Schwerpunktbeitrag: Bildung für eine Kultur der Verständigung

Katja Neuhoff

Katja Neuhoff

Menschen sind von Natur aus sowohl bildungsfähig als auch bildungsbedürftig. Als je besondere Menschen bringen sie ihre eigene Perspektive auf die Wirklichkeit mit. Ausgehend davon können sie sich in Freiheit bilden. Bildung kann eine Kultur der Verständigung fördern durch die Anleitung zur Ausbildung eigener Werthaltungen und eines moralischen Bewusstseins; durch die Erkenntnis, dass die eigene Sichtweise immer begrenzt ist und daher angewiesen bleibt auf andere Perspektiven zur Erfassung der Realität und durch die Orientierung an dem intersubjektiven Anspruch, die eigenen Einstellungen und Werthaltungen begründen zu können.

1          Bildung im Sinne der Weltorientierung:

Damit Bildung Orientierung zu bieten vermag, muss sie sich auf die je konkreten gesellschaftlichen Bedingungen beziehen, unter denen Menschen in ihren jeweiligen historischen Situationen leben. Das heißt im gegenwärtigen deutschen Kontext unter anderem, das Faktum der kulturellen, ethnischen, religiösen Pluralität anzuerkennen und als konstitutiven Bestandteil der deutschen Gesellschaft zu begreifen. Bildung muss immer auch Bildung in einer und für eine Einwanderungsgesellschaft sein.

Damit das gesellschaftliche Miteinander gelingt, bedarf es nicht nur des geschichtlichen Wissens über die konkreten Bedingungen der Einwanderung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen bis heute, sondern auch der Ausbildung eines interkulturellen Bewusstseins.

Die Auseinandersetzung mit den Grundlagen des eigenen Selbst- und Weltverständnisses wird durch Erfahrungen der Differenz angeregt. Insofern sollte Bildung Differenz erfahrbar machen – allerdings nicht als Abweichung von der Normalität, sondern als biographische Bedingtheit. Bildung erfüllt hier ihre integrative Funktion, in dem sie Menschen dazu verhilft, die eigene Kultur entziffern zu lernen und den je individuellen Platz in ihr zu finden.

Angesichts der Tatsache, dass Menschenleben von ganz unterschiedlichen und vielfältigen Differenzerfahrungen geprägt sind, muss die ethnische Zugehörigkeit in ihrer besonderen gesellschaftlichen Bedeutsamkeit relativiert werden. Das heißt nicht, dass sie nicht individuell höchst bedeutsam wäre als je individuelle Herkunft und Prägung, sondern lediglich, dass sie im gesellschaftlichen Diskurs eine Differenz unter vielen darstellt, die für die individuellen Biographien von Menschen einen je unterschiedlichen Stellenwert haben kann. Um eine solche stereotype Dichotomisierung von Differenz zu überwinden, scheinen mir insbesondere narrative Bildungsformen einen großen Wert zu haben.

Bildung als Weltorientierung ist aber auch immer Bildung in einer dynamischen Gesellschaft und angesichts einer prinzipiell ungewissen Zukunft. Bildung muss insofern auch zur kritischen Distanznahme im Hinblick auf die je konkrete gesellschaftliche und individuelle Erfahrungsrealität befähigen. Indem unterschiedliche Sichtweisen auf die Realität als kontingente und – sofern sie sachlich richtig sind – gleichberechtigte Perspektiven zur Geltung gebracht werden, wird ein Möglichkeitsraum eröffnet, der kritisches Gestaltungspotenzial freisetzt.

2          Bildung im Sinne der Aufklärung:

Damit Bildung Voraussetzung für eine Kultur der Verständigung sein kann, ist Bildung im Sinne der Aufklärung (Kant: Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit) notwendig: Bildung im Sinne gedanklicher Selbstständigkeit, welche zwischen bloßen rhetorischen Fassaden und echten Gedanken unterscheiden kann.

