In Debate: The Return of History

Moira Pérez PhD

“Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der Ausnahmezustand in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht.”

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, These VIII.

On March 2022, a few days after the first strikes of the Russian army on Ukrainian territory began, Time Magazine published a special issue on the topic with the title “The Return of History”, subtitled “How Putin Shattered Europe’s Dreams”. As a backdrop, the cover featured a full-page, almost black and white photograph of a military tank with six soldiers looking straight into the camera. Although the phrase was most likely meant metaphorically and is obviously hyperbolic, the cover did express what seemed to be a widespread sentiment: something important had changed, and (Western) Europe was confronted with a reality it had deemed long gone, or at least, safely restrained.
For those of us attentive to discourses around history, however, this cover – as many comments and declarations by analysts, journalists and politicians which followed a similar pattern – tapped into fundamental questions about how events are framed in specific temporal and spatial narratives.

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InDepth – longread: „Februar. No pasarán.“ Paul Celan als politischer Dichter

Paul Stephan

Vorbemerkung: Es handelt sich im Folgenden um das nur geringfügig veränderte Skript eines Vortrags, den ich am 27. Januar 2021 anlässlich des Gedenktags an die Befreiung von Auschwitz am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover hielt. Die philosophische Hauptreferenz der folgenden Ausführung ist Jacques Derridas Aufsatz Schibboleth. Für Paul Celan (Wien 1986). Für die Details zu Celans Biographie habe ich meist auf die sehr gründlichen Kommentare in der von Barbara Wiedemann besorgten Gesamtausgabe von Celans Gedichten (Berlin 2018) zurückgegriffen. Aus dieser Ausgabe sind auch sämtliche zitierten Texte von Celan entnommen. Weitere verwendete Quellen sind der Aufsatz Paul Celan – Paul Eluard, Entgegnung und Einvernehmen von Evelyn Hünnecke (in: Arcadia 32 [1997], S. 169–174) und die Monographie Dichtung wider Dichtung. Paul Celan und die Literatur (Göttingen 2006) von Jean Bollack.

I. Einleitung: Zu Paul Celan

Paul Celan wurde am 23. November 1920 in Czernowitz geboren. Eine Stadt mit einer großen jüdischen Gemeinde, der er auch selbst angehörte, die damals Teil Rumäniens war und heute zur Ukraine zählt. Am 20. April 1970 beendete er vermutlich sein Leben, indem er sich vom Pont Mirabeau in seiner Wahlheimat Paris in die Seine stürzte.

2020 jährte sich also Celans Geburtstag zum 100. Mal, sein Sterbetag zum 50. Mal. „Es ist Zeit“, könnte man, um sein berühmtes Gedicht Corona zu zitieren, dessen Titel aus der gegenwärtigen Erfahrung heraus einen eigenartigen Beigeschmack erhält, sagen, dass wir uns dem Werk eines der berühmtesten deutschsprachigen Poeten der Moderne aus einer neuen Perspektive nähern, oder sogar, wie es im selben Text heißt: „Es ist Zeit, daß es Zeit wird.“

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Schwerpunktbeitrag: Braucht Europa eine starke Erzählung?

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Albrecht Koschorke

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Die Ehrung*, die mir heute abend zuteil wird, hat mich umso mehr gefreut, als sie ganz unerwartet kam. Auch wenn das im Rahmen dieser Feier anders klingen mag, ist meine Studie Hegel und wir nämlich auf keine große Resonanz gestoßen. Und das kann ich leider gut verstehen. Denn vor allem mit dem zweiten Teil des Buches, dem Teil über ‚uns‘ in Europa, habe ich bis zum letzten Tag der Manuskriptabgabe gehadert. Ein Grund dafür liegt in zeitlichen Umständen. Das Buch ist unter dem Eindruck der sich verschärfen­den Krise Europas, vor allem im Hinblick auf den drohenden Staatsbankrott Griechenlands und die damit verbundenen Diskussionen entstanden. In die Wochen der Schlussredaktion fiel der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Als das Buch im Juni 2015 erschien, beherrschte der massenhafte Zustrom von Migran­ten über die Balkan­route die Gemüter. Seither gab es, in immer dichterer Folge, verheerende Terror­anschläge auch auf europäische Ziele. Die politische Eskalation innerhalb der nationalen Öffent­lichkeiten, die durch diese zeitliche Koinzidenz von Massenmigration und Terror­ begünstigt wurde, steht uns allen lebhaft vor Augen. Nicht erst der Ausgang des britischen Referen­dums im Juni 2016 macht es unabweisbar, dass die Nachkriegsordnung unseres Kontinents in ihren Grundfesten erschüttert ist. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Einige Erwägungen, warum Philosophie (nicht nur heute) interkulturell ist und sein muss

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Ram A. Mall

„Ich habe oft betont: Die westliche Philosophie (mutatis mutandis gilt dies für alle Philosophien, Vf.) kann sich nicht endlos nur innerhalb ihrer eigenen Tradition bewegen, ohne provinziell zu werden.“
Mircea Eliade

1. Schon das Kompositum „außereuropäische Philosophie“ verrät ein langlebiges Vorurteil, als stünde das Kompositum „europäische Philosophie“ im Zentrum und stellte das eine allgemeingültige universelle tertium comparationis dar. Will Philosophie sich nicht provinzialisieren (was sie in der Tat nicht wollen kann und soll), so muss sie sich „inter-kulturalisieren“, ob dies nun im ‚engeren’ Sinne intra-kulturell oder im weiteren Sinne interkulturell geschieht, also zwischen Platon und Epikur, Descartes und Hume, Hegel und Schopenhauer, Habermas und Lyotard, Nagarjuna und Shankara, Lao Tzu und Konfuzius oder im ‚weiteren’ Sinne inter-kulturell zwischen Platon und Vedanta Philosophie, Nagarjuna und Hume geschieht. Denn es sind stets unterschiedliche Kulturen der Philosophie, die sich da begegnen. Schopenhauer fühlt sich der Lehre Buddhas näher als der Hegels. Weiterlesen