InDepth – longread: Hoffnungsvolle (Re)Visionen des Technischen im Zeitalter des Chthuluzän

Jan Büssers

Abstract

Das Chthuluzän ist ein Zeitalter, in dem die Hoffnung für alle In-der-Welt-seienden Agent*innen wieder wachsen muss. Nur in der Allianz von Mensch(en), Natur und Technik wächst das Rettende. In der Entwicklung einer neuen Ontologie, die sich am Aufeinandertreffen in der Welt orientiert, kann das komplexe Netz der Verweisungen (technischer Systeme) wieder denkbar und begreifbar gemacht werden. Dieser Essay plädiert für eine Neubegegnung mit der Welt in ihrer Gesamtheit aus Natur und (Techno)Kultur, um das mythisch gewordene Sosein der Technik neu denken zu können und damit neue Antworten auf die drängenden Fragen dieser Zeit entwickeln zu können. Er greift dabei auf die Positionen neomaterialistischer Denker*innen zurück und versucht eine Zusammenführung mit technikphilosophischen Positionen und Ansätzen, sowie einem generellen Nachdenken über Technik. Die Frage nach der Technik muss sich immer mit der Frage danach verbinden, worauf wir hoffen dürfen – mit einem Wir, das Menschen wie die Anderen-in-der-Welt-Seienden (critters) meint. Dabei soll herausgestellt werden, dass es den Menschen, mit deren Fähigkeit zum Antworten, d.i. response-ability, obliegt, in eine lebbare Zukunft zu weisen, für die es sich zu hoffen und zu kämpfen lohnt.

Einleitung

Unter dem Motto „Fridays for Future”[1] gehen aktuell international Schüler*innen auf die Straße, um für eine nachhaltige Klimapolitik zu demonstrieren. Die Jugend begehrt auf, um ihre Zukunft zu schützen. Die Zeit scheint gekommen, in der das Damoklesschwert des Klimawandels über dem reichen Gabentisch des Kapitalismus nicht länger ignoriert werden kann. Der Klimawandel ist zum Sinn- und Streitbild des ausufernden technischen Systems geworden, das sich auf fossile Brennstoffe gründet und in der scheinbaren Omnipräsenz seiner Auswirkungen den Begriff des Anthropozän hervorgebracht hat, d.i. das Zeitalter der Allgegenwart der Spuren des Menschen in der (Um)Welt.

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InDebate: Würde, Autonomie und „Arbeitswelt 4.0“

Fischer Foto

Michael Fischer

„Industrie 4.0“, bis vor kurzem noch ein Insiderbegriff in Fachkreisen der Technik- und Industrieforschung, erreicht allmählich eine breitere Öffentlichkeit, wie jüngst in der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnung der Cebit-Messe in Hannover. Es soll ausdrücken, dass wir uns nach der 1. Industriellen Revolution (Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft), der 2. (Massenfertigung mit Fließbändern), der 3. (IT-Einsatz und Automatisierung der Produktion) nunmehr in einer 4. Industriellen Revolution befänden, die v.a. durch digitale Vernetzung, künstliche Intelligenz und die entsprechende Automatisierung ganzer Produktions- und Dienstleistungssysteme charakterisiert sei – und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeitswelt, ja auf die ganze Art und Weise des Zusammenlebens denen der 1. Industriellen Revolution in nichts nachstünden. Der Begriff soll für radikale Umwälzungen stehen, die im Zusammenhang mit Fortschritten der Digitalisierung und digitaler Vernetzung eher früher als später zu erwarten sind und an die Politik und Wirtschaft große Erwartungen, allerdings auch manche Befürchtung knüpfen – Anlass genug, um grundsätzlich über das Verhältnis von Technik, Leben und Arbeiten im Zeitalter der Digitalisierung und digitalen Vernetzung nachzudenken. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Kerntechnik denken – Ausgehend von den Technikdiskursen bei Heidegger

Akitomi

Katsuya Akitomi

Vorwort

Am 11. März 2011 war die Tohoku-Gegend von einem heftigen Erdbeben und einem gewaltigen Tsunami betroffen. Der daraus entstandene Schaden ist enorm. Der von einem Seebeben verursachte Tsunami hat in Gestalt einer grausamen Schlammflut im Handumdrehen Städte und Felder in der Küste im Nordosten Japans überflutet und dabei viele Menschen in den Tod gerissen. Zerstörung und Feuer legten in weiten Gebieten die Verkehrs- und die Informationsnetze lahm. Nachdem das Wasser zurückgegangen war, blieben riesige Haufen von Schutt und Leichen zurück. Im Laufe der letzten zweieinhalb Jahre überstieg die Zahl der Toten 15.800, und selbst heute beträgt die Zahl der Vermissten immer noch mehr als 2.600. Dazu haben mehr als 280,000 Menschen ihre Wohnung verloren und sahen sich zu Flucht und Umsiedelung gezwungen. Weiterlesen

InDebate: Technik als Anti-Natur in der Natur selbst? Aus der Sicht der „Compassion“ auch im buddhistischen Sinne

Ryosuke Ohashi

Köln, Rheinbrücke im Hochwasser
(c) Ryosuke Ohashi

Robert Smithon, Spiral Jetty, 1970, in: Kunst des 20. Jahrhunderts
(c) Robert Smithon

(1) Die Natur hat das Leben hervorgebracht, das in seiner langen Evolutionsgeschichte auch die Menschengestalt angenommen hat. Der Mensch besitzt die Technik, so glaubt er zumindest, mit der er als „Herr und Besitzer der Natur“ (Descartes) diese zu beherrschen, zu ändern und auch zu zerstören imstande ist. Allerdings ist die heutige Lage der Technikwelt auch so zu bezeichnen, dass eher der Mensch vom sich selbst vorantreibenden Mechanismus der Technik wie z.B. des Aktien- und Kapitalmarktes besessen wird. Wenn eine neue Ware durch die moderne Technik hergestellt wird, wird sie im Vergleich mit der älteren Version in vielen Hinsichten verbessert. Zugleich wird aber noch ausdrücklicher, dass sie nicht zum Zweck der Erfüllung der Bedürfnisse der besseren Qualität, sondern zum Zweck der Erweckung dieser Bedürfnisse produziert wird. Weiterlesen