In Debate: Überstimmen und untergraben

Vom ›Gendern‹ und der Unumkehrbarkeit sozialen Wandels

Robert Ziegelmann M.A.

Neulich beim Elternsprechtag berichtete mir die Lehrerin, dass die Schüler regelmäßig den Unterricht störten. Verwundert fragte ich, wie es komme, dass nur die Schüler störten, und nicht auch die Schülerinnen. Tatsächlich war es aber ein Missverständnis. Wie die Lehrerin mir erklärte, waren die Schülerinnen im Ausdruck ›Schüler‹ »mitgemeint«. Zuerst war ich erleichtert. Alle störten den Unterricht, also war wohl doch keine Gender-Indoktrinierung zu befürchten. Dann aber wich meine Erleichterung erneuter Empörung. Wenn die Lehrerin nicht nur die als männlich definierten Kinder gemeint hatte, warum hatte sie dann nicht die sprachlich eindeutige Form ›Schüler*innen‹ benutzt? Wozu diese unnötige Konfusion – und das von einer Deutschlehrerin!

Vor einer Weile schrieb ich eine Parodie, die seitenlang so weiterging.

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InDebate: Realismus und Utopie in Zeiten des Rechtspopulismus

Robert Ziegelmann

Rechte halten sich für realistisch. Zu ihrem Selbstverständnis gehört, dass sie distanziert und rational auf die objektiven Fakten blicken, während die »Gutmenschen« um ihre eigenen Gefühle kreisen, in Utopien schwelgen und sich moralisierend erhöhen. Tatsächlich aber waren für den Erfolg der AfD wie für denjenigen Trumps nicht die angeblich harten ökonomischen Fakten entscheidend, sondern scheinbar subjektive – emotionale, symbolische, kulturelle – Faktoren.[1] Zu diesen Faktoren gehört zentral, wie die Soziologin Cornelia Koppetsch herausarbeitet, »das Gefühl, dass Verhaltensmaßstäbe, die für die eigene Identität […] und die gesellschaftliche Wertschätzung bislang relevant waren, nicht mehr gelten und dass […] die eigenen Leistungen nicht mehr hinreichend […] gewürdigt werden.«[2] Die Basis dieses Gefühls beschreibt Koppetsch im Anschluss an Bourdieu als »Hysteresis-Effekt«: Der Habitus, also das implizite System von Handlungs-, Sprech- und Wahrnehmungsweisen, mit denen Menschen sich in der Gesellschaft orientieren, »passt« nicht mehr zu den veränderten gesellschaftlichen Umständen. Was einem früher als selbstverständlich galt, erweist sich nun als nur eine Möglichkeit unter vielen; Handlungsweisen, über die gar nicht nachgedacht werden musste, können nun zu Irritationen und Konflikten führen. Anfällig für den Rechtspopulismus sind demnach vor allem solche Gruppen – insbesondere in der Mittelschicht –, die relative Einbußen an symbolischer Macht und Geltung hinnehmen mussten.[3] Paradigmatisch ist dafür diejenige gesellschaftliche Gruppe, die dazu neigt, ihre privilegierte Stellung für selbstverständlich zu halten und auf Konflikte nicht mit Selbstreflexion zu reagieren, sondern mit dem Bedürfnis, wieder in eine heil und übersichtlich erscheinende Welt der Vergangenheit zurückzukehren – also Männer. Weiterlesen