InDepth – shortread: Ritualisierte Lebensbewältigung. Analyse von Religionen als „Lebensformen“*

Dietrich Schotte

(1) Ein neuer Ansatz in der Religionsphilosophie?

Diskussionen in der Religionsphilosophie können bisweilen verwirrend sein – weil sich die Beteiligten oft nicht einig sind, worüber sie eigentlich reden, wenn sie von „Religion“ sprechen.

Das ist erst einmal irritierend, schließlich gebrauchen wir „Religion“ im Alltag meist ohne größere Schwierigkeiten. Jede von uns kann auch schnell Beispiele nennen, falls jemand fragen sollte, wovon denn die Rede sei, wenn das Wort „Religion“ fällt – der Islam, der Hinduismus, das Christentum, die Liste ließe sich leicht fortsetzen. Und im Alltag wissen wir auch, wie wir mit Aussagen der Art „Fußball ist ihre Religion!“ umzugehen haben: Wir verstehen, dass die Sprecherin nicht meint, dass „Fußball“ eine Religion wie die oben genannten sei, sondern, dass jemand ihn so behandelt, als ob … ; und dass dies ungewöhnlich ist, weswegen es derart betont wird. Der Begriff von Religion, der im Alltagsgebrauch unserer Sprache sedimentiert vorliegt, ist übrigens auch hinreichend robust, um fiktive Praktiken als Religion einordnen zu können, etwa den Kultus des „Ertrunkenen Gottes“ im Lied von Eis und Feuer.

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Schwerpunktbeitrag: Robuste Gelassenheit in Zeiten des Fundamentalismus – Zur Aktualität von Richard Rortys religionspolitischem Pragmatismus

Martin Müller

  1. Religionspolitischer Pragmatismus als Antwort auf die Herausforderung des Fundamentalismus:

Weltweit ist ein Erstarken fundamentalistischer Religionsformen zu beobachten. In Europa sind es dabei vor allem Islamisten, die unsere liberale Kultur der Freiheit und Toleranz bedrohen. Die Terroranschläge einer kleinen Minderheit militanter Islamisten sind dabei nur die (spektakuläre) Spitze des Eisbergs. Wie sollen säkulare Bürger auf die fundamentalistische Herausforderung reagieren, ohne dabei selbst in eine antiliberale Haltung gegenüber der Religion im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen zu verfallen? Im Anschluss an den Denkweg des amerikanischen Philosophen Richard Rorty vom Atheismus zu einem religionspolitischen Pragmatismus lautet die Antwort auf diese drängende Frage: robuste Gelassenheit. Weiterlesen

InDebate: Donald Trump and Pragmatism

https://www.flickr.com/photos/einalem/2446885789

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Recently, „The Washington Post“, „Le Monde“ as well as „Die Süddeutsche Zeitung“ published articles claiming a close connection between the rise of Donald Trump and philosophical pragmatism. Post-truth politics is said to be a product of pragmatist thinkers like John Dewey or William James. When three major newspapers across three countries heap reproaches so far-fetched, a philosophical reply is needed. Dr. Harvey Cormier (Stony Brook University, NY), Dr. Roberto Frega (CNRS, Paris), and Dr. Ana Honnacker (FIPH, Hannover) elaborated on why it is misguided to pose a justificatory link between pragmatist ideas and Trumpism. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Von der Seele zum Selbst. Probleme des Person-Verständnisses im Pragmatismus

Joas Foto

Hans Joas

In seinem überaus einflussreichen Lehrbuch ‚Principles of Psychology‘ von 1890 zitiert William James einen Autor, der die ganze Idee von einer Seele als Ausgeburt eines philosophischen Denkstils bezeichnet, dessen Hauptmaxime es ist, genau das, worüber man gar nichts weiß, als die Erklärung von allem anderen zu bezeichnen. Aber nicht alle Denker des 19. Jahrhunderts, die den Begriff der Seele obsolet fanden, schlugen schlicht seinen Ausschluss aus der wissenschaftlichen Begriffssprache vor. Andere empfahlen eine Rettung von Teilen seines Bedeutungsgehalts, indem diese verteidigenswerten Teile auf neue philosophische und wissenschaftliche Grundlagen gestellt wurden. Es waren diese Versuche zur Transformation des Seelenbegriffes, die zum Begriff des Selbst führten, den wir heute in Psychologie und Soziologie verwenden. Die klassischen Autoren des Pragmatismus spielten in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Schon häufig wurde – unter anderem auch von mir selbst – geschildert, wie wichtig das lange Kapitel über das Selbst in James’ ‚Psychologie‘ in dieser Hinsicht war und wie es zum Ausgangspunkt für die folgende, jüngere Generation von Pragmatisten – Denker wie John Dewey, George Herbert Mead und Charles Horton Cooley – wurde, von hier aus Anregungen von Fichte und Hegel zur menschlichen Intersubjektivität neu aufzugreifen und daraus eine Theorie der sozialen Konstitution des Selbst zu entwickeln. Weiterlesen