InDebate: Plädoyer für nicht-anthropozentrische Philosophie

Iwona Janicka_foto (1)

Iwona Janicka

In den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren ist eine bedeutsame Verschiebung in der Philosophie zu beobachten, in der unsere Beziehung zur Außenwelt radikal überdacht wird. Ein neuer Begriff „Neo-Materialismus“ oder „Neuer Materialismus“ wurde ins Leben gerufen, um diese philosophische Verschiebung in Richtung Materie oder so genannten „non-humans“ (der Umwelt, der Tiere, der Pflanzen, der Technologie, der künstlichen Intelligenz, der Maschinen) zu bezeichnen. Philosophen und Geisteswissenschaftler wie zum Beispiel Donna Haraway, Manuel De Landa, Karen Barad, Rosi Bradotti, Jane Bennett, Bill Brown, Bruno Latour sind einige der wichtigsten Denker, die die zentrale Stellung menschlicher Wesen in der Philosophie des Abendlandes problematisieren. Warum ist diese Problematisierung wichtig und warum findet sie jetzt statt? Weiterlesen

InDebate: Was ist das – das Anthropozän?

Johannes Frisch - Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane in Die Gartenlaube, 1853 ("The Garden Arbor"), S. 36-38  (https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADie_Gartenlaube_(1853)_b_037.jpg)

Johannes Frisch – Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane in Die Gartenlaube, 1853 („The Garden Arbor“), S. 36-38 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A Die_Gartenlaube_(1853)_b_037.jpg)

Jürgen Manemann

Was ist das – das Anthropozän? Zunächst einmal ein Begriff. Wir benötigen Begriffe, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Begriffe führen uns aber nicht automatisch zur Erkenntnis. Sie können sogar von ihr wegführen. Es bedarf Begriffe, die, wie Theodor W. Adorno fordert, das auf den Begriff Gebrachte – das Begrifflose – hervortreten lassen, ohne es dem Begriff gleichzumachen. Das bedeutet, dass wir uns „die Begriffe nicht mehr nur schenken lassen, sie nicht nur reinigen und aufhellen, sondern sie allererst machen, schaffen, hinstellen (…).“ Begriffe müssen also „erfunden, hergestellt oder vielmehr erschaffen werden“ (G. Deleuze/F. Guattari, 10). Es gibt Begriffe, die willkürlich sind, haltlos, und es gibt Begriffe, die triftig sind. Es gibt Begriffe, denen wir vertrauen, und solche, denen wir misstrauen. Aber: Es gibt keinen einfachen Begriff. Gilles Deleuze und Félix Guattari bringen es auf den Punkt: Jeder Begriff ist eine Mannigfaltigkeit. Er besitzt nicht nur eine Komponente, sondern mehrere. Mannigfaltig sind Begriffe nicht zuletzt deshalb, weil sie eine Geschichte haben. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Kerntechnik denken – Ausgehend von den Technikdiskursen bei Heidegger

Akitomi

Katsuya Akitomi

Vorwort

Am 11. März 2011 war die Tohoku-Gegend von einem heftigen Erdbeben und einem gewaltigen Tsunami betroffen. Der daraus entstandene Schaden ist enorm. Der von einem Seebeben verursachte Tsunami hat in Gestalt einer grausamen Schlammflut im Handumdrehen Städte und Felder in der Küste im Nordosten Japans überflutet und dabei viele Menschen in den Tod gerissen. Zerstörung und Feuer legten in weiten Gebieten die Verkehrs- und die Informationsnetze lahm. Nachdem das Wasser zurückgegangen war, blieben riesige Haufen von Schutt und Leichen zurück. Im Laufe der letzten zweieinhalb Jahre überstieg die Zahl der Toten 15.800, und selbst heute beträgt die Zahl der Vermissten immer noch mehr als 2.600. Dazu haben mehr als 280,000 Menschen ihre Wohnung verloren und sahen sich zu Flucht und Umsiedelung gezwungen. Weiterlesen

InDebate: Technik als Anti-Natur in der Natur selbst? Aus der Sicht der „Compassion“ auch im buddhistischen Sinne

Ryosuke Ohashi

Köln, Rheinbrücke im Hochwasser
(c) Ryosuke Ohashi

Robert Smithon, Spiral Jetty, 1970, in: Kunst des 20. Jahrhunderts
(c) Robert Smithon

(1) Die Natur hat das Leben hervorgebracht, das in seiner langen Evolutionsgeschichte auch die Menschengestalt angenommen hat. Der Mensch besitzt die Technik, so glaubt er zumindest, mit der er als „Herr und Besitzer der Natur“ (Descartes) diese zu beherrschen, zu ändern und auch zu zerstören imstande ist. Allerdings ist die heutige Lage der Technikwelt auch so zu bezeichnen, dass eher der Mensch vom sich selbst vorantreibenden Mechanismus der Technik wie z.B. des Aktien- und Kapitalmarktes besessen wird. Wenn eine neue Ware durch die moderne Technik hergestellt wird, wird sie im Vergleich mit der älteren Version in vielen Hinsichten verbessert. Zugleich wird aber noch ausdrücklicher, dass sie nicht zum Zweck der Erfüllung der Bedürfnisse der besseren Qualität, sondern zum Zweck der Erweckung dieser Bedürfnisse produziert wird. Weiterlesen