Schwerpunktbeitrag: Religion im Aufwind? Beobachtung – Kritik – Plädoyer

Hans-Joachim Höhn

Dass die Moderne einmal ganz von der Religion loskommen könnte, gehört offensichtlich zu den Illusionen, von denen sie loskommen muss. Zu diesem Geständnis wird sie weniger von außen durch das Erstarken einer religiös-fundamentalistischen Gegenmoderne als durch den internen Vorgang einer „entgleisenden Modernisierung“ (J. Habermas) genötigt. Ihre Leitidee, wonach eine ständig weiter ausgreifende Naturbeherrschung, eine permanente Erweiterung des Wohlstands durch ökonomisches Wachstum sowie eine selbstbestimmte Identität des Subjekts durch Emanzipation von überkommenen Wertvorstellungen zu realisieren sind, hat sich offenkundig verbraucht. Dass es technisch Unableitbares, ökonomisch Unverrechenbares und politisch Unverfügbares gibt, das in Modernisierungsprozessen verkannt oder unterschlagen wurde und dessen Leerstellen zunehmend deutlich werden, gehört zur Einsicht in die Dialektik der Moderne. Heißt dies nun, dass sich für die Religion eine zweite Chance als Instanz der Sinnstiftung auftut, nachdem die profanen Gegenkräfte ihren Anspruch auf exklusive Weltdeutung aufgeben mussten? Weiterlesen

Pro und contra: War Kant Anti-Judaist?

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Pro: Eva Bucher

War Kant Anti-Judaist? Darauf kann man philosophisch antworten, also nicht biographistisch, sondern systematisch. Denn es ist möglich zu fragen, ob der Autor Immanuel Kant in seinen philosophischen, insbesondere seinen religionsphilosophischen Werken auf systematischer Ebene antijudaistisch argumentiert hat. Und dazu muss man sagen: Ja, das hat er. Weiterlesen

InDebate: Stranger Things? – Naturalistische Religionsphilosophie

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Gregor Reimann

Gemäß der Zeitdiagnose von Jürgen Habermas gehören die »gegenläufigen Tendenzen« von Naturalismus und Religion zu den wesentlichen Herausforderungen der Gegenwart.[1] Vor allem in Anbetracht des religiös motivierten Terrorismus und der Diskriminierung von Minderheiten im Namen Gottes ist eine kritische Auseinandersetzung mit religiösen Sinndeutungssystemen unabdingbar. Ob sich religiöse Überzeugungen rational rechtfertigen lassen, ist deshalb nach wie vor eine der Grundfragen der Religionsphilosophie.[2] Dort, wo sich die Vernunft den Glauben vornimmt, besteht zumindest die Hoffnung, dass auch der Glaube Vernunft annimmt. Rationale Glaubensverantwortung ist noch immer die beste Prophylaxe gegen Fundamentalismus und Fanatismus. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Globale Pilgerschaft: Religiöse Semantik mit weltpolitischem Potential

