Schwerpunktbeitrag: Der letzte Universalismus. Kontingenz, Konflikt und normative Demokratietheorie*

Karsten Schubert

Die Debatte um die politische Differenz stellt Kontingenz und Konfliktualität als fundamentale Eigenschaften des Politischen heraus. Dies stellt die postfundamentalistische Demokratietheorie, die auf Augenhöhe mit dieser Debatte argumentieren will, vor ein Problem: Durch die Kontingentsetzung aller normativen Begründungen ist zunächst unklar, welche Art von demokratischen Institutionen wie begründet werden kann, und sogar, ob es überhaupt eine von der postfundamentalistischen Sozialontologie ausgehend argumentierende normative Begründung für demokratische Institutionen geben kann. Meine These ist, dass Freiheit, verstanden als kontinuierliche selbstreflexive Kritik, derjenige normative Begriff ist, der sich aus der Sozialontologie von Konflikt und Kontingenz herleiten lässt. Anders gesagt: Freiheit als Kritik ist derjenige Universalismus, der sich aus der Ontologie des Partikularismus ableitet. Freiheit als Kritik kann dabei einerseits das Operieren einiger Institutionen in liberal-pluralistischen Demokratien beschreiben, und andererseits als normativer Kritikbegriff für die Analyse ihrer Dysfunktionalität dienen. Weiterlesen

InDebate: Moralische Verantwortung ohne Schuld

RUB; Prof.Marie-Sibylla Lotter;

Maria-Sibylla Lotter

Man kann sich schwer vorstellen, wie das menschliche Zusammenleben funktionieren könnte ohne geregelte Praktiken zur Bewältigung von Verletzungen, Schäden und Missachtungen, die Menschen einander absichtlich oder unabsichtlich zufügen, kurz: ohne Verantwortung. Menschen erwarten von einander, Rede zu Antwort zu stehen, wenn sie gewisse Dinge getan haben, die Fragen aufwerfen; damit sind auch gewisse normative Erwartungen verbunden wie die, sich zu entschuldigen, aber auch Maßnahmen der Wiedergutmachung oder Bestrafung. Auch wenn es nicht in allen Sprachen ein spezielles Wort für Verantwortung gibt, existieren solche Praktiken in allen Kulturen. Weiterlesen

Pro und Contra: Gehören Freiheit und Wohlstand zusammen?

Pro: Steffen Hentrich

Foto Hentrich

Wohlstand ist das Resultat der schöpferischen Nutzung natürlicher Ressourcen. Wohlstand bedeutet aber auch Wohlbefinden, Sicherheit, Unabhängigkeit und die Chance auf gesellschaftliche Teilhabe. Er umfasst nicht nur den Zugang zu materiellen Gütern und Dienstleistungen, sondern schließt auch die Freiheit des Menschen ein. Technologischer und gesellschaftlicher Fortschritt sind ohne menschliche Kreativität und freiwilligen Austausch undenkbar. Seit der industriellen Revolution und der sich beschleunigenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Globalisierung hat der Wohlstand der Menschheit einen ungekannten Wachstumsschub erlebt, begleitet von einer Demokratisierung der menschlichen Gesellschaft. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Mensch und Person

16 Foto Borsche

Tilman Borsche

Bei einer derartigen Begriffserörterung wird man nicht erfahren, was der Mensch oder was die Person ist. Bedeutungsfragen kennen keine endgültigen Antworten. Kein Wort hat Bedeutung an sich; gerade deshalb sind Worte so aufschlußreich und beunruhigend. Aber man wird vieles wiedererkennen. Was ich hier betreibe, ist Spurensuche im Feld der Begriffe. Der Weg ist die Botschaft. Folglich werden meine Ausführungen auch nicht abgeschlossen sein; sie führen nicht zu einem Ergebnis, das man getrost mit nach Hause nehmen könnte. Man könnte allerdings lernen, die beiden in Frage stehenden Begriffe, ‚Mensch’ und ‚Person’, nachher etwas vorsichtiger zu verwenden. Damit wäre schon viel erreicht. Weiterlesen

InDebate: „Du bist… der Erste Beweger!“ – Ayn Rands totaler Liberalismus

kainz

 