Bildung im Sinne der Aufklärung erzeugt eine bestimmte Art von Neugier, nämlich „wissen zu wollen, wie es gewesen wäre, in einer andere Sprache, Gegend und Zeit, auch in einem anderen Klima aufzuwachsen; wie es wäre, in einem anderen Beruf, einer anderen sozialen Schicht zu Hause zu sein.“ (Bieri 2007, S. 27.)[1]

In dem Menschen sich dies fragen, setzen sie sich in kritische Distanz zum eigenen Leben und zu den eigenen Wahrnehmungs-, Bewertungs-, Denk- und Handlungsschemata. Gleichzeitig vergegenwärtigen sie sich die Bedingungen, unter denen sie selbst und andere ihr Leben führen; sie setzen sich mit den Formen und Folgen von Zuschreibungen und Identifikationen auseinander und mit deren gesellschaftspolitischer, sozialer und individueller Bedeutung. In einer solchen kritischen Reflexion wird deutlich, dass sich individuelle Identitätsbildung und Lebenspraxis in sehr unterschiedlichen Kontexten vollzieht. Es geht folglich um die Herausbildung eines kritischen Verständnisses der Wirklichkeit und ihrer unterschiedlichen Bedingungsgefüge und Wirkungszusammenhänge sowie einen kritischen Umgang mit Werten, Regeln, Normen, Autoritäten – weniger um die Bewertung anderer Wertvorstellungen und Entwürfe des guten Lebens.

3          Bildung im Sinne der Toleranz

In demokratischen Gesellschaften kann legitimer Weise gefordert werden, dass die Menschen das Vorhandensein verschiedener Optionen des Guten Lebens und auch das Recht jedes/ jeder Einzelnen auf ihre Option des Guten Lebens (formal) anerkennen, selbst wenn sie den unterschiedlichen Optionen des Guten Lebens die (materiale) Anerkennung als wertvoll verweigern. Ein dementsprechendes Bildungskonzept müsste insofern darauf abzielen, den Educanden die Vorteile eines solchen Systems der wechselseitigen Anerkennung und der Toleranz gegenüber konkurrierenden Optionen des Guten deutlich zu machen als Schutzraum der individuellen Freiheit bzw. als legitimer Ort für die je individuelle Differenz innerhalb einer Gemeinschaft von Statusgleichen.

Dennoch bleibt eine gewisse Unzufriedenheit bestehen, wenn man dabei stehen bleibt, Toleranz im Sinne von Respekt aufzufassen. Denn es fehlt ein wichtiger Aspekt in diesem Konzept: Toleranz aufgrund der Einsicht in die kulturelle Zufälligkeit der Überzeugungen. Hierin liegen zwei Aspekte, die verständigungsorientierte Bildung zum Bewusstsein bringen soll: (1) Ein Aspekt der Nicht-Beliebigkeit – ich bin nicht vollkommen frei, diese oder jene Identität, diese oder jene Überzeugung zu wählen, sondern kontextuell an die Auswahlmöglichkeiten, die mir zu Verfügung stehen, gebunden – und (2) ein Aspekt der Kontingenz der eigenen Überzeugungen, Werthaltungen etc. – wäre ich in einem anderen Kontext aufgewachsen, sozialisiert worden etc. hätte ich andere Prägungen erfahren und andere Alternativen gewählt.

Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass meine Überzeugungen, wie und unter welchen Umständen auch immer sie zustande gekommen sind, dennoch genuin meine Haltungen, Einstellungen etc. sind, zu denen ich mich in Freiheit verhalten kann und muss. Das heißt, die Anerkennung des Gewordenseins enthebt die Individuen nicht der Entscheidung für bestimmte Werte (sonst würde einem sozialen und biologischen Determinismus das Wort geredet); vielmehr stellen das Bewusstsein und die Anerkennung des Gewordenseins die Grundlage dafür dar, sich bewusst und reflektiert entscheiden und frei an Werte binden zu können.

4          Bildung als gemeinsamer Diskurs über die Welt

Bildung, die auf eine Kultur der Verständigung zielt, ist nur als gemeinsame, konzertierte Benennung von Welt möglich ist. Erste Voraussetzung dafür ist: Alle Betroffenen müssen gehört werden.

Das ist allerdings in der Realität, so trivial diese Forderung erscheint, nicht immer oder viel mehr: nur selten der Fall. So wird etwa auch in der gegenwärtigen Diskussion über Bildung und Migration der Diskurs nach wie vor von Mehrheitsangehörigen dominiert, die „Migrationsanderen“ (Mecheril) sind hier nicht (angemessen) vertreten.

