InDebate: Ein Jahr nach rechtsextremem Terror in Hanau: Über die Reproduktion von Rassismen in der gesellschaftlichen Mitte

Elisa Lara Yildirim

Photo by Markus Spiske on Unsplash

In Erinnerung an Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov
#SayTheirNames

Beim rechtsextremen Terroranschlag in der hessischen Stadt Hanau ermordete der 42-jährige Hanauer Tobias Rathjen am 19. Februar 2020 insgesamt zehn Personen aus rassistischen Motiven. In und vor zwei Shisha-Bars erschoss er erst neun Menschen mit Einwanderungsgeschichte, später auch seine Mutter in der elterlichen Wohnung. Zuletzt nahm er sich selbst das Leben. Vom Täter verfasste Dokumente zeigen eine klar völkisch-nationalistische Ideologie und extreme Vernichtungsfantasien von ganzen Bevölkerungsteilen auf, die u.a. untrennbar mit einer schizophrenen und narzisstischen Störung des Täters verbunden sind. Die These vom sogenannten Einzeltäter suggeriert eine isolierte Radikalisierung am rechten Rand der Gesellschaft, abseits des Konsenses. Die Existenz von rechtsextremem Rassismus ist nicht zu negieren. Inwiefern darüber hinaus jedoch von strukturellem Rassismus durch Abgrenzung bestimmter Gruppen von der Mehrheitsgesellschaft die Rede sein kann, welchen Einfluss kollektiv zugeschriebene Identität und die Reproduktion von Rassismen auf den Diskurs um Antirassismus und Inklusion ausüben, soll hier Thema sein.

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InDepth-longread: Knowledge and Compassion: Reflections on Institutional Racism in the U.S.A.

Yoko Arisaka

“Either we learn a new language of empathy and compassion, or the fire this time will consume us all”.
Cornel West
Race Matters, 1993.

In the wake of the pandemonium spreading across America after the May 27th murder of George Floyd in Minneapolis, the whole nation appears to have reached the point of irrevocable split. Is it finally the end of pretense of a great nation and a possible new beginning, or is it the ultimate downfall of a racist oligarchy, a “failed social experiment,” as Cornel West recently broadcasted?[1] The anger against the long-standing brutality and racism of the police, against white supremacy, against the entrenched history of racism everywhere, and against Trump erupted everywhere. But such protests were suppressed by force; they were anti-American. One thing is clear: the emotional explosions are immediate and intense; they have shattered the nation as well as families and friends. Violence and destruction have escalated everywhere. Social media are inundated with reports and commentaries that are meant to flame up the already unbearable situation. The whole nation is breaking down (again).

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InDebate: Die Theologie muss politisch werden! – Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag

Jürgen Manemann

Sie ist still geworden, die universitäre katholische Theologie.[1] Man hört ihre Stimme zwar immer wieder in binnenkirchlichen Debatten, aber gesellschaftspolitisch ist sie seit Längerem verstummt. Diese Stille wird jedoch zur Anklage in einer Zeit, in der sich allerorts Rassismus und Antisemitismus ausbreiten und in der der Zukunftshorizont zunehmend zu verfinstern droht. Unermüdlich versucht der Begründer der Neuen Politischen Theologie, der katholische Theologe Johann Baptist Metz, die Theologie dafür zu sensibilisieren, dass es ein „Zu-spät“ gibt. In seiner „5. These zur Apokalyptik“ zitiert er Bertolt Brecht: „Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, dann ruft niemand mehr: halt!“ Die Neue Politische Theologie von Metz ist eine Theologie des Protestes und der Bewegung. Als Protesttheologie will sie durch Unterbrechungen wachrütteln; als Bewegungstheologie wagt sie sich in Bereiche, die schmerzen.

Metz wird am 5. August 90 Jahre alt. Seine Forderung für die heutige Zeit ist klar: Theologie muss politisch werden. Um politisch zu werden, bedarf es eines „lebendigen Sinns für Ungerechtigkeit“ (Burkhard Liebsch). Denn das Politische kennen heißt fühlen, was ungerecht ist. Die Politische Theologie nimmt ein Missverhältnis wahr zwischen dem ungerechten Zustand in der Welt und den stetig anwachsenden theologischen Theorien über Gerechtigkeit. Nur der lebendige Sinn für Ungerechtigkeit ermöglicht es, die blinden Flecken in unseren Gerechtigkeitsdiskursen offenzulegen. Um politisch zu werden, so Metz, muss Theologie Christus so denken, dass er nie nur gedacht ist. Ohne Praxis gibt es nämlich keine Christologie: „Es kommt meines Erachtens darauf an, die gesellschaftlichen und politischen Bedingungszusammenhänge des Nachfolgehandelns vor Augen zu rücken.“[2] Vermutlich krankt die Theologie noch immer an einem abstrakten Praxisbegriff, der die Einsicht in die gesellschaftspolitische Grunddimension der Theologie versperrt. Einige Theolog*innen mögen einwenden, das sei doch alles bekannt. Und in der Tat: Metz weist darauf ja auch schon seit über 50 Jahren hin. Aber: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ (Hegel)

