InDebate: Corona im Kontext

Ein philosophisch-polemisches Plädoyer für eine andere Corona-Politik

Paul Stephan

Vorbemerkung: Aufgrund der Aktualität des behandelten Themas möchte ich diesem Artikel den Hinweis voranstellen, dass er sich auf die Situation am 6. April 2020 bezieht. Etwaige neue politische Entscheidungen oder neu bekanntwerdende Kenntnisse mögen die geschilderten Sachverhalte in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die philosophische Reflexion findet in der Regel mit einer leichten Verzögerung statt – das ist meist nicht so schlimm, doch angesichts der ungeheuren Geschwindigkeit der gegenwärtigen Ereignisse, wird einem die Langsamkeit des Denkens schmerzhafter als sonst bewusst. – Gelingt es freilich, vermag das Denken vielleicht sogar den realen Ereignissen selbst heute noch ein Stück weit voraus zu sein …

Mittlerweile hat sich eine recht intensive philosophische Debatte zu Corona[1] entfaltet. Während die einen, am prominentesten Giorgio Agamben, aber auch viele andere,[2] die gegenwärtig herrschende Corona-Politik der Regierung als autoritäres Regime betrachten, das mit dem realen Ausmaß der Bedrohung nichts zu tun habe, gibt es andere Stimmen, die genau diese Politik als alternativlos begrüßen.[3] Sie werfen den Kritiker/innen vor allem vor, 1) keinen Sinn für die reale Gefahr zu haben, 2) verschwörungstheoretisch zu denken und 3) eine nicht zuletzt auch unmoralische Position zu vertreten, die darauf hinauslaufe, das Leben von Hundertausenden, wenn nicht gar Millionen alter und kranker Menschen in Gefahr zu bringen. 4) Wird den Kritiker/innen[4] dann oft auch noch unterstellt, bewusst oder unbewusst selbst von verborgenen Motiven getrieben zu sein und bspw. in Wahrheit die Interessen der Großunternehmen zu vertreten.[5] Im Folgenden möchte ich in einer möglichst unaufgeregten Art und Weise auf diese vier Argumentationen eingehen und aufzeigen, warum sie mich nicht von meiner u. a. dort[6] dargelegten Meinung abgebracht haben, dass wir es im Augenblick mit einer massiven autoritären Wende in der Politik weltweit zu tun haben, für die die Corona-Pandemie nur als Vorwand genutzt wird, gegen die auf unterschiedliche Art und Weise Widerstand zu üben eine ethische Verpflichtung ist. Auf die notwendige Natur dieses Widerstands möchte ich im Schlussteil dieses Textes zu sprechen kommen.[7]

Weiterlesen

InDebate: In unsere Wünsche verstrickt: Wie eine Unterscheidung uns neu orientieren kann

foto-katrin-wille

Katrin Wille

Ich schreibe diesen Beitrag mit dem Ziel, auf die Unterscheidung zwischen Wunsch und Wille aufmerksam zu machen, die aus meiner Sicht eine große Kraft hat, um sich und die Welt besser verstehen, aber auch kritisieren und verändern zu können. Die Unterscheidung ist wichtig für das Verhältnis von uns als handelnden Subjekten zu uns selbst, für die konkreten Beziehungen zwischen uns und anderen und für den Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen. Ich will die Unterscheidung zuerst im Selbstverhältnis einführen und dann im zweiten Schritt Konsequenzen für ein aktuelles Thema unserer Zeit aus der Medizinethik aufzeigen. Vor allem daran zeigt sich drittens die radikale Konsequenz dieser Unterscheidung, die ich hiermit zur Diskussion stellen möchte. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Medizinphilosophische Betrachtungen zum Gesundheits- und Krankheitsbegriff

Foto Schramme

Thomas Schramme

Beim ersten Blick auf Gesundheits- und Krankheitsdefinitionen stößt man relativ schnell auf diejenige der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahre 1946. „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Der im zweiten Halbsatz genannte Aspekt dieser Definition wird inzwischen häufig betont. Wir sollten nicht nur eine negative Definition von Gesundheit geben, sondern darüber hinaus etwas Positives aussagen, etwas die Gesundheit positiv Bestimmendes, und nicht nur einfach festhalten, dass Gesundheit die Abwesenheit von Krankheit sei. Dass dies wichtig ist, wird dann deutlich, wenn man in einem Wörterbuch oder einer Enzyklopädie nachsieht und unter „Gesundheit“ liest: „Abwesenheit von Krankheit“, nur um dann unter „Krankheit“ den Eintrag „Abwesenheit von Gesundheit“ vorzufinden. Dann ist man einmal im Kreis gegangen. In der zitierten Definition der Weltgesundheitsorganisation ist Gesundheit nicht verstanden als Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen, sondern als ein Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Weiterlesen

InDebate: „Social Freezing“: Einige Bemerkungen

Papadopoulou Foto neu

Dora Papadopoulou

Eine der spannenden und interessanten Diskussionen, die vor kurzem aufgetaucht ist, ist die sogenannte Debatte über „social freezing“ oder – wie es die internationalen Medien genannt haben – „Perks arm race“. Die Diskussion ist wieder aktuell, seit die US-Unternehmen Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen anbieten, die Kosten für das Einfrieren von Eizellen zu übernehmen. Während in Europa das Einfrieren aus nicht-medizinischen Gründen relativ neu ist, ist in den USA das Eizellen-Freezing schon länger bekannt. Die Methode wurde ursprünglich für krebskranke Frauen entwickelt, denen Eizellen vor der Chemotherapie entnommen werden, damit diese nicht durch die Behandlung zerstört werden, so dass ihre Chancen, Mutter zu werden, steigen. Bei der Kryokonservierung werden Frauen nach einer Hormonbehandlung die Eizellen in einer Operation entnommen und eingefroren. Es ist eine schmerzhafte Behandlung, bei der die Erfolgschancen sehr stark altersabhängig sind.

