InDepth – shortread: Blumenbergs Beschreibung des Menschen

Versuch über die Aktualität von Hans Blumenbergs philosophischer Anthropologie vor dem Hintergrund paläoanthropologischer und kognitionswissenschaftlicher Episteme

(c) Anna Sophie Reuter

Anna Sophie Reuter

1 Einleitende Worte

„Der Mensch ist das Tier, das einen aufgerichteten Gang hat.“[1] Auf dieser zunächst einfachen, an eine Formulierung Herders angelehnten, Feststellung fußt Hans Blumenbergs philosophische Anthropologie, wenn er den aufrechten Gang für die Entwicklung und Eigenart des Menschen als entscheidend klassifiziert.[2] Zugleich beschreibt er den Menschen als ein Mängelwesen, das sich selbst nur deshalb an die Spitze der Evolution setzen kann, da „jeder vermeintliche Fortschritt der Entwicklung nicht ein Superadditum, sondern die Lösung einer akuten Schwierigkeit der Selbsterhaltung gewesen ist“[3].

Aufrechter Gang, die damit einhergehende Veränderung der Perspektive sowie die Bedürftigkeit, sich in einer spezifischen Umwelt zurechtzufinden, sind allerdings nicht nur Aspekte von Blumenbergs Überlegungen hinsichtlich der Genese des Menschen, sondern koinzidieren mit aktuellen kognitionswissenschaftlichen und paläoanthropologischen Epistemenen. Diese transdiziplinäre Nähe zu Kognitionswissenschaft und Paläoanthropologie macht Blumenbergs philosophische Anthropologie in den Momenten seiner Ausführungen interessant, in denen er für einen Werkzeug- sowie metaphorischen Charakter der Sprache argumentiert: als jenes Mängelwesen benötigt der Mensch sprachliche Konstrukte, um seine Wirklichkeit zu gestalten; dabei präfigurieren Überzeugungen (in Form von Metaphern und Mythen), wie die Welt wahrgenommen wird. Ähnliche Thesen lassen sich in der Extended Mind-Theorie von Andy Clark und David Chalmers finden, da auch sie davon ausgehen, dass Überzeugungen einen aktiven Einfluss auf die Wahrnehmung und Gestaltung der Umwelt ausüben. Unter anderem diese Theorie wiederum spielt eine Rolle in der Interpretation archäologischer Artefakte und paläoanthropologischer Erkenntnisse. So plädiert Ben Jeffares dafür, dass die Bipedität des Australopithecus, der wie der heute lebende Mensch zu den Hominiden gezählt wird, eine physiologische Veränderung darstellte, die umfassende Konsequenzen für seine Kognition mit sich brachte[4], womit sich der Kreis zu Blumenberg schließen ließe.

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Schwerpunktbeitrag: Der integrative Charakter der philosophischen Anthropologie

Foto Bohlken

Eike Bohlken

Die philosophische Anthropologie führte nach dem Zweiten Weltkrieg lange ein Schattendasein innerhalb der Philosophie. Erst in den letzten Jahren ist ihr wieder verstärkte Aufmerksamkeit zuteil geworden. Der Grund für diese Renaissance kann unter anderem darin gesehen werden, dass sich mit den Ergebnissen der Hirnforschung und der so genannten Lebenswissenschaften die Frage nach dem Wesen oder der Natur des Menschen für viele neu zu stellen scheint – Fragen, die traditionell in den Aufgabenbereich der philosophischen Anthropologie fallen. Ausgehend von dieser Diagnose möchte ich im Folgenden einige Überlegungen zur Stellung der philosophischen Anthropologie innerhalb der Philosophie, zu ihrem Verhältnis zu den übrigen Wissenschaften vom Menschen und schließlich zu ihrer methodologischen Ausrichtung anstellen. Alle drei Themenbereiche lassen sich – so meine These – gut unter dem Gesichtspunkt eines integrativen Charakters der philosophischen Anthropologie diskutieren.

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