Schwerpunktbeitrag: Das Problem Europa. Überlegungen mit Friedrich Nietzsche[1]

Paul Stephan

I. Zu fremden Sternen

Auf die Frage, wohin Europa strebt, gibt der Philosoph Friedrich Nietzsche eine überraschende wie provokante Antwort:

„Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, dass der Mensch auf dieser Erde es darin der Sonne gleich thut. Und wir voran, wir guten Europäer!“[2]

Zugegebenermaßen ist hier nicht von Europa, sondern von der Menschheit insgesamt die Rede – doch die „guten Europäer“ sollen bei diesem gewaltigen Dezentrierungsunternehmen die Rolle einer Avantgarde einnehmen. Das Unheimliche an dieser Stelle ist, dass mit einer Bewegung der Sonne hin zu einem anderen Sternbild ihr eigener Untergang verbunden wäre und mit dem ihren auch derjenige der Erde. Sollen die „guten Europäer“ die Menschheit in den Untergang führen? Weiterlesen

InDebate: Europas Dekolonisationsverweigerung. Über die Notwendigkeit der Selbstenthöhung Europas

      Björn Freter

Die afrikanische Philosophie entwickelt sich bestens. Eine Vielzahl, in der westlichen Philosophiediskussion weithin unbekannte, dennoch unzweifelhaft bedeutende Beiträge hat sie in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht.

Bevor ich mit meinen Überlegungen fortfahre, sei eine kurze Bemerkung zum Sprachgebrauch erlaubt: Wenn von Afrika oder Europa, von afrikanischer oder europäischer Philosophie die Rede ist, bedeutet das natürlich eine erhebliche Vereinfachung. Diese Vereinfachung ist allerdings lediglich eine sprachliche Konzession. Damit ist zu keinem Zeitpunkt eine Vereinheitlichung der Vielfalt der zusammengefassten Phänomene gemeint oder gar ein impliziter normativer Kommentar abgegeben. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Afrikanische Moderne und die Möglichkeit(en), Mensch zu sein

Elísio Macamo

Gibt es eine afrikanische Form der Moderne? Ich möchte in diesem Beitrag die These vertreten, dass die Suche nach einer solchen Form bei der Erfahrung ansetzen muss, die Afrikaner mit der europäischen Moderne gemacht haben. Der Begriff der Moderne steht für eine Welterklärung, die ihre Wurzeln in einer bestimmten historischen Erzählung hat. Diese geht von einem tiefen Einschnitt in der historischen Erfahrung aus, der sich in der europäischen Renaissance ereignete und eine neue Zeit einläutete. Diese neue Zeit ging aus der Auseinandersetzung zwischen vernunftgeleiteten Individuen und ihrer Gegenwart hervor. Individuen bedienten sich der Wissenschaft, um die Natur zu beherrschen, und wandten sich einer aufgeklärten Philosophie zu, um die moralischen Werte ausfindig zu machen, die dem Bedürfnis nach Wohlstand und Fortschritt als Grundlage dienen könnten. Wissen wurde zu einer Mutprobe, die – wie Kant mit seinem Wahlspruch zur Aufklärung „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ verdeutlichte – die Individuen (selbst-)bewusst eingingen. Getrieben wurden sie von Erfahrungen der Industrialisierung, die, um es mit den prägnanten Worten des Kommunistischen Manifests zu sagen, alles Ständische und Stehende verdampfen ließ und alles Heilige entweihen würde. Diese europäischen Entwicklungen wurden als Maßstab betrachtet, mit dem die Entfernung gemessen werden könne, die andere Weltteile von Europa trenne. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Braucht Europa eine starke Erzählung?

koschorke-foto

Albrecht Koschorke

1

Die Ehrung*, die mir heute abend zuteil wird, hat mich umso mehr gefreut, als sie ganz unerwartet kam. Auch wenn das im Rahmen dieser Feier anders klingen mag, ist meine Studie Hegel und wir nämlich auf keine große Resonanz gestoßen. Und das kann ich leider gut verstehen. Denn vor allem mit dem zweiten Teil des Buches, dem Teil über ‚uns‘ in Europa, habe ich bis zum letzten Tag der Manuskriptabgabe gehadert. Ein Grund dafür liegt in zeitlichen Umständen. Das Buch ist unter dem Eindruck der sich verschärfen­den Krise Europas, vor allem im Hinblick auf den drohenden Staatsbankrott Griechenlands und die damit verbundenen Diskussionen entstanden. In die Wochen der Schlussredaktion fiel der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Als das Buch im Juni 2015 erschien, beherrschte der massenhafte Zustrom von Migran­ten über die Balkan­route die Gemüter. Seither gab es, in immer dichterer Folge, verheerende Terror­anschläge auch auf europäische Ziele. Die politische Eskalation innerhalb der nationalen Öffent­lichkeiten, die durch diese zeitliche Koinzidenz von Massenmigration und Terror­ begünstigt wurde, steht uns allen lebhaft vor Augen. Nicht erst der Ausgang des britischen Referen­dums im Juni 2016 macht es unabweisbar, dass die Nachkriegsordnung unseres Kontinents in ihren Grundfesten erschüttert ist. Weiterlesen