon eine erste Antwort auf die Frage: Wenn man es überhaupt für sinnvoll hält, solche Probleme philosophisch zu durchdenken und nicht nur empirisch zu untersuchen – und das scheint mir nicht strittig –, benötigt man normative Maßstäbe, um Probleme eines bestimmten Typs zu diagnostizieren und zu bemessen. Im Aristotelismus war das bekanntlich die Idee des gelingenden Lebens, bei Platon die Gerechtigkeit, im Funktionalismus der Maßstab des reibungslosen Funktionierens der gesamtgesellschaftlichen Ordnung, bei Axel Honneth ist es die Selbstverwirklichung des Individuums, deren Mangel sich in „Pathologien des Sozialen“ ausdrückt. Weiterlesen