InDebate: Moralische Unsicherheit – wie funktioniert das?

Silvana Hultsch

Darian ist Mitte fünfzig und Philosoph – Vollzeit. Seine Freunde beschreiben ihn als liebenswürdigen und lebensfrohen Menschen, der sich in gemeinnützigen Projekten engagiert. Schon zu seiner Schulzeit war er politisch aktiv. Er studierte Philosophie, Politik und Wirtschaft in England und Amerika, um mehr über die Welt zu lernen und darüber, wie er sein altruistisches Engagement am besten ausrichtet. Er fühlt sich generell privilegiert und möchte seine Möglichkeiten nutzen, um einen Beitrag zu gesellschaftlichen Problemen zu leisten. Seine Promotion und anschließende wissenschaftliche Karriere fokussierten sich auf die Ethik. Ihn treibt die Frage um, wie er am besten Gutes tun kann und was das überhaupt bedeutet. Auf keinen Fall möchte er gravierende moralische Fehler begehen. Er hat zahlreiche Bücher zur Moralphilosophie publiziert und sein Beruf verlangt eine ständige Auseinandersetzung mit dieser. Darian kennt sich mit den großen Ethiken aus. Aristoteles‘ Nikomachische Ethik, Kants kategorischen Imperativ und Mills Utilitarismus. Sie alle waren große Denker mit ausgefeilten Konzepten darüber, wie wir uns in Bezug auf andere verhalten sollten. Das kleine Problem mit einer Fülle an Ethiken ist, dass sie in verschiedenen Entscheidungssituationen verschiedene Handlungen und Gedanken für richtig oder falsch halten. Was soll man nun in einer schwierigen Entscheidungssituation tun, in der es potenziell um Leben und Tod geht und in der zwei Ethiken gar gegensätzliches empfehlen, jeweils mit ganzheitlichem Geltungsanspruch?

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Schwerpunktbeitrag: Moralisches Fühlen

Christian Thies

Wer sich aus philosophischer Sicht mit moralischen Gefühlen beschäftigen möchte, muss zunächst klären, was unter diesem Begriff zu verstehen ist. Das ist nicht einfach, denn philosophiegeschichtlich, empirisch-wissenschaftlich und lebensweltlich werden sehr unterschiedliche Ausdrücke verwendet, unter anderem „Empfindung“, „Affekt“ und „Emotion“. Als Grundbegriff eignet sich „Fühlen“. Das substantivierte Verb betont den prozessualen Charakter dieser Dimension menschlichen Daseins und verhindert vielleicht das Missverständnis, es handele sich um neurobiologisch, psychologisch und soziokulturell klar abgrenzbare Entitäten. Das Adjektiv „moralisch“ wird hier deskriptiv verwendet. Im weiteren Sinne soll es das Fühlen bezeichnen, das sich positiv oder negativ auf andere Personen oder soziale Situationen richtet; im engeren Sinne ist moralisches Fühlen ein unabdingbarer Bestandteil jedes sozialen Handelns. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Gibt es moralische Tatsachen?

Christoph Halbig

Eine Klärung der Frage, ob es moralische Tatsachen gibt, setzt eine Klärung der Frage voraus, worum es sich bei solchen Tatsachen, gäbe es sie denn, überhaupt handeln könnte. Diese Frage ist in der Philosophie in hohem Maße strittig. Ich möchte mich ihr daher nicht über die Vergegenwärtigung philosophischer Positionen, sondern auf dem Wege einer phänomenologischen Verständigung nähern, die versucht, die Eigenart moralischer Tatsachen durch Abgrenzung zu anderen, wenn auch verwandten Arten von Tatsachen zu bestimmen.

Es ist ohne Zweifel eine Tatsache, dass man im deutschen Straßenverkehr verpflichtet ist, die rechte Fahrbahnseite zu nutzen, und es ist eine Tatsache, dass man beim Schach den Turm nicht diagonal bewegen darf. Wie unterscheiden sich solche Tatsachen von der moralischen Tatsache, dass es verwerflich ist, ein Baby zu quälen? Weiterlesen

Pro und Contra: Gibt es moralische Rechte?

Pro: Georg Lohmann

Warum es sinnvoll sein kann, von „moralischen Rechten“ zu sprechen

„Moralische Rechte“ scheinen Zwitterwesen zu sein. Je nach dem, was man unter Moral und unter Recht (law, objektives Recht, Rechtsinstitution) versteht, bekommt auch der Begriff eines Rechts (right, subjektives Recht) von A (paradigmatisch einer Person) einen anderen Sinn. Eine Reihe von klassischen Autoren (J. Bentham und H. Kelsen z.B.) halten den Begriff eines rein moralischen (subjektiven) Rechts für „Unsinn auf Stelzen“ oder für „leer“ und „redundant“, weil er nichts anderes beinhalte, dass jemand anders (B) moralische Pflichten gegenüber A habe. Und so wird er in der Tat auch von vielen gegenwärtigen Moralphilosophen verstanden, die glauben, dass, wenn A und B wechselseitige moralische Pflichten haben, man genauso gut sagen könnte, dass A ein Recht hat, und B entsprechend verpflichtet sei und umgekehrt. Solche Auffassungen stützen sich auch häufig auf die sogenannte Interessen-Theorie, nach der ein wohlbegründetes Interesse von A schon ausreicht, dass A auch ein Recht habe, sein Interesse zu verwirklichen. Hier wird aber der Begriff „Recht“ nur noch funktional oder rhetorisch (wie z.B. auch U. Wolf, wenn sie von Tierrechten sprechen will) verwendet, und dabei scheint es keinen Unterschied mehr zu machen, ob man von Pflichtenrelationen oder von Recht-Pflichten-Relationen spricht. So eine Auffassung von „moralischen Rechten“ erscheint mir in der Tat nicht bloß ausgedünnt leer, sondern auch philosophisch gesehen hochstaplerisch und verwirrend. Weiterlesen