Schwerpunktbeitrag: Das Problem Europa. Überlegungen mit Friedrich Nietzsche[1]

Paul Stephan

I. Zu fremden Sternen

Auf die Frage, wohin Europa strebt, gibt der Philosoph Friedrich Nietzsche eine überraschende wie provokante Antwort:

„Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, dass der Mensch auf dieser Erde es darin der Sonne gleich thut. Und wir voran, wir guten Europäer!“[2]

Zugegebenermaßen ist hier nicht von Europa, sondern von der Menschheit insgesamt die Rede – doch die „guten Europäer“ sollen bei diesem gewaltigen Dezentrierungsunternehmen die Rolle einer Avantgarde einnehmen. Das Unheimliche an dieser Stelle ist, dass mit einer Bewegung der Sonne hin zu einem anderen Sternbild ihr eigener Untergang verbunden wäre und mit dem ihren auch derjenige der Erde. Sollen die „guten Europäer“ die Menschheit in den Untergang führen? Weiterlesen

InDebate: Genealogien als Methoden der Sozialwissenschaften?

Beispiel für eine historische Genealogie Bild: Ahnenreihe Jesu im Limburger Dom. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahnenreihe_Jesu_im_Limburger_Dom.jpg Autor: SteveK https://commons.wikimedia.org/wiki/User:SteveK

Beispiel für eine historische Genealogie Bild: Ahnenreihe Jesu im Limburger Dom. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahnenreihe_Jesu_im_Limburger_Dom.jpg
Autor: SteveK https://commons.wikimedia.org/wiki/User:SteveK

Dominik Hammer

Nicht nur in den Geschichtswissenschaften oder in der Biologie, auch in den Sozialwissenschaften begegnet die aufmerksame Leserin/der aufmerksame Leser immer wieder der Textform der Genealogie. Es seien einige willkürliche Beispiele genannt. Cornel Wests Buch „The American Evasion of Philosophy“ ist, wie der Untertitel verrät, eine „Genealogy of Pragmatism“. Die Politikwissenschaftlerin Nadia Urbinate lieferte in ihrem Buch „Representative Democracy. Principles and Genealogy“ unter anderem eine Genealogie der repräsentativen Demokratie. Weiterlesen

InDebate: Zum Wesen von „Political Correctness“

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„Political Correctness“-Kritiker Thilos Sarrazin bei einer Buchvorstellung. (cc) Richard Hebstreit (rhebs.de). Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/ac/Sarrazin_book_pres_a1.jpg/320px-Sarrazin_book_pres_a1.jpg

 

Greta Jasser

In westlichen Demokratien hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts ein gewaltiger Mentalitätswandel vollzogen. Die Akzeptanz Homosexueller beispielsweise, deren sexuelle Orientierung lange pathologisiert wurde, ist unter den Parteien der Mitte inzwischen Konsens. Diese Wandlung drückt sich auch in der politischen Sprache und Wortwahl aus. Homosexuelle Personen durch abwertende Ausdrücke zu beleidigen oder implizit zu diskriminieren wird von der Mehrheit nicht mehr toleriert. Gegen solche Entwicklungen regt sich aus mehreren Gründen und in vielerlei Weise Widerstand. Manche begründen ihr Vorgehen gegen eine Beschäftigung mit Homosexualität im Unterricht mit sittlichen und moralischen Grundüberzeugungen. Viele sehen in der eingangs skizzierten Entwicklung jedoch auch einen Schritt in Richtung undemokratischer Sprechverbote. Das Argument, es gäbe auch in Deutschland Sprechverbote, wird häufig bemüht und beispielsweise in folgendem „Focus“-Artikel aufgegriffen: „Was darf man in Deutschland sagen – und was nicht?“. Weiterlesen