Wie sollen wir die ganze Situation betrachten? Geht es um eine Gegenüberstellung mit einer amerikanischen „Eigenart“, die die Menschen in Deutschland oder generell in Europa nicht so einfach akzeptieren wollen, oder ist – so lange in Europa gesetzlich geregelter Mutterschutz oder Elternzeit existieren – eine solche Bewegung nicht in den Blick zu nehmen? Nach einer Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Zeitung Die Zeit, die in Deutschland vor kurzem durchgeführt wurde, lehnt die Mehrheit das „Social Freezing“ ab. Auffallend ist, dass mehr Männer als Frauen diese Idee begrüßen. Es ist schon merkwürdig, dass eher die Frauen skeptisch sind, da man auf den ersten Blick denken könnte, dass die Frauen „Ja“ sagen würden.

Es ist klar, dass solche Bewegungen keine Lösung jedes Problems bringen können. Wir sollten es eher als eine Art von Anfang betrachten; nämlich einen Anfang, mit dem die Frauen eine zusätzliche Möglichkeit erhalten. Es hat mit der Bedingung der Auswahl zu tun, wenn und ob etwas passieren würde, die Gelegenheit zu nutzen, Mutter zu werden. Es ist nicht eine utilitaristische Bedingung: Thema ist auf gar keinen Fall, dass die Frauen ihre Weiblichkeit vergessen oder nur an die Arbeit denken oder die Geburt als etwas Unwichtiges beurteilen.

Wir sollten die Frage des Social Freezing auch nicht von einer autoritären feministischen Perspektive betrachten – obwohl die Feministinnen wahrscheinlich dagegen sprechen würden. Wir sollten sie stärker getrennt vom Begriff des Geschlechts sehen – ohne sie natürlich aus den Augen zu verlieren – und diese Diskussion nicht ausschließlich auf den Bereich des Geschlechts beschränken. Ich vermute, dass sie mehr mit der Herausforderung zu tun hat, die traditionelle Stabilität oder Sicherheit in Frage zu stellen, und sie als „Gefahr“ zu bezeichnen.

Beginnen wir mit unseren Überlegungen, ohne die Bestrebungen der Industrie als Hindernis in die Diskussion einzubeziehen. Es ist gewiss ein gängiger Topos, dass die Firmen davon profitieren werden. Klar, es geht nicht um Altruismus. Natürlich werden Facebook und Apple nicht nur für kinderlose, weibliche Fachkräfte Vorteile bieten; beide Unternehmen werden durch das Social Freezing auch versuchen sicherzustellen, dass weniger Mitarbeiterinnen im fruchtbaren Alter schwanger werden und so als Arbeitskräfte ausfallen. Wir müssen schon nachfragen, welche Risiken der Einsatz von Social Freezing durch oligopolistische Unternehmen bringen würde; aber obwohl die Zweifel an der Industrie eindeutig von großer Bedeutung sind, sollen sie nicht auf einer Pseudo-Argumentation gegründet werden, aus der alles Mögliche abgeleitet werden kann. Es kommt oft vor, dass emanzipatorische neue Technologien oder Bewegungen erstmals von den Unternehmen herausgebracht werden. Wieso betrachten wir nicht das Ganze so, als ob die Firmen sogar der „Moral“ dienen würden und wissenschaftliche Interessen verfolgen? Wäre es besser, wenn diese Bewegungen vom Staat ausgingen?

Philosophisch betrachtet geht es um die reproduktive Autonomie. In diesem Zusammenhang wird sich erweisen, dass die Lehre der reproduktiven Autonomie für solche Streitfälle eine Lösung zu bieten vermag. Frauen besitzen sie unabhängig davon, dass sie ihre Eizellen einfrieren lassen – aus beruflichen Gründen oder weil der richtige Mann fehlt, um Kinder zu bekommen –, als Menschenwürde, obwohl sowohl Wissenschaft als auch Technik der Macht der Menschenwürde eine andere Bedeutung geben. Es ist ein Prinzip – die reproduktive Autonomie –, das nicht nur das Verhältnis zwischen Stadt und Individuum, sondern auch das Verhältnis der Individuen untereinander reguliert. Zur Idee der reproduktiven Autonomie gehört auch die Fähigkeit der Frauen zu entscheiden, ob sie später Mutter werden wollen, worin ein hohes Risiko liegt, weil zum einen solche Prozeduren nicht immer erfolgreich und überdies keine einfache Methode sind, zum anderen die Frauen ab einem bestimmten Alter größere Probleme haben, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Mit der Voraussetzung, die Frauen als vernünftige Wesen zu erkennen und dass sie sich informieren lassen, müssen wir zwei Prinzipien in Erwägung ziehen: a) das Prinzip gleicher Bedeutsamkeit und b) das Prinzip besonderer Verantwortung, die bedeutet, dass die Frauen für ihr Leben Verantwortung tragen und das Recht haben, fundamentale Entscheidungen darüber zu treffen, ihr Leben so zu führen, wie sie es sich selbst vorgestellt haben[i].

Auf diese Weise sollen solche Themen nicht nur von einer bioethischen Perspektive aus, sondern auch als biopolitische Fragen betrachtet werden.

Dr. Dora Papadopoulou ist Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover.

(c) Dora Papadopoulou


[i]R. Dworkin:„Playing God: Genes, Clones and Luck”, in ders.:Sovereign Virtue. The Theory and Practice of Equality, Cambridge 2000, S. 427-452.