InDebate: Die Kunst des Loslassens als Weg zu einem authentischen Selbst

Hervorgehoben

Alexandra Lason

“Imagine no possessions, I wonder if you can
no need for greed or hunger, a brotherhood of man”
(John Lennon)

Viele Menschen verbringen ihre Freizeit heute in den überall neu entstehenden Einkaufszentren. Dabei geht es häufig nicht darum, etwas Notwendiges zu besorgen. Vielmehr handelt es sich um eine Weise der Freizeitgestaltung. Konsum oder allein die Vorstellung von Konsum wirkt dabei nicht selten als temporäres Antidot gegen die Langeweile.

Im Kern ist (überflüssiger) Konsum und Haben gleichwohl Ersatz für das Sein[1] und Konsumismus, verstanden als Geisteshaltung, die den Konsum als höchstes Gut ansieht, Ausdruck der Furcht vor dem Sein. Wer Haben mit Sein und Sinn gleichsetzt, erschafft sich durch äußere, materielle Angleichung an einen bestimmten Lebensstil ein inauthentisches Selbst, welches zum bloßen Bestandteil der Maschinerie des Konsums regrediert. Die Besitztümer, von denen man meinte, sie ermöglichten ein erfülltes Leben, füllen Häuser und Wohnungen, aber sie erfüllen nicht. Ihre Besitzer*innen ersticken vielmehr daran und nicht zuletzt auch deren authentisches Selbst, denn unter allem Besitz geht das authentische Existieren verloren. Nicht von ungefähr ist die Sehnsucht nach Authentizität heute in einer frappierenden Stärke präsent. So sehr sogar, dass sie wieder seitens des Marktes aufgegriffen wird, da sich auch mit dieser Sehnsucht Profit machen lässt. Ein authentisches Selbst ist, obgleich es sich immer auch (ent-)äußert, nicht Äußerlichkeit. Es ist diese falsche Gleichsetzung, die Authentizität verhindert, welche aus den Potentialen des Innen erwächst. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Nachbarschaft

Walter Siebel

Menschen sind soziale Wesen. Ohne in soziale Beziehungen eingebettet zu sein, könnten sie weder materiell noch psychisch überleben. Soweit es sich um informelle Beziehungen handelt, beruhen sie auf Verwandtschaft, Freundschaft oder auf räumlicher Nähe. Letztere nennt man Nachbarschaft. Aber welche Qualität diese sozialen Beziehungen annehmen und welche Rolle sie spielen, ist historisch wandelbar. In vormodernen Gesellschaften war Nachbarschaft eine auf ökonomischer Notwendigkeit beruhende, von sozialen Normen strikt geregelte Gemeinschaft. Diese Form von Nachbarschaft existiert nicht mehr. Im ersten Teil wird erklärt, weshalb (I). Im zweiten Teil werden die heutigen Formen nachbarlichen Verhaltens beschrieben (II). Welche Rolle Nachbarschaften bei der Integration von Zuwanderern spielen, wird in Teil III diskutiert. Nachbarschaft wird es auch in Zukunft und auch in der Großstadt geben. Sie kann wichtige Funktionen für bestimmte Gruppen erfüllen. Aber künftige Nachbarschaften werden wenig gemein haben mit dem dichten und unentrinnbaren Geflecht sozialer und ökonomischer Abhängigkeiten in vormodernen dörflichen Nachbarschaften (IV).
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InDebate: Realismus und Utopie in Zeiten des Rechtspopulismus

Robert Ziegelmann

Rechte halten sich für realistisch. Zu ihrem Selbstverständnis gehört, dass sie distanziert und rational auf die objektiven Fakten blicken, während die »Gutmenschen« um ihre eigenen Gefühle kreisen, in Utopien schwelgen und sich moralisierend erhöhen. Tatsächlich aber waren für den Erfolg der AfD wie für denjenigen Trumps nicht die angeblich harten ökonomischen Fakten entscheidend, sondern scheinbar subjektive – emotionale, symbolische, kulturelle – Faktoren.[1] Zu diesen Faktoren gehört zentral, wie die Soziologin Cornelia Koppetsch herausarbeitet, »das Gefühl, dass Verhaltensmaßstäbe, die für die eigene Identität […] und die gesellschaftliche Wertschätzung bislang relevant waren, nicht mehr gelten und dass […] die eigenen Leistungen nicht mehr hinreichend […] gewürdigt werden.«[2] Die Basis dieses Gefühls beschreibt Koppetsch im Anschluss an Bourdieu als »Hysteresis-Effekt«: Der Habitus, also das implizite System von Handlungs-, Sprech- und Wahrnehmungsweisen, mit denen Menschen sich in der Gesellschaft orientieren, »passt« nicht mehr zu den veränderten gesellschaftlichen Umständen. Was einem früher als selbstverständlich galt, erweist sich nun als nur eine Möglichkeit unter vielen; Handlungsweisen, über die gar nicht nachgedacht werden musste, können nun zu Irritationen und Konflikten führen. Anfällig für den Rechtspopulismus sind demnach vor allem solche Gruppen – insbesondere in der Mittelschicht –, die relative Einbußen an symbolischer Macht und Geltung hinnehmen mussten.[3] Paradigmatisch ist dafür diejenige gesellschaftliche Gruppe, die dazu neigt, ihre privilegierte Stellung für selbstverständlich zu halten und auf Konflikte nicht mit Selbstreflexion zu reagieren, sondern mit dem Bedürfnis, wieder in eine heil und übersichtlich erscheinende Welt der Vergangenheit zurückzukehren – also Männer. Weiterlesen

