InDepth – shortread: Robotik – was vom Hype übrig bleibt…

Foto: Thomas Koziel

Nicole Thiemer

Für manchen mag es ungewöhnlich scheinen, sich dem Thema Robotik aus philosophischer Perspektive zu nähern. Denn Robotik – das ist ganz oberflächlich gesprochen: eine angewandte Wissenschaft, die es mit Technik zu tun hat – und ihrem Ruf zufolge hat die Philosophie es eigentlich wenig bis gar nicht mit Anwendung und technischer Praxis zu tun. Dies ist natürlich ein Vorurteil – das schon seit langer Zeit besteht – und auch schon seit genauso langer Zeit in die Irre führt. Der bekannte Philosoph Theodor W. Adorno hat den vielzitierten Satz geprägt, dass „die Idee der Wissenschaft […] Forschung [ist; N. T.], die der Philosophie Deutung.“[1] Diesem Gedanken schließe ich mich an, jedoch nur in dem Sinne, dass Philosophie keine experimentelle Forschung ist – und es die Philosophie mit dem Deuten, mit dem kritischen Reflektieren zu tun hat. Im Vordergrund des folgenden Gedankengangs steht ein philosophischer Reflexionsgang, in dem es mir insbesondere um das Thema: Technik als Kultur geht, was meines Erachtens gegenwärtig in der verstärkten Diskussion um das Pro und Kontra der Technisierung der menschlichen Lebenswelt, von der ein Teil die zukunftsweisenden Möglichkeiten der Robotik sind, zu selten berücksichtigt wird.

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InDebate: Leit- als Leidkultur. Die Leitkulturdebatte im Kontext der kulturellen Moderne

Paul Stephan

Wie bewertet man eigentlich Kulturen? Nietzsche etablierte dafür die Unterscheidung zwischen Leid- und Freudkulturen. Jene haben das primäre Ziel, Leid zu vermindern, diese wollen Freude vergrößern. Jene basieren auf negativen Stimmungen wie Angst, Wut und Kränkung, ihr Grundbedürfnis ist das nach Sicherheit; diese auf positiven Affekten wie Mut, Gelassenheit und Stolz, sie stehen im Zeichen der Freiheit. Jene neigen dazu, sich abzuschotten und imaginäre Kompensationsmechanismen zu entwickeln, die ihre Angehörigen in falscher Sicherheit wiegen. Diese sehen in der Konfrontation mit dem Außen gerade Bedingung ihrer Stärke und Möglichkeit des eigenen Wachstums, Leiderfahrungen werden in ihnen nicht unbedingt vermieden, sondern als notwendige Bedingungen der Freude erkannt. Jene tendieren dazu, mit der Möglichkeit des Leids auch die intensiver Freude aus der Welt zu schaffen. Diese sind jenen vorzuziehen: Es sind Kulturen des Wachstums und der Lebensfülle, Leidkulturen solche der Stagnation und des Niedergangs. Die Dominanz einer Leidkultur ist Symptom tiefliegender Pathologien an der Basis einer Gesellschaft. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Das gemeinschaftliche Selbst: Eine Afrikanische Debatte

Foto Cioflec

Eveline Cioflec

Die afrikanischen Auffassung des Selbst spiegelt sich in einer übergreifenden Ethik des Communalismus, der Gemeinschaftlichkeit wieder, das im mittlerweile zum Schlagwort gewordenen Konzept des Ubuntu reflektiert wird. Ubuntu kennzeichnet eine Lebensphilosophie oder eine Lebenshaltung, in der das Individuum als moralisch, sozial, relational und einfühlsam aufgefasst wird. Diese Lebensphilosophie oder Lebenshaltung bezieht sich auf die Gemeinschaft mit anderen und kennzeichnet die Verbundenheit der Mitglieder dieser Gemeinschaft untereinander so, dass eine Person von den anderen abhängt um Person zu sein. Ohne auf die Auffassung von Ubuntu näher einzugehen, werde ich diese recht umstrittene Lebenshaltung zum Anlass nehmen, das gemeinschaftliche Selbst im afrikanischen Denken näher zu betrachten.[1] Weiterlesen

InDebate: Plädoyer für eine aktivierende christliche Politikethik – Zur gegenwärtigen Herausforderung christlicher Sozialethik

Jürgen Manemann

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presidencia.gov.ar [CC-BY-SA-2.0 (https://creativecommons.
org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Ein Gespräch, das die „ZEIT“ mit Julie Coudry, einer der wichtigsten Anführerinnen der Studentenproteste in Frankreich im Jahre 2006, und Florian Lux, einem Studenten aus Heidelberg, führte, endet mit folgenden Sätzen:

„ZEIT: Welche Träume haben Sie beide?
Coudry: Keine Träume, keine Idole.
Lux: Große, generelle Träume? Nein, keine.
ZEIT: Gar keine? Anders gefragt: Wie wollen Sie in zehn Jahren leben?
Lux: Wenn ich das wüsste.
Coudry: Das ist ja das Schicksal unserer Generation: Wir wissen das nicht mehr.“

Keine Träume, keine Wünsche, keine Visionen – jeglicher Möglichkeitssinn scheint abhanden gekommen zu sein. Weiterlesen