In der Zeit des Protestes und der Bewegung, 1968, erkannte Metz, dass das Leiden des Einzelnen immer auch als gesellschaftliches Unrecht verstanden werden muss. Aber als Dialektiker wusste er auch, dass der Sprung von der „Existenz“ in die „Gesellschaft“ in eine Erstarrung führt, wenn die „Gesellschaft“ nicht immer wieder neu durch den Einbruch der „Existenz“ in Bewegung gebracht wird: „Alle großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen können heute eigentlich nur noch durch Veränderungen bei und in uns selbst, in einer Art anthropologischer Revolution gelöst werden. Es geht heute, auch und gerade politisch, darum, daß wir ‚anders leben‘ lernen, damit andere überhaupt leben können.“[3] Dass der Mensch sich ändern kann, an dieser Hoffnung hält Metz fest. Sie gründet für ihn in der Fähigkeit zur Mitleidenschaft, durch die offenbar wird, dass der Mensch noch nicht völlig vergesellschaftet ist. Protest und Bewegung – das wären heute die Motoren einer zeitempfindlichen Theologie. Worauf wartet die Theologie noch?

Zum 90. Geburtstag von Metz erscheint eine Festschrift: Hans-Gerd Janßen / Julia D. E. Prinz / Michael J. Rainer / (Hg.), Theologie in gefährdeter Zeit. Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag (Lit-Verlag Münster)

Verfasser: Jürgen Manemann, Prof. Dr., ist Schüler von Johann Baptist Metz  und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind, neben Fragen der politischen Theologie, Umweltphilosophie und neue Demokratie- und Politiktheorien. Jüngste Veröffentlichungen u.a.: Manemann, Jürgen/Eike Brock, Philosophie des HipHop. Performen, was an der Zeit ist, Bielefeld 2018; Manemann, Jürgen, Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?, Bielefeld 2015; Manemann, Jürgen, Kritik des Anthropozäns. Plädoyer für eine neue Humanökologie, Bielefeld 2014; Manemann, Jürgen, Wie wir gut zusammen leben. 11 Thesen für eine Rückkehr zur Politik, Ostfildern 2013; Manemann, Jürgen/Arisaka, Yoko/Drell, Volker/Hauk, Anna Maria, Prophetischer Pragmatismus. Eine Einführung in das Denken von Cornel West, München 22012.

© Jürgen Manemann

[1] Ich beziehe mich im Folgenden auf die Situation der katholischen Theologie in Deutschland. Theologie ist nicht nur in verschiedene Einzeldisziplinen untergliedert, es gibt auch eine Pluralität von verschiedenen Zugängen zur Gottesfrage. Dennoch geht es allen Theologien immer um das Ganze. Diesem Anspruch versucht die Neue Politische Theologie, die nicht als Bereichstheologie missverstanden werden darf, aus der Perspektive des Bilderverbotes gerecht zu werden. Und so geht es ihr immer um ein „Mehr als das Ganze“ (T. R. Peters). Als „Theologie mit dem Gesicht zur Welt“ (Metz) arbeitet sie gegen die Amnesien in der Gesellschaft. Und so erinnert sie immer wieder neu an die universale Hoffnung auf Gerechtigkeit, die sich mit dem Wort Gott verbindet. Nun gibt es zwar durchaus einzelne Theolog*innen, die ihre Stimme heute erheben. Aber es gelingt Theolog*innen nicht, gemeinsam ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu Gehör zu bringen.
[2] J. B. Metz, Zeit der Orden? Zur Mystik und Politik der Nachfolge, Freiburg 1977, 43.
[3] J. B. Metz, Unterwegs zur Zweiten Reformation. Oder: die Zukunft des Christentums in einer nachbürgerlichen Welt, in: abgedruckt in: J. B. Metz, Jenseits bürgerlicher Religion. Reden über die Zukunft des Christentums, München/Mainz 41984, 70-93, 85.

InDebate: Willkommen, aber unerwünscht. Die Kämpfe der Geflüchteten um Menschenrechte und Menschenwürde

Ein Interview mit Maissara Saeed, Refugee-Aktivist in Hannover
(englische Fassung siehe unten)

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Maissara Saeed, Yoko Arisaka, Jeanette Ehrmann, Michael Thomas

Maissara Saeed flüchtete 2010 von Omdurman in Sudan nach Deutschland, wo er politisches Asyl beantragte. 2012 erhielt er eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. In Sudan hat Maissara Saeed an der Universität Khartum einen Bachelor-Abschluss in medizinisch-technischer Laborassistenz und in klinischer Chemie erworben. Anschließend arbeitete er als medizinisch-technischer Assistent in verschiedenen Krankenhäusern in Omdurman sowie als Berater für soziale Arbeit im Bereich Kindergesundheit. Er war als Mediator für HIV-positive MigrantInnen am Ethno-Medizinischen Zentrum Hannover tätig und hat auf internationalen Konferenzen zahlreiche Vorträge zu den Themen Public Health und soziale Arbeit gehalten. Maissara Saeed ist Mitbegründer von drei NGOs: AFRIDE. AfrikanerInnen in Deutschland, The German Sudanese Association for Development und Al Bait Al Sudani Association. Zurzeit ist Maissara Saeed am Aufbau einer selbstorganisierten Empowerment-Gruppe von geflüchteten Menschen beteiligt.

Maissara, wie war Ihr erster Eindruck, als Sie in Deutschland angekommen sind?

Ich habe Sudan im Juni 2010 wegen der untragbaren Sicherheitslage und der politischen Instabilität des Landes verlassen. Ich flüchtete über Ägypten und Österreich und kam im August 2010 in Deutschland an. Weiterlesen