InDepth – shortread: Ritualisierte Lebensbewältigung. Analyse von Religionen als „Lebensformen“*

Dietrich Schotte

(1) Ein neuer Ansatz in der Religionsphilosophie?

Diskussionen in der Religionsphilosophie können bisweilen verwirrend sein – weil sich die Beteiligten oft nicht einig sind, worüber sie eigentlich reden, wenn sie von „Religion“ sprechen.

Das ist erst einmal irritierend, schließlich gebrauchen wir „Religion“ im Alltag meist ohne größere Schwierigkeiten. Jede von uns kann auch schnell Beispiele nennen, falls jemand fragen sollte, wovon denn die Rede sei, wenn das Wort „Religion“ fällt – der Islam, der Hinduismus, das Christentum, die Liste ließe sich leicht fortsetzen. Und im Alltag wissen wir auch, wie wir mit Aussagen der Art „Fußball ist ihre Religion!“ umzugehen haben: Wir verstehen, dass die Sprecherin nicht meint, dass „Fußball“ eine Religion wie die oben genannten sei, sondern, dass jemand ihn so behandelt, als ob … ; und dass dies ungewöhnlich ist, weswegen es derart betont wird. Der Begriff von Religion, der im Alltagsgebrauch unserer Sprache sedimentiert vorliegt, ist übrigens auch hinreichend robust, um fiktive Praktiken als Religion einordnen zu können, etwa den Kultus des „Ertrunkenen Gottes“ im Lied von Eis und Feuer.

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Schwerpunktbeitrag: Religion im Aufwind? Beobachtung – Kritik – Plädoyer

Hans-Joachim Höhn

Dass die Moderne einmal ganz von der Religion loskommen könnte, gehört offensichtlich zu den Illusionen, von denen sie loskommen muss. Zu diesem Geständnis wird sie weniger von außen durch das Erstarken einer religiös-fundamentalistischen Gegenmoderne als durch den internen Vorgang einer „entgleisenden Modernisierung“ (J. Habermas) genötigt. Ihre Leitidee, wonach eine ständig weiter ausgreifende Naturbeherrschung, eine permanente Erweiterung des Wohlstands durch ökonomisches Wachstum sowie eine selbstbestimmte Identität des Subjekts durch Emanzipation von überkommenen Wertvorstellungen zu realisieren sind, hat sich offenkundig verbraucht. Dass es technisch Unableitbares, ökonomisch Unverrechenbares und politisch Unverfügbares gibt, das in Modernisierungsprozessen verkannt oder unterschlagen wurde und dessen Leerstellen zunehmend deutlich werden, gehört zur Einsicht in die Dialektik der Moderne. Heißt dies nun, dass sich für die Religion eine zweite Chance als Instanz der Sinnstiftung auftut, nachdem die profanen Gegenkräfte ihren Anspruch auf exklusive Weltdeutung aufgeben mussten? Weiterlesen

Pro und contra: War Kant Anti-Judaist?

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Pro: Eva Bucher

War Kant Anti-Judaist? Darauf kann man philosophisch antworten, also nicht biographistisch, sondern systematisch. Denn es ist möglich zu fragen, ob der Autor Immanuel Kant in seinen philosophischen, insbesondere seinen religionsphilosophischen Werken auf systematischer Ebene antijudaistisch argumentiert hat. Und dazu muss man sagen: Ja, das hat er. Weiterlesen

InDebate: Stranger Things? – Naturalistische Religionsphilosophie

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Gregor Reimann

Gemäß der Zeitdiagnose von Jürgen Habermas gehören die »gegenläufigen Tendenzen« von Naturalismus und Religion zu den wesentlichen Herausforderungen der Gegenwart.[1] Vor allem in Anbetracht des religiös motivierten Terrorismus und der Diskriminierung von Minderheiten im Namen Gottes ist eine kritische Auseinandersetzung mit religiösen Sinndeutungssystemen unabdingbar. Ob sich religiöse Überzeugungen rational rechtfertigen lassen, ist deshalb nach wie vor eine der Grundfragen der Religionsphilosophie.[2] Dort, wo sich die Vernunft den Glauben vornimmt, besteht zumindest die Hoffnung, dass auch der Glaube Vernunft annimmt. Rationale Glaubensverantwortung ist noch immer die beste Prophylaxe gegen Fundamentalismus und Fanatismus. Weiterlesen