InDepth – shortread: Unsichere Mathematik. Der Grundlagenstreit und seine Problematik

Paulina Brause

Mit Bezug auf die Mathematik sagte Bertrand Russel einst: „Seit man begonnen hat, die einfachsten Behauptungen zu beweisen, erwiesen sich viele von ihnen als falsch.“[1]  Gleichwohl genießt die Mathematik seit jeher ein hohes Ansehen in unserer Gesellschaft, da sie mit ihrer Objektivität und ihrer (scheinbar) widerspruchsfreien Struktur ein Idealbild von Wissenschaft verkörpert. Nicht ohne Grund basieren viele weitere Wissenschaftsgebiete auf den Grundlagen der Mathematik, denn ob etwa die Turbinen eines Flugzeugs die zum Abheben nötige Schubkraft erzeugen, lässt sich einfach berechnen. Klare Regeln – in Beweisführung, wie auch in Berechnung – führen zum Ergebnis. Kein Wunder also, dass wir uns auf die Mathematik verlassen, sie hat uns in ihrer Anwendbarkeit niemals enttäuscht.
Bei genauerer Betrachtung müssen wir uns allerdings von diesem Ideal verabschieden und Bertrand Russell Gehör schenken. Denn so klar die Mathematik in ihrer Anwendung auch zu sein scheint, so uneinig sind sich Mathematiker*innen und Philosoph*innen seit Jahrtausenden über ihre Art und ihre Beschaffenheit.

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InDebate: Dürfen wir in einer Blase existieren?

Agnes Wankmüller

Die Frage danach, ob wir in einer Blase existieren dürfen, müsste zunächst mit der Frage beginnen, ob es möglich ist, außerhalb einer Blase zu existieren, in der uns politisch und lebensweltlich einheitliche Informationen geboten werden bzw. in welcher wir die uns angebotenen Ideen lediglich aufgrund einer vorgefassten Meinung annehmen oder ablehnen. Mit der kritischen Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer[1] gesprochen, die Massenkultur als homogenisierte/homogenisierende Kraft und die Aufklärung selbst als Massenbetrug im Dienste des technischen Fortschritts beschreiben, müsste diese Frage weitgehend verneint werden. Durch Massenkultur werden die gesellschaftliche Öffentlichkeit sowie die Bedürfnisse und Weltbilder der Menschen vereinheitlicht und entlang einer Sachzwangrationalität geordnet: Der Einzelne wird in die Rolle eines Konsumenten oder eines zweifelhaften Amateurs gesetzt, der unter der Kontrolle und den Filtern der vorherrschenden Kräfte mitspielen, jedoch nicht kulturell oder politisch mitgestalten darf. Weiterlesen

InDebate: ‚Lügenpresse‘: zum Anspruch auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Die Pose der Wahrheit als Instrument der Meinung

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Agnes Wankmüller

Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) und die Proteste der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) in Dresden sind seit 2013 bzw. 2014 eine Erscheinung in Deutschland, über die seitens der etablierten Politik Ratlosigkeit herrscht. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass sie die Einwanderung von Muslimen und Muslimas problematisieren, sondern ebenfalls mit der Haltung und dem Selbstanspruch, die seitens AfD und Pegida in Bezug zum politischen und medialen Establishment evoziert werden: man sieht sich als exklusive Vertreter der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit. Weiterlesen

Am Abgrund: Plädoyer für eine maßvolle Politik im Streit zwischen Griechenland und EU

Papadopoulou Foto neu

Dora Papadopoulou

Seit Ende Januar 2015 hat Griechenland eine neue Regierung. Diese Regierung besteht bekanntlich aus einer Koalition zwischen der linken Partei Syriza mit 149 Abgeordneten und der rechtspopulistischen Partei „Die Unabhängigen Griechen“ mit 13 Abgeordneten. Beide Parteien sehen ihre Zusammenarbeit durch die Wahl legitimiert und versuchen, linke und rechte Politik miteinander zu verbinden. Seitdem haben beide ein gemeinsames Ziel vor Augen haben, nämlich Griechenland vor den Feinden zu retten. Blicken wir auf diese Regierung, so geht es nicht nur um eine linke Regierung oder von einem Regime ohne Zusammenhang, sondern es geht eher um eine Regierung, auch nicht um eine Regierung ohne Konzept, sondern um eine Regierung, auf die viele Menschen große Hoffnungen gesetzt haben. Die Bürger/innen erwarten eine neue Zukunft. Diese Regierung repräsentiert viele verschiedene Menschen: diejenigen, die an etwas Neues glauben wollen, jene, die keine andere politische Partei mehr für vertrauenswürdig halten, aber auch diejenigen, die sich an einem streng utilitaristischen Nutzenkalkül orientieren. Mit dieser Gemengelage umzugehen – das war und ist die Aufgabe der Regierung. Weiterlesen