Indem aber gefragt wird, wozu Sprechweisen dienen, wem sie nützen, welche Effekte sie haben oder welche Bilder sie zugrunde legen und evozieren, werden „gegenwärtig geltende Repräsentationsverhältnisse als strukturelles Problem verstanden, die nicht durch Moralisierungen und Vorwürfe aus der Welt geschaffen werden, sondern einer gemeinsamen und von dem Wissen um die allseitige Verstrickung in Dominanzverhältnisse getragenen, generellen und fallspezifischen Reflexionsarbeit bedürfen.“ (Mecheril 2005, S. 315.)[2]

Bildung im Sinne der gemeinsamen Benennung der Welt muss einen Diskurs eröffnen, in dem alle Beteiligten mit ihren je individuellen Geschichten und deren je individuellen Beschreibungen zu Wort kommen. Hier gilt wiederum: Solange der Diskurs abstrakt bleibt, „sieht“ man nichts außer der Erkenntnis, dass jede Sicht auf die geteilte Realität von bestimmten Faktoren – soziale Herkunft, ethnisch-kulturell Hintergrund, religiös-ethisches Wertebewusstsein, familiäre Zusammensetzung etc. – abhängig ist. Erst wenn jede einzelne Person ihre genuine Perspektive zur Sprache bringt, wird sichtbar, in welchem Verhältnis diese unterschiedlichen Faktoren zueinander stehen und welches Gewicht sie in dem individuellen Leben haben. Das Ziel einer Bildung im Sinne der gemeinsamen Benennung der Welt kann man insofern mit dem Philosophen Peter Bieri folgendermaßen formulieren: Der Gebildete hat „einen Chor von Stimmen im Kopf, wenn er nach dem richtigen Urteil in einer Sache sucht.“ (Bieri 2007, S. 27.)

5          Fazit:
Es zeigt sich somit, dass Bildung für eine Kultur der Verständigung einiges erfordert: nicht nur ein Bewusstsein der eigenen Identität und die Offenheit für den/die Andere/n, sondern auch die Fähigkeit zur Artikulation der eigenen Identität und der eigenen Wertvorstellungen sowie einen transparenten Umgang mit den eigenen gedanklichen Herkünften: Von wo aus denke ich? Was setze ich als selbstverständlich voraus? Wo liegen meine blinden Flecken? An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen in anthropologischer, biographischer und gesellschaftlicher Hinsicht.

Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Version meines Vortrags im Rahmen der Konferenz „Verständigung der Kulturen – Kultur der Verständigung in der Schule“. Den vollständigen Artikel können Sie auf folgender Internetseite nachlesen:
https://www.rpi-virtuell.net/workspace/6AD6A4BD-9407-434B-A79D-BAB7E44E15DD/2007/druebeck/neuhoff_bildung.pdf.

(c) Katja Neuhoff

Dr. Katja Neuhoff ist Fachbereichsreferentin und Lehrbeauftragte an der Hochschule Düsseldorf. Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Politische Philosophie, Menschenrechte, Ethik sozialprofessionellen Handelns, Inklusion, Diversität, Bildung.

[1] Bieri, Peter (2007): Wie wollen wir leben?, in: ZEITmagazin Leben 32/07, S. 26-27.
[2] Mecheril, Paul (2005): Pädagogik der Anerkennung. Eine programmatische Kritik, in: Hamburger, Franz/ Badawia, Tarek/ Hummrich, Merle (Hg.): Migration und Bildung. Über das Verhältnis von Anerkennung und Zumutung in der Einwanderungsgesellschaft, Wiesbaden, S. 311-328.

Erstveröffentlichung des Beitrags in fiph-Journal 11 (März 2008), S. 16-17.

