Schwerpunktbeitrag: Pluralität, Indifferenz und Toleranz

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Gerald Hartung

Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel größere Anzahl von Überzeugungen möglich als ehemals; möglich, das heißt erlaubt, das heißt unschädlich. Daraus entsteht die Toleranz gegen sich selbst (Friedrich Nietzsche)

Nach Nietzsches Ansicht ist Toleranz gegen sich selbst nur um den Preis des Verlusts von Überzeugungen – anders gesagt: einer Haltung der Indifferenz in Bezug auf die Selbstdeutung des eigenen Lebens – möglich. Sie ist ein Symptom unserer modernen Kultur, der die Geschichtlichkeit der Lebenssituationen, die Variabilität der Überzeugungen, die Ablösung der Wahrheitsfrage durch das Wahrscheinlichkeitskalkül, mithin der Verlust von Selbst-Gewissheit eingeschrieben ist. Wer sich seiner selbst nicht gewiss ist, dem fehlt auch Gewissheit und Verlässlichkeit im Umgang mit Anderen. Die Außenseite der Indifferenz ist folglich die Gleichgültigkeit gegenüber Anderen. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Phänomenologie der Lebenswelt Großstadt – Hinführung zu einem Projekt

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Wolfgang Gleixner

Die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat sich ausführlich mit der Großstadt, dem ‚großstädtischen Leben‘ und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Folgen auseinandergesetzt. Auch für die Psychologie, vor allem für die Psychoanalyse, und besonders eindringlich und phänomenologisch bemerkenswert für die Kunst und die Literatur war die Großstadt Thema. Ein ganzer Fächer sehr unterschiedlicher Perspektiven, Interessen und Intentionen entstand – sehr oft kritisch, aber auch zustimmend, sogar fasziniert von der Gestalt und Gestaltung der Großstadt. Dem neuen Genre „Großstadtliteratur“ zwischen ästhetischer Gesellschaftskritik, Lebensphilosophie und Phänomenologie, zwischen Futurismus und Expressionismus, war die Großstadt ein Faszinosum und Tremendum, ersehntes Jerusalem oder befürchtetes Babel. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Menschenrechte zukünftiger Generationen?

Katholischen Hochschule fŸr Sozialwesen Berlin

Andreas Lienkamp

Bei der „United Nations Conference on Environment and Development“, dem „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro im Juni 1992, haben 166 Staats- und Regierungschefs das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen unterzeichnet. Darin bringen sie zum Ausdruck, dass Klimaschutz für die Völkergemeinschaft nicht nur eine technisch und politisch, sondern auch eine normativ höchst anspruchvolle Aufgabe ist: „Die Vertragsparteien sollen auf der Grundlage der Gerechtigkeit und entsprechend ihren gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und ihren jeweiligen Fähigkeiten das Klimasystem zum Wohl heutiger und künftiger Generationen schützen.“ Ganz in diesem Sinne betonen die Unterzeichnerstaaten der parallel erarbeiteten Rio-Deklaration, dass die künftige Entwicklung so zu gestalten sei, dass „den Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen heutiger und künftiger Generationen in gerechter Weise entsprochen wird“. Dass die anthropogene Beeinflussung des globalen Klimas eine Frage der Gerechtigkeit und eines der zentralen ethischen Probleme der Gegenwart darstellt, ist also nicht die Sondermeinung exzentrischer Moralisten oder überbesorgter Umweltschützer. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Medizinphilosophische Betrachtungen zum Gesundheits- und Krankheitsbegriff

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Thomas Schramme

Beim ersten Blick auf Gesundheits- und Krankheitsdefinitionen stößt man relativ schnell auf diejenige der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahre 1946. „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Der im zweiten Halbsatz genannte Aspekt dieser Definition wird inzwischen häufig betont. Wir sollten nicht nur eine negative Definition von Gesundheit geben, sondern darüber hinaus etwas Positives aussagen, etwas die Gesundheit positiv Bestimmendes, und nicht nur einfach festhalten, dass Gesundheit die Abwesenheit von Krankheit sei. Dass dies wichtig ist, wird dann deutlich, wenn man in einem Wörterbuch oder einer Enzyklopädie nachsieht und unter „Gesundheit“ liest: „Abwesenheit von Krankheit“, nur um dann unter „Krankheit“ den Eintrag „Abwesenheit von Gesundheit“ vorzufinden. Dann ist man einmal im Kreis gegangen. In der zitierten Definition der Weltgesundheitsorganisation ist Gesundheit nicht verstanden als Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen, sondern als ein Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Weiterlesen