InDebate: Plädoyer für nicht-anthropozentrische Philosophie

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Iwona Janicka

In den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren ist eine bedeutsame Verschiebung in der Philosophie zu beobachten, in der unsere Beziehung zur Außenwelt radikal überdacht wird. Ein neuer Begriff „Neo-Materialismus“ oder „Neuer Materialismus“ wurde ins Leben gerufen, um diese philosophische Verschiebung in Richtung Materie oder so genannten „non-humans“ (der Umwelt, der Tiere, der Pflanzen, der Technologie, der künstlichen Intelligenz, der Maschinen) zu bezeichnen. Philosophen und Geisteswissenschaftler wie zum Beispiel Donna Haraway, Manuel De Landa, Karen Barad, Rosi Bradotti, Jane Bennett, Bill Brown, Bruno Latour sind einige der wichtigsten Denker, die die zentrale Stellung menschlicher Wesen in der Philosophie des Abendlandes problematisieren. Warum ist diese Problematisierung wichtig und warum findet sie jetzt statt? Weiterlesen

InDebate: Hat Meinungsfreiheit Grenzen?

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Martin Breul

Ein altes Phänomen ist in den letzten Jahren durch die sozialen Netzwerke und die digitalen Medien in einer potenzierten Neuauflage zu beobachten: Fremdenfeindliche Personen, die ja inzwischen nicht mehr eindeutig äußerlich durch Springerstiefel und Glatze zu erkennen sind, beleidigen, diffamieren und hetzen online oder auf einschlägigen Demos gegen Flüchtlinge, Muslime, Juden, Schwule, und alle anderen, die als Sündenböcke herhalten müssen. Dieses Phänomen ist nicht nur eine neue Qualität des Fremdenhasses als Massenerscheinung, sondern zugleich auch eine Art Testfall für liberale Demokratien: Die Facebook-Hetzer und Twitter-Rechten fühlen sich ja gerade deshalb gerechtfertigt, ihre Hassbotschaften ungefiltert in die (digitale) Welt hinauszuposaunen, weil sie sich auf das Menschenrecht der Meinungsfreiheit berufen. Dabei stellt sich automatisch die Frage: Hat Meinungsfreiheit eigentlich Grenzen? Ist jede noch so menschenverachtende Ideologie im Sinne der Meinungsfreiheit von allen anderen zu ertragen, oder können Leitplanken ersonnen werden, bei deren Überschreiten Meinungen nicht länger als legitimer Ausdruck bürgerlicher Freiheiten toleriert werden müssen? Weiterlesen

InDebate: Kunst – Warum es zur Philosophischen Praxis kein Lehrbuch gibt

Polednitschek

Thomas Polednitschek

Man kann Philosophie nicht lernen wie Physik.
(Michael Hampe)

Philosophische Praxis ist das, was sich zeigt. In der Tätigkeit eines Praktikers zeigt sich, was Philosophische Praxis ist. Darum stimmt für Philosophische Praxis Wittgensteins Satz aus seinem Tractatus: Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. (4.112)[1] Weil aber Philosophische Praxis eine Tätigkeit und keine Lehre ist, kann es von ihr auch kein Lehrbuch geben. Lehrbücher gibt es da, wo ein Sachverhalt der Gegenstand eines Lehrbuches ist, z. B. die Persönlichkeitsstörungen von Psychotherapie-Klienten. Die Wissenschaften haben es mit Sachverhalten zu tun, die Gegenstand eines Lehrbuches sind. Von Philosophischer Praxis kann es kein Lehrbuch geben, weil Philosophische Praxis kein Sachverhalt ist, der Gegenstand eines Lehrbuches werden kann. Von Deleuze und Guattari kann dieser Unterschied zwischen Philosophischer Praxis und Wissenschaft aus ihrem Buch: Was ist Philosophie? gelernt werden. Die Wissenschaft hat es mit einem Sachverhalt zu tun, auf den man sich refentiell beziehen kann[2] (sic!). Philosophische Praxis ist dagegen nichts, worauf Bezug genommen werden könnte, weil sie sich allein in der Tätigkeit eines Praktikers zeigt. Diese Tätigkeit macht Philosophische Praxis zu dem Medium des Praktischwerdens von Vernunft als Freiheit. Ich könnte auch sagen: Philosophischer Praktiker ist, wer den Nektar der philosophischen Tradition in Honig für seine Gäste verwandelt.

Philosophische Praxis kennt keine Lehrbücher, sie kennt aber sehr wohl Lehrer. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Der globale Konstitutionalismus

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Oliviero Angeli

In der neueren verfassungstheoretischen Literatur hat sich die Auffassung verfestigt, dass der Konstitutionalismus einem umfassenden Wandel unterliegt. Gemeint ist der Wandel vom klassischen Konstitutionalismus zum globalen Konstitutionalismus, der auch jenseits und oberhalb des Nationalstaats eine sinnstiftende Rechtsordnung erkennt. Bei der Beurteilung dieses Wandels spaltet sich die Forschung in zwei Grundauffassungen: Für die einen verliert der Konstitutionalismus seinen (tradierten) Sinn als Lehre der Verfassung als Grundordnung des Staates. Er verkommt zur leeren Phrase. Es ist sogar vom „Ende“[1] oder vom „Zwielicht des Konstitutionalismus“[2] die Rede. Die anderen begrüßen die Globalisierung des Konstitutionalismus als längst überfällig und bitter notwendig. Überfällig, weil der überkommene Konstitutionalismus der Praxis der internationalen, europäischen, aber auch nationalen Gerichtsbarkeit nicht mehr entspricht. Notwendig, weil er „das Bewusstsein für die kognitiven Schranken des nationalen Parochialismus“ fördert[3] Demnach werden globale Verrechtlichungsprozesse unzureichend analysiert, wenn sie nach wie vor durch die Brille des Nationalstaates wahrgenommen werden. Weiterlesen