InDepth – longread: Der befreite Prometheus von Chile. Akzelerationismus und Cybersyn

Michael Meyer

„Unsere Zuschauer müssen nicht nur hören, wie man den gefesselten Prometheus befreit, sondern sich auch in der Lust schulen ihn zu befreien.“

Bertold Brecht (1967: 774)

Stuck in a Hyperloop

Das auf Betreiben von Tesla– und SpaceX-Gründer Elon Musk entwickelte Transportsystem Hyperloop erhebt den Anspruch, vollständig klimaneutral sein zu wollen und „Ultra-Hochgeschwindigkeitsverkehr“ von Stadtzentrum zu Stadtzentrum zu ermöglichen (vgl. TUM Hyperloop o. D.). Die Passagiere sollen dabei in einer von Elektromagneten beschleunigten Kapsel transportiert werden, welche sich in einer Vakuumröhre bewegt, um Luftwiderstand zu vermeiden. Die Zielgeschwindigkeit der Hyperloop-Kapseln soll bei 1.000 Kilometern pro Stunde liegen, in der Realität erreichen unbemannte Kapseln auf den Teststrecken derzeit lediglich Geschwindigkeiten von bis zu 467 km/h, was unwesentlich mehr ist, als ähnlich schnelle Magnetschwebebahntechnologien, welche sich beispielsweise in Japan bereits in der Konstruktion befinden und Geschwindigkeiten von um die 420 km/h erreichen sollen. Im Gegensatz zu diesen bieten Hyperloop-Kapseln aber nur Raum für eine vergleichsweise kleine Anzahl von 28 Passagieren. Dadurch kommen sie auf eine Kapazität von gerade einmal 336 Passagieren pro Stunde pro Richtung, verglichen mit den 5.400-10.000, die eine reguläre Bahn transportieren kann (vgl. Von Eichhorn 2021). Weder ausgereift, noch unmittelbar besser als andere, bereits existierende Systeme, bleibt von dieser scheinbaren Verkehrsrevolution in erster Linie eins: sehr viel heiße Luft.

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InDepth – longread: Hoffnungsvolle (Re)Visionen des Technischen im Zeitalter des Chthuluzän

Jan Büssers

Abstract

Das Chthuluzän ist ein Zeitalter, in dem die Hoffnung für alle In-der-Welt-seienden Agent*innen wieder wachsen muss. Nur in der Allianz von Mensch(en), Natur und Technik wächst das Rettende. In der Entwicklung einer neuen Ontologie, die sich am Aufeinandertreffen in der Welt orientiert, kann das komplexe Netz der Verweisungen (technischer Systeme) wieder denkbar und begreifbar gemacht werden. Dieser Essay plädiert für eine Neubegegnung mit der Welt in ihrer Gesamtheit aus Natur und (Techno)Kultur, um das mythisch gewordene Sosein der Technik neu denken zu können und damit neue Antworten auf die drängenden Fragen dieser Zeit entwickeln zu können. Er greift dabei auf die Positionen neomaterialistischer Denker*innen zurück und versucht eine Zusammenführung mit technikphilosophischen Positionen und Ansätzen, sowie einem generellen Nachdenken über Technik. Die Frage nach der Technik muss sich immer mit der Frage danach verbinden, worauf wir hoffen dürfen – mit einem Wir, das Menschen wie die Anderen-in-der-Welt-Seienden (critters) meint. Dabei soll herausgestellt werden, dass es den Menschen, mit deren Fähigkeit zum Antworten, d.i. response-ability, obliegt, in eine lebbare Zukunft zu weisen, für die es sich zu hoffen und zu kämpfen lohnt.

Einleitung

Unter dem Motto „Fridays for Future”[1] gehen aktuell international Schüler*innen auf die Straße, um für eine nachhaltige Klimapolitik zu demonstrieren. Die Jugend begehrt auf, um ihre Zukunft zu schützen. Die Zeit scheint gekommen, in der das Damoklesschwert des Klimawandels über dem reichen Gabentisch des Kapitalismus nicht länger ignoriert werden kann. Der Klimawandel ist zum Sinn- und Streitbild des ausufernden technischen Systems geworden, das sich auf fossile Brennstoffe gründet und in der scheinbaren Omnipräsenz seiner Auswirkungen den Begriff des Anthropozän hervorgebracht hat, d.i. das Zeitalter der Allgegenwart der Spuren des Menschen in der (Um)Welt.

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