InDebate: Kierkegaard und Nietzsche oder: die Angst des Kriegers vor dem Guten

Polednitschek

Thomas Polednitschek

Frei ist, wer Krieger ist. So ist es in Nietzsches ‚Götzen-Dämmerung‘ zu lesen: „Der freie Mensch ist Krieger.“[1]. Aber als Philosophischer Praktiker weiß ich: Der Krieger einer von Nietzsche imprägnierten Spätmoderne ist keinesfalls frei. Er erliegt der Illusion, ein freier Mensch zu sein, weil er nicht von der Kierkegaard’schen Angst vor dem Bösen gequält wird. Er hat diese Angst hinter sich gelassen, indem er sich von seinem repressiven Über-Ich befreit und sein Gewissen auch gleich mit »entsorgt« hat. Beispiel ist der Immobilienbesitzer, der seine unerwünschten Mieter in ihren Wohnungen solange schikaniert, bis sie freiwillig ausziehen, damit er die Wohnungen der oft langjährigen Mieter in profitablere Eigentumswohnungen umwandeln kann. Moralität hält dieser Krieger des entfesselten Finanzkapitalismus unserer Tage eher für einen humanen Schwächeanfall. Der Krieger ist der von seiner betriebswirtschaftlichen Rationalität korrumpierte homo oeconomicus. Er missachtet sämtliche Verkehrsregeln im Straßenverkehr, wenn dies für ihn selbst von Nutzen ist. Sein »Markenzeichen« ist, dass er sich am Kältepol (Beuys) des Denkens bewegt. Weiterlesen

InDebate: Wenn die Weltrettung an 148 Mails scheitert. Handlungsprobleme in der säkularen Spätmoderne

Marie-Christine Kajewski

 

Die Propheten stehen heutzutage nicht auf Marktplätzen und sie halten ihre Botschaften nicht auf Transparenten in die Höhe. Stattdessen sind sie gefeierte Popstars, die als Protagonisten der Kulturindustrie dem gesellschaftlichen Selbst nicht nur einen Spiegel vorhalten, sondern dessen Befindlichkeit ebenso in vermarktungstaugliche Identifikationsformen gießen. Die Zeichen der Zeit lassen sich in Youtubeclips lesen, deren Popularität durch die Anzahl der jeweiligen Likes praktisch quantifiziert wird. Millionenfach gemocht und zudem wegen seiner eingängigen Melodie zum Sommerhit des Jahres ausgerufen wurde AVICIIs Wake me up – ein Lied, in dem das lyrische Ich feststellt, dass es die Probleme der Welt nicht alleine schultern kann und daher den sehnlichen Wunsch formuliert, ebendiese Probleme zu verschlafen und erst geweckt zu werden, wenn alles vorbei ist. Scheinbar gegenteilig dokumentiert TIM BENDZKO in seinem gleichermaßen populären Song Nur noch kurz die Welt retten seinen aktiven Versuch der Weltrettung, der allerdings durch das Checken wichtiger Emails immer weiter aufgeschoben wird. Weiterlesen