InDebate: Flüchtlingskrise: die Erfahrung der Unbehaustheit

Ferdinand Fellmann

Ferdinand Fellmann

Die Flüchtlingskrise beschäftigt auf verschiedenen Ebenen die Politik, die mit allen Mitteln versucht, die Probleme in den Griff zu bekommen und soziales Gleichgewicht zu schaffen. Begleitet wird die Politik von Bürgerbewegungen gegen Fremdenfeindlichkeit und Aufrufen zur Solidarität und Menschlichkeit. Auf seine Willkommenskultur kann Europa stolz sein. Auch die moralischen Reflexionen über die Pflicht zur Hilfe für Menschen in Not sind eindrucksvoll. Allerdings gibt es eine Dimension, die von Philosophen nicht oder nur marginal erfasst wird. Daher ist es angezeigt, nach anthropologischen Argumenten Ausschau zu halten, die uns tiefere Einblicke in die Mechanismen der Integration von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen verschaffen. Dafür bieten sich die Schriftsteller an. Allerdings nicht diejenigen, die sich mit vorschnellen Äußerungen an die Öffentlichkeit wenden, sondern eher Klassiker, die gleichwohl hoch aktuell sind. Dazu zählt Thornton Wilder mit seinem Schauspiel Wir sind noch einmal davongekommen aus dem Jahre 1941. Weiterlesen

Pro und contra: Kann man die Umwelt als politisches Subjekt denken?

Janicka_Iwona - Pendant

Contra: Kotti Everdene

Kann man die Umwelt als politisches Subjekt denken? Ich denke nicht. Mit dieser Einschätzung reagiere ich direkt auf die neuste Tendenz neomaterialistischer Philosophie und deren Implikationen für praktisch orientierte Individuen. Vor allem Forscher*innen, die sich posthumanistischer und neomaterialistischer Philosophie verschrieben haben, versuchen im Moment, den Begriff der Politik neu zu denken, indem sie sich auf Denker wie Gilles Deleuze, Felix Guattari, Henri Bergson, Maurice Merleau-Ponty, Friedrich Nietzsche oder Jakob von Uexküll beziehen. Sie wollen das Denken über Politik auf einer anderen Sprache und einem anderen Denkbild fußen und nehmen an, dass diese Neukonzeptualisierung direkt zu einer anderen politischen Praxis führt. Wie interessant und wertvoll diese Beiträge auch sein mögen, zur Debatte steht, ob es wirklich Politik ist, über die diese gegenwärtigen materialistischen Philosoph*innen nachdenken. Weiterlesen

Am Abgrund: Plädoyer für eine maßvolle Politik im Streit zwischen Griechenland und EU

Papadopoulou Foto neu

Dora Papadopoulou

Seit Ende Januar 2015 hat Griechenland eine neue Regierung. Diese Regierung besteht bekanntlich aus einer Koalition zwischen der linken Partei Syriza mit 149 Abgeordneten und der rechtspopulistischen Partei „Die Unabhängigen Griechen“ mit 13 Abgeordneten. Beide Parteien sehen ihre Zusammenarbeit durch die Wahl legitimiert und versuchen, linke und rechte Politik miteinander zu verbinden. Seitdem haben beide ein gemeinsames Ziel vor Augen haben, nämlich Griechenland vor den Feinden zu retten. Blicken wir auf diese Regierung, so geht es nicht nur um eine linke Regierung oder von einem Regime ohne Zusammenhang, sondern es geht eher um eine Regierung, auch nicht um eine Regierung ohne Konzept, sondern um eine Regierung, auf die viele Menschen große Hoffnungen gesetzt haben. Die Bürger/innen erwarten eine neue Zukunft. Diese Regierung repräsentiert viele verschiedene Menschen: diejenigen, die an etwas Neues glauben wollen, jene, die keine andere politische Partei mehr für vertrauenswürdig halten, aber auch diejenigen, die sich an einem streng utilitaristischen Nutzenkalkül orientieren. Mit dieser Gemengelage umzugehen – das war und ist die Aufgabe der Regierung. Weiterlesen

InDebate: Plädoyer für eine aktivierende christliche Politikethik – Zur gegenwärtigen Herausforderung christlicher Sozialethik

Jürgen Manemann

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presidencia.gov.ar [CC-BY-SA-2.0 (https://creativecommons.
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Ein Gespräch, das die „ZEIT“ mit Julie Coudry, einer der wichtigsten Anführerinnen der Studentenproteste in Frankreich im Jahre 2006, und Florian Lux, einem Studenten aus Heidelberg, führte, endet mit folgenden Sätzen:

„ZEIT: Welche Träume haben Sie beide?
Coudry: Keine Träume, keine Idole.
Lux: Große, generelle Träume? Nein, keine.
ZEIT: Gar keine? Anders gefragt: Wie wollen Sie in zehn Jahren leben?
Lux: Wenn ich das wüsste.
Coudry: Das ist ja das Schicksal unserer Generation: Wir wissen das nicht mehr.“

Keine Träume, keine Wünsche, keine Visionen – jeglicher Möglichkeitssinn scheint abhanden gekommen zu sein. Weiterlesen