InDebate: Zum Potential der Debatte um „das Politische“ für ein demokratisches politisches Subjekt

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Anastasiya Kasko

Etablierte Konzeptionen des demos stehen zunehmend im Zentrum politischer Kontroversen. Die ohnehin bestehende Problematik der Unterschiede an sozialer, politischer und wirtschaftlicher Teilhabe wird durch jüngere Entwicklungen noch verschärft: internationale Migration nimmt zu, transnational agierende Konzerne erweitern ihre Einflussbereiche, Probleme im Bereich der Ökologie und des Umweltschutzes verschärfen sich. Diese Entwicklungen stellen die etablierten Konzeptionen des demos bzw. des politischen Subjekts vor Schwierigkeiten, die diese nicht adäquat bearbeiten können. Stattdessen werden Menschen aufgrund des ihnen von Institutionen zugeschriebenen Status (als Geflüchtete, Asylsuchende oder anders definierte Nicht-Bürger_innen) ausgegrenzt und marginalisiert. Als Gegenvorschlag, der dieser Problematik entgegentritt, will ich eine machttheoretisch basierte Theorie des demokratisch verfassten politischen Handlungssubjekts formulieren, die das politische Zusammenleben und die Teilnahme am Alltag der Zivilgesellschaft grundlegend für die Entstehung politischer Subjektivität betrachtet. Dabei bediene ich mich des Vokabulars und der Denkweise des „Politischen“. Das Vokabular des Politischen, so werde ich zeigen, gibt uns einen Begriffsapparat an die Hand, der helfen kann, über die Herausforderungen politischer Zugehörigkeit am Beginn des 21. Jahrhundert nachzudenken. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Robuste Gelassenheit in Zeiten des Fundamentalismus – Zur Aktualität von Richard Rortys religionspolitischem Pragmatismus

Martin Müller

  1. Religionspolitischer Pragmatismus als Antwort auf die Herausforderung des Fundamentalismus:

Weltweit ist ein Erstarken fundamentalistischer Religionsformen zu beobachten. In Europa sind es dabei vor allem Islamisten, die unsere liberale Kultur der Freiheit und Toleranz bedrohen. Die Terroranschläge einer kleinen Minderheit militanter Islamisten sind dabei nur die (spektakuläre) Spitze des Eisbergs. Wie sollen säkulare Bürger auf die fundamentalistische Herausforderung reagieren, ohne dabei selbst in eine antiliberale Haltung gegenüber der Religion im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen zu verfallen? Im Anschluss an den Denkweg des amerikanischen Philosophen Richard Rorty vom Atheismus zu einem religionspolitischen Pragmatismus lautet die Antwort auf diese drängende Frage: robuste Gelassenheit. Weiterlesen

InDebate: Leit- als Leidkultur. Die Leitkulturdebatte im Kontext der kulturellen Moderne

Paul Stephan

Wie bewertet man eigentlich Kulturen? Nietzsche etablierte dafür die Unterscheidung zwischen Leid- und Freudkulturen. Jene haben das primäre Ziel, Leid zu vermindern, diese wollen Freude vergrößern. Jene basieren auf negativen Stimmungen wie Angst, Wut und Kränkung, ihr Grundbedürfnis ist das nach Sicherheit; diese auf positiven Affekten wie Mut, Gelassenheit und Stolz, sie stehen im Zeichen der Freiheit. Jene neigen dazu, sich abzuschotten und imaginäre Kompensationsmechanismen zu entwickeln, die ihre Angehörigen in falscher Sicherheit wiegen. Diese sehen in der Konfrontation mit dem Außen gerade Bedingung ihrer Stärke und Möglichkeit des eigenen Wachstums, Leiderfahrungen werden in ihnen nicht unbedingt vermieden, sondern als notwendige Bedingungen der Freude erkannt. Jene tendieren dazu, mit der Möglichkeit des Leids auch die intensiver Freude aus der Welt zu schaffen. Diese sind jenen vorzuziehen: Es sind Kulturen des Wachstums und der Lebensfülle, Leidkulturen solche der Stagnation und des Niedergangs. Die Dominanz einer Leidkultur ist Symptom tiefliegender Pathologien an der Basis einer Gesellschaft. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Moralisches Fühlen

