InDepth – longread: Kirche und Klimakrise – Ein philosophisch-theologischer Einspruch

FridaysForFuture Hannover 2019-07-05
C.Suthorn / cc-by-sa-4.0 / commons.wikimedia.org

Jürgen Manemann

Unsere Schwester, Mutter Erde, „schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat. Wir sind in dem Gedanken aufgewachsen, dass wir ihre Eigentümer und Herrscher seien, berechtigt, sie auszuplündern. Die Gewalt des von der Sünde verletzten menschlichen Herzens wird auch in den Krankheitssymptomen deutlich, die wir im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Lebewesen bemerken. Darum befindet sich unter den am meisten verwahrlosten und misshandelten Armen diese unterdrückte und verwüstete Erde, die ‚seufzt und in Geburtswehen liegt‘ (Röm 8,22).“ – Mit diesen eindringlichen Worten in „Laudato si“ (Nr. 2) wollte Papst Franziskus die Welt und vor allem die Christ*innen wachrütteln. Bis heute bleiben die Schreie der Erde jedoch in der katholischen Kirche hierzulande ungehört. Ja, es gibt viele Papiere, Verlautbarungen, Predigten, in denen „Laudato si“ zitiert wird. Unzählig sind die Forderungen zur „Bewahrung der Schöpfung“. Auch gibt es viele einzelne Umweltaktionen, etwa das Klimafasten. Aber all die Worte und Aktionen haben bislang keine Taten hervorgebracht, die der Höhe der Herausforderung angemessen wären. Dies wird zur Anklage in einer Zeit, in der sich der Zukunftshorizont zunehmend verfinstert.

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Pro und contra: Kann man die Umwelt als politisches Subjekt denken?

Janicka_Iwona - Pendant

Contra: Kotti Everdene

Kann man die Umwelt als politisches Subjekt denken? Ich denke nicht. Mit dieser Einschätzung reagiere ich direkt auf die neuste Tendenz neomaterialistischer Philosophie und deren Implikationen für praktisch orientierte Individuen. Vor allem Forscher*innen, die sich posthumanistischer und neomaterialistischer Philosophie verschrieben haben, versuchen im Moment, den Begriff der Politik neu zu denken, indem sie sich auf Denker wie Gilles Deleuze, Felix Guattari, Henri Bergson, Maurice Merleau-Ponty, Friedrich Nietzsche oder Jakob von Uexküll beziehen. Sie wollen das Denken über Politik auf einer anderen Sprache und einem anderen Denkbild fußen und nehmen an, dass diese Neukonzeptualisierung direkt zu einer anderen politischen Praxis führt. Wie interessant und wertvoll diese Beiträge auch sein mögen, zur Debatte steht, ob es wirklich Politik ist, über die diese gegenwärtigen materialistischen Philosoph*innen nachdenken. Weiterlesen

InDebate: Die Endlagersuche und das Gemeinwohl. Eine politikethische Erörterung

Manemann, Foto

Jürgen Manemann

Kurzvortrag auf der Anhörung „Rückholung/Rückholbarkeit hoch radioaktiver Abfälle aus einem Endlager, Reversibilität von Entscheidungen“; Berlin, 02.10.2015 (Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe gemäß § 3 Standortauswahlgesetz)

 

Ausgangsfrage: Welche Gründe sprechen aus Ihrer Sicht für Elemente der Rückholbarkeit und Reversibilität, welche sprechen dagegen? Wie sehen Sie die Priorisierung hinsichtlich Sicherheit bzw. Rückholbarkeit?

Das spezifische Problem der Endlagerfrage besteht in der Langfristigkeit der Zeithorizonte. Sie überfordert unser Vorstellungsvermögen. Mit dieser Langfristigkeit haben weder Politik noch Ethik bisher umgehen müssen. Man erinnere sich nur daran, dass der Homo sapiens sich erst vor ca. 200 000 Jahren entwickelte und dass der homo sapiens sapiens erst seit ca. 100 000 Jahren existiert. Zu den ältesten Bauwerken gehören die Pyramiden von Gizeh. Sie wurden vor 4500 Jahren gebaut. Weiterlesen

InDebate: Was ist das – das Anthropozän?

Johannes Frisch - Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane in Die Gartenlaube, 1853 ("The Garden Arbor"), S. 36-38  (https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADie_Gartenlaube_(1853)_b_037.jpg)

Johannes Frisch – Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane in Die Gartenlaube, 1853 („The Garden Arbor“), S. 36-38 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A Die_Gartenlaube_(1853)_b_037.jpg)

Jürgen Manemann

Was ist das – das Anthropozän? Zunächst einmal ein Begriff. Wir benötigen Begriffe, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Begriffe führen uns aber nicht automatisch zur Erkenntnis. Sie können sogar von ihr wegführen. Es bedarf Begriffe, die, wie Theodor W. Adorno fordert, das auf den Begriff Gebrachte – das Begrifflose – hervortreten lassen, ohne es dem Begriff gleichzumachen. Das bedeutet, dass wir uns „die Begriffe nicht mehr nur schenken lassen, sie nicht nur reinigen und aufhellen, sondern sie allererst machen, schaffen, hinstellen (…).“ Begriffe müssen also „erfunden, hergestellt oder vielmehr erschaffen werden“ (G. Deleuze/F. Guattari, 10). Es gibt Begriffe, die willkürlich sind, haltlos, und es gibt Begriffe, die triftig sind. Es gibt Begriffe, denen wir vertrauen, und solche, denen wir misstrauen. Aber: Es gibt keinen einfachen Begriff. Gilles Deleuze und Félix Guattari bringen es auf den Punkt: Jeder Begriff ist eine Mannigfaltigkeit. Er besitzt nicht nur eine Komponente, sondern mehrere. Mannigfaltig sind Begriffe nicht zuletzt deshalb, weil sie eine Geschichte haben. Weiterlesen