InDepth – longread: „Februar. No pasarán.“ Paul Celan als politischer Dichter

Paul Stephan

Vorbemerkung: Es handelt sich im Folgenden um das nur geringfügig veränderte Skript eines Vortrags, den ich am 27. Januar 2021 anlässlich des Gedenktags an die Befreiung von Auschwitz am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover hielt. Die philosophische Hauptreferenz der folgenden Ausführung ist Jacques Derridas Aufsatz Schibboleth. Für Paul Celan (Wien 1986). Für die Details zu Celans Biographie habe ich meist auf die sehr gründlichen Kommentare in der von Barbara Wiedemann besorgten Gesamtausgabe von Celans Gedichten (Berlin 2018) zurückgegriffen. Aus dieser Ausgabe sind auch sämtliche zitierten Texte von Celan entnommen. Weitere verwendete Quellen sind der Aufsatz Paul Celan – Paul Eluard, Entgegnung und Einvernehmen von Evelyn Hünnecke (in: Arcadia 32 [1997], S. 169–174) und die Monographie Dichtung wider Dichtung. Paul Celan und die Literatur (Göttingen 2006) von Jean Bollack.

I. Einleitung: Zu Paul Celan

Paul Celan wurde am 23. November 1920 in Czernowitz geboren. Eine Stadt mit einer großen jüdischen Gemeinde, der er auch selbst angehörte, die damals Teil Rumäniens war und heute zur Ukraine zählt. Am 20. April 1970 beendete er vermutlich sein Leben, indem er sich vom Pont Mirabeau in seiner Wahlheimat Paris in die Seine stürzte.

2020 jährte sich also Celans Geburtstag zum 100. Mal, sein Sterbetag zum 50. Mal. „Es ist Zeit“, könnte man, um sein berühmtes Gedicht Corona zu zitieren, dessen Titel aus der gegenwärtigen Erfahrung heraus einen eigenartigen Beigeschmack erhält, sagen, dass wir uns dem Werk eines der berühmtesten deutschsprachigen Poeten der Moderne aus einer neuen Perspektive nähern, oder sogar, wie es im selben Text heißt: „Es ist Zeit, daß es Zeit wird.“

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InDebate: Würde, Autonomie und „Arbeitswelt 4.0“

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Michael Fischer

„Industrie 4.0“, bis vor kurzem noch ein Insiderbegriff in Fachkreisen der Technik- und Industrieforschung, erreicht allmählich eine breitere Öffentlichkeit, wie jüngst in der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung der Cebit-Messe in Hannover. Es soll ausdrücken, dass wir uns nach der 1. Industriellen Revolution (Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft), der 2. (Massenfertigung mit Fließbändern), der 3. (IT-Einsatz und Automatisierung der Produktion) nunmehr in einer 4. Industriellen Revolution befänden, die v.a. durch digitale Vernetzung, künstliche Intelligenz und die entsprechende Automatisierung ganzer Produktions- und Dienstleistungssysteme charakterisiert sei – und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeitswelt, ja auf die ganze Art und Weise des Zusammenlebens denen der 1. Industriellen Revolution in nichts nachstünden. Der Begriff soll für radikale Umwälzungen stehen, die im Zusammenhang mit Fortschritten der Digitalisierung und digitaler Vernetzung eher früher als später zu erwarten sind und an die Politik und Wirtschaft große Erwartungen, allerdings auch manche Befürchtung knüpfen – Anlass genug, um grundsätzlich über das Verhältnis von Technik, Leben und Arbeiten im Zeitalter der Digitalisierung und digitalen Vernetzung nachzudenken. Weiterlesen

Pro und contra: Gibt es ein richtiges Leben im falschen?

Pro: Frank Adloff: Philosophy meets sociology oder wie man das richtige Leben im falschen findet

bildfrankadloff

Eine Soziologin wird sich in der Regel nicht für zuständig erklären, wenn man sie fragt, ob es ein richtiges Leben im falschen gibt. Natürlich hat die kritische Theorie versucht, diese Frage zu beantworten (die Fragestellung dieses Blogeintrags ist ja auch Adorno geschuldet), doch folgen die meisten Soziologinnen und Soziologen heute Max Webers Empfehlung, kein Urteil darüber abzugeben, ob Lebensformen es wert sind, verwirklicht zu werden oder nicht. Dies hat zuletzt dazu geführt, nicht mehr eine kritische Soziologie, sondern eine Soziologie der Kritik (Boltanski) zu betreiben – also eine Soziologie, die gesellschaftliche Akteure dabei beobachtet, wie diese Institutionen, Sachverhalte, Verhaltensweisen usw. kritisieren. Weiterlesen