Christian Thies

Wer sich aus philosophischer Sicht mit moralischen Gefühlen beschäftigen möchte, muss zunächst klären, was unter diesem Begriff zu verstehen ist. Das ist nicht einfach, denn philosophiegeschichtlich, empirisch-wissenschaftlich und lebensweltlich werden sehr unterschiedliche Ausdrücke verwendet, unter anderem „Empfindung“, „Affekt“ und „Emotion“. Als Grundbegriff eignet sich „Fühlen“. Das substantivierte Verb betont den prozessualen Charakter dieser Dimension menschlichen Daseins und verhindert vielleicht das Missverständnis, es handele sich um neurobiologisch, psychologisch und soziokulturell klar abgrenzbare Entitäten. Das Adjektiv „moralisch“ wird hier deskriptiv verwendet. Im weiteren Sinne soll es das Fühlen bezeichnen, das sich positiv oder negativ auf andere Personen oder soziale Situationen richtet; im engeren Sinne ist moralisches Fühlen ein unabdingbarer Bestandteil jedes sozialen Handelns. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Der letzte Universalismus. Kontingenz, Konflikt und normative Demokratietheorie*

Karsten Schubert

Die Debatte um die politische Differenz stellt Kontingenz und Konfliktualität als fundamentale Eigenschaften des Politischen heraus. Dies stellt die postfundamentalistische Demokratietheorie, die auf Augenhöhe mit dieser Debatte argumentieren will, vor ein Problem: Durch die Kontingentsetzung aller normativen Begründungen ist zunächst unklar, welche Art von demokratischen Institutionen wie begründet werden kann, und sogar, ob es überhaupt eine von der postfundamentalistischen Sozialontologie ausgehend argumentierende normative Begründung für demokratische Institutionen geben kann. Meine These ist, dass Freiheit, verstanden als kontinuierliche selbstreflexive Kritik, derjenige normative Begriff ist, der sich aus der Sozialontologie von Konflikt und Kontingenz herleiten lässt. Anders gesagt: Freiheit als Kritik ist derjenige Universalismus, der sich aus der Ontologie des Partikularismus ableitet. Freiheit als Kritik kann dabei einerseits das Operieren einiger Institutionen in liberal-pluralistischen Demokratien beschreiben, und andererseits als normativer Kritikbegriff für die Analyse ihrer Dysfunktionalität dienen. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Beauty-Despotismus. Warum der ästhetische Körperkult ein egalitäres Drama heraufbeschwört

Arnd Pollmann

Je geringer die sozialen Ungleichheiten, desto sensibler wird das Volk für verbleibende Ungerechtigkeiten. Dieses Phänomen wird in der Soziologie „Tocqueville-Paradox“ genannt. Der Autor von Über die Demokratie in Amerika (1835) und Der alte Staat und die Revolution (1856) hatte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine beunruhigende Tendenz des demokratischen Egalitarismus ausgemacht, so wie dieser sich seinerzeit nicht nur in Nordamerika, sondern bedingt auch im post-revolutionären Europa auszubreiten begann und sukzessive zu einer Nivellierung gesellschaftlicher Gegensätze beizutragen schien. Dieses Paradox besagt, dass die revolutionär erkämpfte oder aber durch Reformen bewirkte Angleichung sozialer Lebenslagen am Ende für weit mehr Frustrationen und auch Proteste sorgen könnte als die Reproduktion „alter“ und vergleichsweise eklatanter Ungleichheiten. Während nämlich diese alten und gravierenden Ungleichheiten vom Volk lange Zeit als „naturgegeben“ und damit unveränderlich hingenommen wurden, führt die Erfahrung einer revolutionären Veränderbarkeit bestehender Klassenunterschiede gerade nicht zu einer Befriedung des Volkes. Zwar nehmen die sozialen Ungleichheiten objektiv tatsächlich ab, so Tocqueville, doch führt dies paradoxerweise subjektiv zu einem wachsenden und verfeinerten Anspruchsniveau: Je deutlicher das Volk die wenigen verbleibenden Ungleichheiten als durch und durch „menschengemacht“ erkennen, desto empfindlicher wird es für eben diese Differenzen und umso mehr Empörung wird den Herrschenden entgegenschlagen.[1] Weiterlesen

InDebate: Dürfen wir in einer Blase existieren?

Agnes Wankmüller

Die Frage danach, ob wir in einer Blase existieren dürfen, müsste zunächst mit der Frage beginnen, ob es möglich ist, außerhalb einer Blase zu existieren, in der uns politisch und lebensweltlich einheitliche Informationen geboten werden bzw. in welcher wir die uns angebotenen Ideen lediglich aufgrund einer vorgefassten Meinung annehmen oder ablehnen. Mit der kritischen Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer[1] gesprochen, die Massenkultur als homogenisierte/homogenisierende Kraft und die Aufklärung selbst als Massenbetrug im Dienste des technischen Fortschritts beschreiben, müsste diese Frage weitgehend verneint werden. Durch Massenkultur werden die gesellschaftliche Öffentlichkeit sowie die Bedürfnisse und Weltbilder der Menschen vereinheitlicht und entlang einer Sachzwangrationalität geordnet: Der Einzelne wird in die Rolle eines Konsumenten oder eines zweifelhaften Amateurs gesetzt, der unter der Kontrolle und den Filtern der vorherrschenden Kräfte mitspielen, jedoch nicht kulturell oder politisch mitgestalten darf. Weiterlesen