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Mariano Barbato

Die Globalisierung setzt so große Migrationsströme in Gang, dass das „Global Age“ (Martin Albrow) mitunter als „Age of Migration“ (Stephen Castles / Mark J. Miller) erscheint. Andere sprechen ganz fundamental von „Liquid Times“ (Zygmunt Bauman), weil sich nicht nur ein neuer Übergang der Moderne von einem „Ancien Régime“ zu einem „Novus ordo seclorum“ abzeichnet, sondern Bewegung, Beschleunigung, Mobilität, Flexibilität und Prozess selbst zum Signum der Zeit werden. Die Zeiten verflüssigen nicht nur alles, sie halten auch alles flüssig. Die politische Metapher des staatlichen Leviathans, der sich auch weniger monströs als „Vater Staat“ vorstellen lässt, scheint nicht mehr in die Zeit von Turbokapitalismus, digitalen Datenautobahnen, Klima und Kriegs- und Armutswanderung zu passen. Die alte Weisheit Heraklits „Panta rhei – Alles fließt“ erfasst in einer für die Moderne und ihr stählernes Gehäuse von Nationalstaat und Volkswirtschaft ungewohnten Weise Politik und Ökonomie. Grundlegende Vorstellungen politischer Sesshaftigkeit stehen zur Disposition. Eine neue politische Anthropologie scheint heraufzuziehen, die nicht nur den sozialstaatlich abgefederten Staatsbürger auf die Notwendigkeit der Wanderschaft vorbreitet, sondern die Stabilität der Verfasstheit einer politischen Gemeinschaft selbst in den Prozess regionaler und globaler Governance-Metamorphosen einschmilzt. Den postmodernen Nomaden der Globalisierung steht die Welt offen. Sie wissen jedoch selten, ob der neue Weidegrund so ertragreich sein wird wie erhofft. In jedem Fall wird es zu einer ungleichen Verteilung bei seiner Ausbeutung kommen. Sie rechnen genauso mit Krisen, wie sie Raubzüge als probates Mittel der Ressourcensicherung und der Markterschließung einplanen. So prekär und krisenanfällig dieses Modell sein mag und obgleich, mit Augustinus gesprochen, die Frage aufkommen könnte, ob politische Formationen sich hier nur noch mit der Binnenmoral der Räuberbande betreiben lassen, so müssen doch auch die Erfolge der Nomaden eingeräumt werden. Der neoliberale Turbokapitalismus hat eine so große Wachstumsdynamik losgetreten, dass eine Rückkehr in statisch-staatlich eingehegte Wachstumsmodelle in keiner Ecke der Welt mehrheitsfähig ist. Bis auf wenige Ausnahmen schotten sich weder Autokratien noch Demokratien vom Weltmarkt ab. Eine restaurative Kritik im Sinne einer Rückkehr zu Vater Staat würde die Nostalgie des alten Sozialstaats einem Test unterwerfen müssen, den diese kaum bestehen könnte, und den neuen Mittelschichten des Globalen Südens die Grundlage ihres hart erworbenen Wohlstands entziehen. Schnell wären zumindest letztere wieder in ihren Bauernkaten, die noch nichts gemein haben mit idyllischem Wohnen im restaurierten Altbau, das die arrivierten globalisierungskritischen Mittelschichten der alten Sozialstaaten gelegentlich anstreben. Da sich der große Sprung nach vorn ins kommunistische Paradies als Salto mortale in den Abgrund erwiesen hat, empfehlen ihn nur noch die Ewiggestrigen. Wenn man sich dennoch eine kritische Distanz zu den Segnungen des liberalen Kapitalismus bewahren möchte, um seine Schwachstellen angehen zu können, bedarf es vielleicht auch hier einer „christlichen Verschärfung“ (Jürgen Manemann) des Unterwegsseins des Nomaden. Die Vorstellung der Pilgerschaft könnte dem Nomaden einen neuen Deutungshorizont seines Unterwegssein verschaffen, der mit dem neuen Verständnis von Selbst und Gemeinschaft neue Handlungsoptionen erschließt. Weiterlesen

InDebate: Können Kulturen kämpfen?

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Lisz Hirn

Beweisen die weltweiten Attentate und Anschläge terroristischer Gruppen, dass wir uns schon mitten in einem „Kampf der Kulturen“ befinden? In seinem kontrovers diskutierten Buch argumentiert Samuel P. Huntington gegen die Vorstellung einer einheitlichen „Weltkultur“. Er geht davon aus, dass sich Konflikte zwischen den Zivilisationen zunehmend verschärfen werden. Viele seiner Prognosen haben sich bewahrheitet. Aber heißt das gleichzeitig, dass wir nun Huntingtons Weltbild übernehmen können?

Erinnern wir uns nochmal an eines der Ereignisse, das Anfang des Jahres 2015 für Aufsehen gesorgt hat. Zwölf Menschen werden im Januar bei einem Terror­anschlag auf die Redaktion des Magazins „Charlie Hebdo“ ermordet. Einmal mehr wird klar, dass Terror keine europäischen Grenzen kennt. Ein Aufschrei geht durch die westliche Zivilisation, man nimmt sich an den Händen und präsentiert eine zivilisatorische Einheit wie schon lange nicht mehr. Alle sind plötzlich Charlie, selbst die, die Charlie einen Tag vor dem Anschlag gar nicht kannten. Allerdings bleibt unklar, von wem eigentlich die Bedrohung ausgeht. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Die Aktualität der Mystik

Thies

Christian Thies

Wenn in der deutschen Philosophie von einer „Rückkehr der Religion“ gesprochen wird, nennt man meistens Jürgen Habermas. Dieser Hinweis ist jedoch nicht zutreffend, denn Habermas, der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet hat, interessiert sich nur für die moralische und politische Dimension der real existierenden Religionen, nicht für das Religiöse selbst. Ein viel besseres Beispiel sind die jüngsten Schriften von Ernst Tugendhat („Egozentrizität und Mystik“, München 2003 und „Anthropologie statt Metaphysik“, München 2007). Dagegen scheint auf den ersten Blick zu sprechen, dass sich Tugendhat gegen die Möglichkeit wendet, heute noch ein religiöser Mensch zu sein. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Hundert Jahre Leipziger Nachtgespräch. Philosophie und Religion im Dialog

Franco Rest


„Vom Tode, von der Furcht des Todes, hebt alles Erkennen des All an. Die Angst des Irdischen abzuwerfen, dem Tod seinen Giftstachel, dem Hades seinen Pesthauch zu nehmen, des vermisst sich die Philosophie.“ So beginnt das 1921 erstmals erschienene Hauptwerk des bedeutendsten jüdischen Philosophen der sog. Neuzeit, Franz Rosenzweig, der „Stern der Erlösung“. Weiterlesen