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Ein Gedanke zu „Schwerpunktbeitrag: Bildung für eine Kultur der Verständigung

  1. Gleich zu Beginn bestimmt Katja Neuhoff den Menschen als „von Natur aus sowohl bildungsfähig als auch bildungsbedürftig“. Insofern Bildung die Voraussetzung für eine Kultur der Verständigung sein soll, kann man sich über diese ontologische Bestimmung offenbar nicht verständigen, weil sie gesetzt ist.
    Katja Neuhoff sagt, der Mensch sei besonders. Dem stimme ich zu. Und weiter: der Mensch bringe seine eigene Perspektive auf die Wirklichkeit mit. Meine Frage ist: wann und wie erwirbt der Mensch seine eigene Perspektive auf die Wirklichkeit, wenn nicht im Prozess der Bildung? Insofern kann sich der Mensch nicht „ausgehend davon“ in Freiheit bilden, sondern die eigene Perspektive auf „die“ Wirklichkeit ist selbst schon Teil des Bildungsprozesses und nicht Grundlage für einen dann erst in Freiheit sich vollziehenden Bildungsprozess.
    Neuhoff zufolge kann Bildung eine Kultur der Verständigung fördern. Wenn man Bildung als Teil des Weltaneignungsprozesses versteht, der nicht linear verläuft, sondern vielschichtig, gebrochen, mit Umwegen und Wiederholungen, dann ist Bildung ohne Verständigung gar nicht sinnvoll denkbar. Der Bildungsprozess ist angewiesen auf die Verständigung handelnder Personen untereinander, auf die Verständigung des Menschen mit der ihn umgebenden Wirklichkeit (Weltaneignung) sowie auf die Verständigung des Menschen mit sich selbst (Reflexion).
    Im Beitrag wird behauptet, Bildung fördere die Kultur der Verständigung „durch die Anleitung zur Ausbildung eigener Werthaltungen“. Wer ist das handelnde Subjekt? Meint Neuhoff das funktional in dem Sinne, dass im Prozess der Bildung Werthaltungen einfach entstehen oder entstehen können? Damit wäre Bildung unterbestimmt. Pädagogisches Handeln, das sich auf die Ausbildung von Werthaltungen und ethische Kompetenzen richtet, ist nicht bloß funktional, sondern beabsichtigt, geplant und gesteuert, ohne dass man freilich das Ergebnis des pädagogischen Handelns sicherstellen könnte.
    Die These wird im Beitrag erweitert: Bildung fördere die Kultur der Verständigung „durch die Erkenntnis, dass die eigene Sichtweise immer begrenzt ist und daher angewiesen bleibt auf andere Perspektiven zur Erfassung der Realität und durch die Orientierung an dem intersubjektiven Anspruch, die eigenen Einstellungen und Werthaltungen begründen zu können“. Das ist nun freilich eine Tautologie, denn was ist Verständigung anderes als die Erkenntnis, dass die Sichtweisen des je anderen meine eigene Sichtweise ergänzen, komplettieren oder korrigieren?
    Würde Neuhoff den Bildungsbegriff handlungstheoretisch fassen und Bildung als intersubjektiven Prozess verstehen, müsste sie ihn nicht mühsam in vier Facetten bestimmen: Bildung als Weltorientierung, als Toleranz, als Aufklärung, als gemeinsamer Diskurs. Argumentationstechnisch definiert sie letztlich in den Bildungsbegriff hinein, was sie als Fazit herausbekommt. Bildung wird von Neuhoff als Depositum verstanden, das sie mit einigen normativen Postulaten füllt. Am Ende schlussfolgert sie, dass der von ihr selbst aufgeladene Bildungsbegriff für eine Kultur der Verständigung erforderlich ist.
    Sofern eine Kultur der Verständigung erwünscht oder erforderlich ist, braucht es Menschen, die sich verständigen können. Dazu wiederum gehört die Fähigkeit und Bereitschaft, das Eigene und das Fremde differenziert wahrzunehmen und den Anderen anzuerkennen. Bildung muss also nicht erst in besonderer Weise formatiert werden, um einer Kultur der Verständigung den Weg zu bereiten. Vielmehr ist der Bildungsbegriff ohne Weltorientierung, Aufklärung, Toleranz und gemeinsamen Diskurs nicht angemessen zu denken.
    Auf den Punkt gebracht: Neuhoff sagt, um eine Kultur der Verständigung unter den Bedingungen einer interkulturellen Einwanderungsgesellschaft zu etablieren, muss man „Bildung“ in vierfacher Weise bestimmen. Ich meine, der moderne Bildungsbegriff impliziert bereits alle Aspekte, die für eine Kultur der Verständigung erforderlich sind.

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