Peter Kainz

Im deutschen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs wird die amerikanische politische Theoretikerin Ayn Rand (1905-1982; geb. Alissa Sinowjewna Rosenbaum in St. Petersburg) bislang weitestgehend ignoriert. Nicht einmal in Henning Ottmanns beeindruckender und umfassender Geschichte des politischen Denkens findet sich im Band zum 20. Jahrhundert die Darstellung einer Autorin, deren Werke in den USA millionenfach verbreitet sind, deren Denken von eigenen Think Tanks (z. B. Atlas Society oder Ayn Rand Institute) propagiert wird und deren Theorie des „Objektivismus“ zeitweise an Instituten renommierter amerikanischer Universitäten diskutiert wurde. Diverse Mitglieder der amerikanischen Elite bekennen sich zu den Ideen Rands, exemplarisch genannt seien Ex-Notenbankchef Alan Greenspan, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder auch der republikanische Kandidat für das Amt des US-Vizepräsidenten bei den Wahlen 2012, Paul Ryan, der freilich einen formvollendeten „flip-flop“ hinlegte, als ihm bewusst wurde, dass sich Rands Vorstellungen so gar nicht mit einer religiösen Wählerschaft vertragen können.[1]  Weiterlesen

Philosophie am Kröpcke: Ist der Mensch ein freies Wesen? (Teil 2)

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die am Institut erforscht werden, weiß und hält. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph-Journals führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die nicht schnell genug flüchten, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie.

Eingeschüchtert vom medialen Echo über die „Illusion der Freiheit“ wollten wir diesmal von den Hannoveranern und ihren Gästen erfahren, ob der Mensch ein freies Wesen ist. Auszüge aus den profunden Antworten lesen Sie hier … Weiterlesen

Philosophie am Kröpcke: Ist der Mensch ein freies Wesen? (Teil 1)

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die am Institut erforscht werden, weiß und hält. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph-Journals führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die nicht schnell genug flüchten, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie.

Eingeschüchtert vom medialen Echo über die „Illusion der Freiheit“ wollten wir diesmal von den Hannoveranern und ihren Gästen erfahren, ob der Mensch ein freies Wesen ist. Auszüge aus den profunden Antworten lesen Sie hier … Weiterlesen

InDebate: Die Grenzen der Freiheit

Individuelle Autonomie muss in ihren Wirkungen auf die Weltbevölkerung und künftige Generationen gedacht werden

Felix Ekardt

Die gleiche Freiheit aller Bürger ist bis heute selbst bei jenen, die universalistisch denken, meist als Ordnung innerhalb von Gesellschaften gedacht worden – aber nicht als Ordnung zwischen den Gesellschaften und zwischen den Zeiten. In diesem Sinne genießen heute die im Okzident lebenden 20 % der Menschheit die größte Freiheit seit Menschengedenken. Der größere Teil der Menschheit dagegen lebt in z.T. unvorstellbarer Armut und unter repressiven, freiheitsfeindlichen Regierungen. Und jungen und künftigen Menschen drohen wir verbrannte Erde zu hinterlassen. Sobald nun Länder wie China oder Indien unseren Lebensstil übernehmen – wie sie es, mit sichtbaren Auswirkungen auf den Ölpreis, gerade versuchen –, droht unsere heutige Existenzform zusammenzubrechen, weil unsere Ressourcenbasis und das globale Klima dies nicht hergeben. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Grenzen der Freiheit

Annemarie Pieper

Annemarie Pieper

Werfen wir zunächst einen Blick auf unser Alltagsverständnis. Wenn wir für uns Freiheit beanspruchen, so verlangen wir damit, dass jeder tun und lassen kann, was ihm beliebt, sofern und solange er dadurch die Freiheit anderer nicht oder jedenfalls in keiner unzumutbaren Weise beeinträchtigt. Die Freiheit des laisser faire ist daher jene Vorstellung von Freiheit, die wir auf Anhieb mit dem Wort Freiheit assoziieren. Entsprechend halten wir eine totale Unabhängigkeit in materieller Hinsicht für das Allerwünschenswerteste, weil wir glauben, dann völlige Wahlfreiheit zu haben und uns jeden Wunsch erfüllen zu können. Weiterlesen