Schwerpunktbeitrag: Von der Seele zum Selbst. Probleme des Person-Verständnisses im Pragmatismus

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Hans Joas

In seinem überaus einflussreichen Lehrbuch ‚Principles of Psychology‘ von 1890 zitiert William James einen Autor, der die ganze Idee von einer Seele als Ausgeburt eines philosophischen Denkstils bezeichnet, dessen Hauptmaxime es ist, genau das, worüber man gar nichts weiß, als die Erklärung von allem anderen zu bezeichnen. Aber nicht alle Denker des 19. Jahrhunderts, die den Begriff der Seele obsolet fanden, schlugen schlicht seinen Ausschluss aus der wissenschaftlichen Begriffssprache vor. Andere empfahlen eine Rettung von Teilen seines Bedeutungsgehalts, indem diese verteidigenswerten Teile auf neue philosophische und wissenschaftliche Grundlagen gestellt wurden. Es waren diese Versuche zur Transformation des Seelenbegriffes, die zum Begriff des Selbst führten, den wir heute in Psychologie und Soziologie verwenden. Die klassischen Autoren des Pragmatismus spielten in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Schon häufig wurde – unter anderem auch von mir selbst – geschildert, wie wichtig das lange Kapitel über das Selbst in James’ ‚Psychologie‘ in dieser Hinsicht war und wie es zum Ausgangspunkt für die folgende, jüngere Generation von Pragmatisten – Denker wie John Dewey, George Herbert Mead und Charles Horton Cooley – wurde, von hier aus Anregungen von Fichte und Hegel zur menschlichen Intersubjektivität neu aufzugreifen und daraus eine Theorie der sozialen Konstitution des Selbst zu entwickeln. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Das gemeinschaftliche Selbst: Eine Afrikanische Debatte

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Eveline Cioflec

Die afrikanischen Auffassung des Selbst spiegelt sich in einer übergreifenden Ethik des Communalismus, der Gemeinschaftlichkeit wieder, das im mittlerweile zum Schlagwort gewordenen Konzept des Ubuntu reflektiert wird. Ubuntu kennzeichnet eine Lebensphilosophie oder eine Lebenshaltung, in der das Individuum als moralisch, sozial, relational und einfühlsam aufgefasst wird. Diese Lebensphilosophie oder Lebenshaltung bezieht sich auf die Gemeinschaft mit anderen und kennzeichnet die Verbundenheit der Mitglieder dieser Gemeinschaft untereinander so, dass eine Person von den anderen abhängt um Person zu sein. Ohne auf die Auffassung von Ubuntu näher einzugehen, werde ich diese recht umstrittene Lebenshaltung zum Anlass nehmen, das gemeinschaftliche Selbst im afrikanischen Denken näher zu betrachten.[1] Weiterlesen

InDebate: Wer bin ich zwischen den Kulturen? Kulturelle Neurowissenschaft und neue Fragen an das Selbst

Liya Yu

Liya Yu

Ich stehe an der gusseisernen Universitätspforte der Columbia Universität und blicke ein letztes Mal zurück auf den schneebedeckten Campus bevor ich die Treppen zur Subway Station hinuntersteige. Heute war wieder ein Tag, an dem ich mich nicht fragen musste, wer ich bin. In den Seminarräumen, der Bibliothek, der Kantine und den verwinkelten Korridoren der Vorkriegsgebäude des Morningside Campuses wird mein britisches Englisch mit deutschem Akzent und meine gar nicht dazu passende chinesische Erscheinung nicht kommentiert, eher, mit unerschütterlicher New Yorker Gleichgültigkeit und leichter Ungeduld übersehen um sofort auf das Wesentliche zu kommen: meinen Kommentar zum Seminartext, die überfälligen Leihgebühren, meine Unterschrift für die Rechnung des Earl Grey Tees. Ein guter Tag für mich, so konnte ich mich ebenfalls auf das Wesentliche konzentrieren und ich selbst sein. Weiterlesen